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Belastung im Sport:Leistungsport ist ungesund!

Borussia Dortmund v FC Porto - UEFA Europa League Round of 32: First Leg

Einer, der oft mit Verletzungen zu kämpfen hat: BVB-Kapitän Marco Reus.

(Foto: Bongarts/Getty Images)

Überlastung ohne Pausen schadet dem menschlichen Körper, doch das hält niemanden davon ab, den Sport-Kalender unendlich aufzublähen. Und die Zuschauer machen mit.

Kommentar von Werner Bartens

Leistungssport ist ungesund. Das gilt nicht nur für Sportarten wie Boxen oder American Football, in denen es darum geht, dem Gegner auf den Kopf zu hauen oder ihn über den Haufen zu rennen. "Der große Sport fängt da an, wo er längst aufgehört hat, gesund zu sein", erkannte schon Bertolt Brecht, und der sportbegeisterte Poet wusste wenig von Funktionären oder "Mechanismen des Betriebs", wie Trainer, Manager und Vereinsbosse den Irrwitz des Spielplans beschönigend nennen.

Keine Saison wird so vollgepackt sein wie die kommende. Für Profifußballer aus der ersten Reihe bedeutet das englische Wochen, Klubwettbewerbe, dazwischen fragwürdige Länderspiele, und dann droht nach Saisonende die Europameisterschaft. In anderen Sportarten sieht es nicht viel anders aus. Das dicht gedrängte Programm ist teilweise der Corona-Pandemie und den erzwungenen Pausen im Frühjahr geschuldet. Die eng getaktete Hatz allein auf das Virus zu schieben, zielt indes am Problem vorbei. Die Branche hat es selbst verursacht.

Seit Jahren rennen, werfen, kämpfen und spielen Leistungssportler zu viel, zu oft, mit zu wenigen Pausen. Zumindest gilt dies für alle Disziplinen, in denen viel Geld im Spiel ist und Fernsehprämien sowie Werbeverträge Verbände und Vereine so reich machen, dass manches Dax-Unternehmen im Vergleich wie ein Krämerladen aussieht. Die Fifa generiert Gewinne in Milliardenhöhe aus der Weltmeisterschaft, die Uefa schöpft Riesensummen aus der Europameisterschaft und Klubwettbewerben. Aber auch die großen nationalen Verbände sowie jenes Dutzend Klubs, das seit Jahren die nationale Meisterschaft wie auch die Champions League unter sich ausmacht, profitieren in immer größerem Maßstab. Für die Basketballteams der NBA, die sich selbst als "Franchise" bezeichnen und nicht mal absteigen können, um weiter an die Töpfe zu kommen, für große Tennisturniere, die Formel Eins, Golf gilt das ebenso. Und die Zuschauer machen mit.

In manchen Sportarten wird bereits protestiert

Spitzensport - sofern er populär ist und sich vermarkten lässt - folgt einer kapitalistischen Verwertungslogik. Für Gesundheit ist wenig Platz. Schließlich ist seit Jahrzehnten bekannt, dass regelmäßige Bewegung zwar gesund ist, Überlastung ohne Pausen indes schadet. Das hat niemanden abgehalten, Wettbewerbe unendlich aufzublähen, unsinnige Spielrunden auszuloben (Nations League) und "Freundschaftsspiele" anzuzetteln, die niemanden mehr interessieren, aber die Kasse weiter klingeln lassen.

Jeder Kreisklassen-Trainer weiß, dass Gelenke knirschen und Muskeln reißen, wenn Spieler zu sehr getriezt und geschunden werden. Profiteams leisten sich zwar Athletiktrainer, Physiotherapeuten, Masseure und Psychologen, die Beschwerden lindern. Doch müssen sich diese fragen lassen, ob sie nicht Teil des Systems sind, das darauf abzielt, Sportler maximal auszubeuten. Schließlich machen sie es möglich, dass dieser wichtige Akteur "rechtzeitig wieder fit" wird - oder jener mental ausgelaugte Kicker auch gegen den Fünftligisten im Pokal oder in der Qualifikationsrunde um den Tritop-Cup motiviert ist.

Und Spieler und Trainer? Immerhin haben Handballer, Basketballer und zuletzt vereinzelt Fußballer protestiert, dass zu viel einfach zu viel ist. Allerdings bekommen die erfolgreichsten unter ihnen Schmerzensgeld in obszöner Höhe. Ob es das wert ist, den Rest ihres Lebens mit gewisser Wahrscheinlichkeit mit künstlichen Gelenken oder Matschbirne zu verbringen, müssen sie entscheiden. Wer sich jetzt über den Spielplan 20/21 beschwert, sollte allerdings nicht diese Saison isoliert herausgreifen. Die Kritik sollte vielmehr ein System umfassen, das längst degeneriert ist, den Spitzenathleten aber viele Privilegien bringt. Gesundheit gehört nicht dazu.

© SZ vom 17.09.2020
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