Süddeutsche Zeitung

Leistungszentrum des FC Bayern:Aufgemörtelt für Europa

  • Der FC Bayern beginnt den Bau seines millionenschweren Leistungszentrums für den Nachwuchs.
  • Erstmals zeigt sich Uli Hoeneß bei einem offiziellen Anlass - doch erwähnt wird er nicht.

Von Philipp Schneider

Matthias Sammer ließ seinen Blick aus erhöhter Position über ein weites Brachland streifen, das sich nun vor ihm auftat im Münchner Norden. Sammer sah: zwei Bagger, einen Kipplaster, einen Kran. Ansonsten? Viel Kies, die Überreste des versiegelten Bodens einer Tankstelle, ein paar Rohre. Mittendrin aber: ein schönes weißes Zelt, wie man es als wetterfesten Unterstand auf herbstlichen Gartenpartys schätzt. "Da rüber, zum weißen Zelt?", fragte der Sportvorstand des FC Bayern sicherheitshalber einen Sicherheitsmann, der seinen Posten auf einem kleinen Erdhügel bezogen hatte. "Ja, da rüber zum weißen Zelt", sagte der Mann auf dem Erdhügel. Sammer eilte also hinüber zu der kleinen Sause, die der deutsche Fußball-Rekordmeister am Freitagvormittag anlässlich einer für ihn strategisch bedeutenden Grundsteinlegung nahe der Arena zu feiern gedachte: Bis Saisonbeginn 2017/2018 soll auf einem ehemaligen Teil des Geländes der Fürst-Wrede-Kaserne in Fröttmaning das neue Nachwuchsleistungszentrum des FC Bayern München fertiggestellt sein.

Rund 70 Millionen Euro investiert der e.V. in eine Anlage mit mehr als 30 Hektar Grundfläche, auf der eine Fußballakademie, acht neue Fußballplätze und eine Mehrzweckhalle für die Handballer und Basketballerinnen entstehen sollen. Als "einen weiteren Meilenstein in der Geschichte unseres Klubs" lobte Präsident Karl Hopfner das Bauvorhaben in seiner Eröffnungsrede. Spieler selbst auszubilden, gehöre schließlich historisch zum Markenkern des FC Bayern, zum viel zitierten Mia-san-mia. Zuletzt sei allerdings klar geworden, dass die Münchner "im Vergleich zu allen anderen bedeutenden europäischen Klubs in dem Bereich Nachholbedarf haben."

Auf diesen gefühlten oder wahrhaftigen Wettbewerbsnachteil bei der Talentfindung und Talentbindung hatte zuletzt auch Karl-Heinz Rummenigge hingewiesen. Nachdem der Vorstandschef auf seinen Europareisen die Jugendleistungszentren von Manchester City, Tottenham, Arsenal und Chelsea besichtigt hatte, stellte er fest: "Die Engländer geben Vollgas, auch im Nachwuchsbereich."

Dass der FC Bayern nun selbst ein bisschen aufs Pedal drückt, beziehungsweise im Nachwuchsbereich "aufmörtelt", wie Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter in seiner Laudatio dichtete, das sei für die nationale Konkurrenz der Münchner sicher nur "beschränkt gut". Andererseits war ja ein schleichender Verfall der Ausbildungsqualität bei den Bayern zuletzt kaum zu übersehen: Als die U19-Auswahl des DFB im vorvergangenen Sommer Europameister wurde, stand kein einziger Spieler aus München im Kader. Die A-Jugend des Klubs war zuletzt 2004 deutscher Meister, die jüngsten Titel gingen nach Hoffenheim, Wolfsburg und Schalke. Seit zehn Jahren haben nur wenige eigene Talente den Sprung zu den Profis geschafft, sofort und ohne zwischenzeitliches Leihgeschäft durchsetzen konnten sich nur Thomas Müller und Holger Badstuber. "Müller, Badstuber, Alaba: Wir wollen, dass uns so etwas wieder passiert", forderte also Hopfner beim Festakt.

Hoeneß lehnt Interviews und Fleischpflanzerl ab

Als so etwas wie Müller, Badstuber oder Alaba den Bayern zuletzt passierte, war Hopfner noch nicht Vereinspräsident. Das Amt bekleidete Uli Hoeneß, der im Vorjahr wegen Steuerhinterziehung in sieben Fällen zu einer Haftstrafe von drei Jahren und sechs Monaten verurteilt worden war - der aber seit Anfang des Jahres , so dachte man, als Freigänger die Nachwuchsmannschaften des Klubs koordinieren soll. Hoeneß war am Freitag sogar anwesend, gemeinsam mit Rummenigge betrat er das Zelt, gemeinsam mit Rummenigge verschwand er wieder. Doch Hopfner erwähnte seinen Vorgänger mit keinem Wort. Das musste auffallen. Ein Zelt ist in der Regel voll, sobald es von Hoeneß betreten wird. Erst Recht, wenn er sich erstmals seit seiner Zeit in Haft öffentlich im Kreise seiner Vereinskollegen zeigt. Videokameras umkreisten ihn, Kameras klickten, Hoeneß lächelte stets freundlich, dann lehnte er Interviews und Teller mit Fleischpflanzerln ab.

Dass Hopfner Hoeneß nicht erwähnte, wirkte umso skurriler, je mehr Personen er dankte. Und das waren nicht wenige. Er dankte Oberbürgermeister Reiter, Oberschleißheims Bürgermeister Christian Kuchlbauer; er bedankte sich bei Rainer Koch, dem Präsidenten des Bayerischen Fußball-Verbands, beim zuständigen Architektenteam von Albert Speer und Partner, er grüßte alle Präsidiumskollegen und Mitarbeiter des Klubs. Und sogar die neuen Nachbarn: Oberstleutnant Heinz Ullrich aus der Fürst-Wrede-Kaserne - und Christine Joas, die Geschäftsführerin des Heideflächevereins Münchener Norden. Nur Hoeneß grüßte er nicht, der sich, so wirkte es, erstmals seit langer Zeit unaufgefordert in ein Bild schob, unter dem ihm eine Erwähnung in der Bildunterschrift verweigert wurde.

"Uli kümmert sich mit großem Engagement um die Nachwuchsleistungsmannschaften, das kann ich bestätigen", beschwichtigte Rummenigge auf Nachfrage. Dort bringe er "viel frischen Wind rein". Und worum ging es schließlich am Freitag? Nur um das Nachwuchsleistungszentrum. Nicht um die Nachwuchsleistungsmannschaften, die im Nachwuchsleistungszentrum trainieren werden.

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Quelle:
SZ vom 17.10.2015
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