Süddeutsche Zeitung

Leistungssport und Schule:"Alarmstufe rot"

Team Sport-Bayern berichtet über die Probleme im Nachwuchsleistungssport: Der Freistaat weist unter allen Bundesländern die zweitschlechteste Abdeckung mit Eliteschulen des Sommersports auf.

Von Thomas Becker, München

Zum Beispiel Lea Aschenberg: 15 Jahre alt, im Kader des Bayerischen Tennisverbands, Nr. 42 der deutschen U16-Juniorinnen. 240 Trainingstage im Jahr plus 60 bis 80 Wettkampftage. Ihr Tag sieht so aus: sechs Stunden in der 9. Klasse des Gymnasiums Unterhaching, halbe Stunde Fahrzeit, drei Stunden Lernen, Hausaufgaben, Nacharbeit, eineinhalb Stunden Athletik- und zwei Stunden Tennistraining. Ergibt eine 65-Stunden-Woche, das Wochenende nicht mitgerechnet, an dem Tennisspieler oft stundenlang auf dem Platz stehen. Umfänge, die sich kaum ein Erwachsener zumutet. Und doch: Dass bei nur zwei Stunden Tennis pro Tag am Ende eine Profi-Karriere herauskommt, "da müsste schon Weihnachten und Ostern zusammen kommen, dazu noch ein Übermaß an Talent und ganz viel Glück", sagt Bundestrainer Michael Kohlmann.

Team Sport-Bayern (TSB), der Zusammenschluss von 27 bayerischen Sportfachverbänden, hat unter anderen ihn eingeladen, um über den Schulnotstand im bayerischen Nachwuchsleistungssport zu reden. Der TSB-Vorsitzende Alfons Hölzl rief "Alarmstufe rot" aus: "Es besteht Handlungsbedarf." Im Verhältnis zur Bevölkerungszahl warte Bayern mit der zweitschlechtesten Abdeckung mit Eliteschulen des Sommersports nach Niedersachsen auf. In den Eliteschulen in München und Nürnberg werden 350 Talente beschult, in nur 16 von 33 olympischen Sportarten - gebraucht würden 1200 bis 1500 Plätze. Hölzl sagt: "Der Freistaat muss Bayerns Talenten helfen, konkurrenzfähig zu werden und zu hohe Drop-out-Quoten sowie die Abwanderung in andere Bundesländer verhindern."

Wie es funktionieren kann, machen seit Jahren die Wintersportler vor

So wie bei Turner Lukas Dauser: Der gebürtige Ebersberger startet für Unterhaching, trainiert aber in Berlin. "In meiner Sportart ist die Trainingsbelastung so hoch, dass sie kaum mit der hohen schulischen Belastung in Bayern in Einklang zu bringen ist", berichtet Dauser, der auf ein Privatgymnasium wechselte, das ihm Training am Vormittag ermöglichte. Oder Max Rehberg, Deutschlands bester Nachwuchs-Tennisspieler. Aus Wimbledon schickt er ein Video und erklärt das Dilemma: Um Schule und Leistungssport verbinden zu können, wechselte er nach der 10. Klasse an eine Teilpräsenzschule - in Mannheim. Ein absurder Schulweg für den Münchner, aber nur so konnte er ausreichend trainieren und bekam Befreiungen für Turniere. Ein paar Prüfungen noch, dann hat er sein Abi. Sein Vorschlag: "Man muss den Athleten den Alltag erleichtern, was mit der digitalen Schule gut möglich wäre."

Doch es fehlen nicht nur Plätze an den Eliteschulen, sondern ein Unterbau in Form der sogenannten Partnerschulen. Wie dieses System funktionieren kann, machen seit Jahren die Wintersportler vor. Neben den beiden Eliteschulen des Wintersports gibt es in Bayern 35 Partnerschulen des Wintersports, eine Kooperation von Freistaat, Deutschem Skiverband, Bayerischem Skiverband, Bayerischem Bob- und Schlittensportverband sowie Bayerischem Eissport-Verband. An diesen Schulen werden Kinder der Jahrgangsstufen fünf bis acht regional und wohnortnah gefördert, sind in einer "Sportlerklasse" konzentriert, werden für Training und Wettkämpfe freigestellt. Dabei ist eine Fernbetreuung über Mail, Zoom oder Mebis genauso organisiert wie Nachführ-Unterricht. Nachholschulaufgaben können außerhalb der Unterrichtszeiten geschrieben werden; Tutoren vermitteln versäumten Unterrichtsstoff.

Die Erfolge sprechen für sich: Bei Olympia 2010 waren 36 der 43 deutschen Medaillengewinner ehemalige oder aktuelle Eliteschüler, 2014 waren Eliteschüler an allen deutschen Medaillen beteiligt, und 2018 gingen 26 von 31 Medaillen auf ihr Konto. Im Sommersport gibt es in Bayern ein vergleichbares System bisher nicht. Die Folgen wird man nun wohl in Tokio besichtigen können.

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