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Champions League:Leipzig legt schweres Gepäck ab

Champions League - Group H - RB Leipzig v Paris St Germain

Eine der Schlüsselszenen: Emil Forsbergs Elfmeter zum 2:1.

(Foto: REUTERS)

Nach zwei Niederlagen innerhalb weniger Tage zeigt sich RB gegen Paris verbessert und erhöht die Chancen aufs Achtelfinale. Gäste-Trainer Thomas Tuchel erlebt die nächste Debatte um seine Rolle.

Von Javier Cáceres, Leipzig

Mit langen Vorreden wollte sich das französische Medienkorps nach der 1:2-Niederlage in Leipzig nicht aufhalten. Kaum, dass die Pressekonferenz begonnen hatte, flogen die Pfeile auf Thomas Tuchel zu, den Trainer von Paris Saint-Germain. Ob er seine Lage im Lichte der Niederlage als geschwächt ansehe, wollte jemand wissen, und auch wenn Tuchels Mundwinkel hinter einer Maske in den PSG-Farben verborgen blieben, so war doch unschwer zu erkennen, dass ihm die Gesichtszüge nicht entglitten: "Non", sagte er bestimmt: "Nein."

Das heißt natürlich nicht, dass er glauben würde, die Debatten um seine Rolle würden jetzt verstummen, nachdem sie in Paris auch dieser Tage versuchen, ihn zu zermürben, obwohl er im Sommer vier Titel und das erste Champions-League-Finale für PSG erreicht hat. Aktuell hat Tuchel zwei Niederlagen in drei Gruppenspielen zu erklären - 1:2 gegen Manchester United, das Leipzig zuletzt 5:0 weggefegt hatte, und nun also ebenfalls 1:2 in der alten Messestadt. Gegen RB, den Halbfinalgegner der jüngsten Champions-League-Runde - ohne auf die beiden Ausnahmespieler Neymar und Kylian Mbappé zurückgreifen zu können; ohne die ebenfalls verletzten Zentralspieler Verratti und Paredes; ohne die entgegen Tuchels Wunsch abgegebenen Thiago Silva, Cavani und Choupo-Moting - und ohne Sommerpause, da PSG bereits kurz nach dem Königsklassen-Finale gegen Bayern in Frankreichs Liga wieder loslegen musste.

Drei Schlüsselmomente machte Tuchel für die Niederlage in Leipzig aus - alle gegen seine Mannschaft. Szene eins: der Elfmeter für PSG in der 16. Minute, den Ángel Di María vergab und so die Pariser um ein mögliches 2:0 brachte, das gar nicht unverdient gewesen wäre. Szene Nummer zwei: der "ohne Not" (Zitat Tuchel) verschuldete Handelfmeter, den der Schwede Emil Forsberg zum 2:1 (57.) verwandelte, nachdem Di María feinfüßig die Führung der Franzosen (6.) und Leipzigs Christopher Nkunku den zwischenzeitlichen Ausgleich erzielt hatte (42.). Szene Nummer drei: die gelb-rote Karte aus der 70. Minute gegen Idrissa Gueye: "Drei Szenen, die gegen uns liefen, das war ein bisschen viel, um ein besseres Resultat zu erzielen", fand Tuchel.

Vor allem die Unterzahl setzte seinem Team zu, wegen der starken physischen Komponente des Spiels der Leipziger. "Es gibt Mannschaften wie Ajax, Liverpool und Leipzig, die sehr körperlich spielen. Es ist schwierig, ein Spiel gegen so eine Mannschaft zu kontrollieren. Wir haben uns von der Leipziger Hektik und dem ganzen Lärm von der Seite anstecken lassen", sagte Tuchel. Dennoch: Auch zu zehnt - PSG erhielt erst in der Nachspielzeit die zweite Ampelkarte gegen Abwehrchef Kimpembe, der nun im Rückspiel gegen Leipzig ausfällt - schlug sich der französische Meister beachtlich genug, um den Sieg der Leipziger noch ein wenig größer zu machen.

Fast eine ganze Halbzeit lang hatte RB gebraucht, um sich gegen eine gut sortierte, engmaschig verteidigende PSG-Elf zurechtzufinden, Leipzigs erste lange Ballstafette führte direkt zum 1:1 des in Paris ausgebildeten Nkunku, der aus dem Rückraum von der Sechzehner-Linie abschloss. In den besten Leipziger Phasen war es vor allem Spielmacher Forsberg, der aufdrehte. Kurz nach der Pause, als die Partie kippte, setzte er nach einem Solo den Ball nur knapp über den Winkel. Und bei Kimpembes Handspiel stand er so nah bei seinem Gegenspieler, dass man fast meinen konnte, er habe den Strafstoß provoziert. Das Resultat war ein Sieg, den RB-Trainer Julian Nagelsmann als "bedeutenden Schritt für uns" feierte. Weniger, weil in der offenen Gruppe H Leipzig mit sechs Zählern nun punktgleich mit Man United an der Spitze der Tabelle steht. Sondern, weil Leipzig einen Schritt nach vorn gemacht hat.

Nach dem Debakel von Manchester hatte RB auch in Gladbach (0:1) verloren, und dieses Gepäck wurde noch schwerer, als PSG durch einen schrecklichen Fauxpas von Verteidiger Dayot Upamecano zur frühen Führung kam. Upamecano missglückte ein Rückpass auf Torwart Gulacsi, der sehr bemerkenswerte PSG-Stürmer Moise Keane nahm sich des Balles an und spielte ihn zu Di María, der kühl einschob. Kurz darauf gewann Gulacsi aber das nächste Duell mit Di María - den parierten Elfmeter bezeichnete auch Nagelsmann später als "winning-moment". Noch wichtiger war ihm jedoch die folgende Steigerung seiner Elf, "auch die Reaktion der Jungs untereinander. Gerade für eine junge Mannschaft wie uns ist es gut, dass man sich da selber rauszieht", betonte der Coach.

Nagelsmann hatte überhaupt wenig am auszusetzen. Einziger Wermutstropfen: Upamecano erlitt eine Muskelfaserverletzung im Oberschenkel und fällt für das Ligaspiel gegen Freiburg (Samstag) aus. Das Gegentor und weitere Pariser Chancen führte Nagelsmann vor allem auf individuelle Fehlleistungen zurück. Die Reaktion der Gruppe aber sah so aus, dass der Trainer die Konturen des RB-Spiels, das in der zweiten Halbzeit zur Entfaltung kam, schon vorher erkannte: "Sie haben von mir in der Halbzeit die Ansage bekommen, dass sie Zutrauen haben können, dass wir die bessere Mannschaft sind", so Nagelsmann: "Sie sollten eine Packung Mut draufpacken. Das haben sie gemacht."

So errang Leipzig einen durchaus verdienten Sieg, es war der erste von Nagelsmann gegen Tuchel. Die Revanche für das 0:3 im Lissabon-Halbfinale gegen PSG bedeutet, dass Leipzig nun bessere Karten hat als der Finalist 2020, der im Rückspiel in drei Wochen unter Siegzwang steht. Aber: "Wir haben noch immer die Chance, wir haben noch ein Rückspiel in Paris", sagte Tuchel.

© SZ vom 06.11.2020
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