Leipzig in der Champions League:Mit rotem Luftballon ins Achtelfinale

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Leipzig in der Champions League: Leipzigs Christopher Nkunku hatte sich etwas überlegt für den Fall eines Treffers - und er bekam früh die Gelegenheit, sein Mitbringsel zu zeigen.

Leipzigs Christopher Nkunku hatte sich etwas überlegt für den Fall eines Treffers - und er bekam früh die Gelegenheit, sein Mitbringsel zu zeigen.

(Foto: Jan Woitas/dpa)

RB dominiert die Partie gegen Donezk von Beginn an und schafft es dank eines überzeugenden 4:0 eine Runde weiter. Sorgen bereitet die Verletzung eines Nationalspielers.

Von Javier Cáceres, Warschau

Im Zentrum Warschaus steht, weiß-rot beflaggt, die Zentrale der polnischen Nachrichtenagentur PAP, die den Reporter Ryszard Kapuscinski vor Jahrzehnten anlernte. Ein paar Jahre vor seinem Tod 2007 traf Kapuscinski mit einem anderen Reporter zusammen, der es zu Weltruhm brachte, Gabriel García Márquez. Ob er denn seinen Geschichten mitunter ein Tränchen beigemengt habe, um der Wahrheit eine größere Wucht zu verleihen, fragte der Kolumbianer, und Kapuczinski soll ein betreten zu Boden geschaut haben.

Am Dienstag fand in Warschau, ein paar Kilometer von der PAP-Zentrale entfernt, ein Champions-League-Spiel zwischen Schachtar Donezk und RB Leipzig statt, dem ein "Tränchen" gut zu Gesicht gestanden hätte. Denn Leipzig ging so schnell in Führung, dass früh klar war, dass Leipzig sich für die K.-o.-Phase der Königsklasse qualifizieren würde. Am Ende siegten sie mit 4:0 - und schlossen die Vorrunde hinter Real Madrid (5:1 gegen Celtic Glasgow) als Zweiter der Gruppe F ab.

Die Konstellation vor Beginn der Partie besagte, dass den Leipzigern ein Punkt reichte, um weiterzukommen, die Ukrainer hingegen mussten gewinnen. Schachtar hatte die Europa League sicher. Donezk-Trainer Igor Jovicevic sagte am Vorabend aber: "Ich will mehr. Ich will das Unmögliche." Doch nach nur zwei Angriffen war klar, dass sich die Leipziger als übermächtig erweisen würden. Zwei Mal setzte Christopher Nkunku seinen deutschen Sturmkollegen Timo Werner im Strafraum in Szene; dieser scheiterte beide Male an Anatoliy Trubin. Beim zweiten Mal aber landete der Abpraller bei Nkunku. Und der hatte nicht die geringste Mühe, den Ball aus knapp zehn Metern flach im Tor unterzubringen (10.).

Was das erste Rätsel des Abends aufgab, war die überaus kuriose Art des Jubels Nkunkus. Der Franzose, der in den vergangenen Wochen an seine herausragende Form des Vorjahres angeknüpft hat, nestelte einen Luftballon aus dem Strumpf - und blies ihn auf. Das Rätsel bestand darin, dass die Motivlage unklar war. War die Geste politisch? Mitnichten. "Das war für meinen Sohn", sagte der famose Offensivspieler. "Er mag Ballons."

Das zweite Rätsel dürfte nicht nur die 26 045 Zuschauer im Legia-Stadion verunsichert haben. Sondern auch den Trainerstab des Deutschen Fußball-Bundes. Denn nach rund einer Viertelstunde legte sich Timo Werner auf den Rasen und deutete an, dass er nicht weiterspielen könne.

Der Grund dafür war, dass diverse Spieler Schachtars ohne Rücksicht auf sich selbst und vor allem den Gegner agierten. Ein Opfer war eben: Werner. Er bekam einen Schlag auf den Knöchel. Ob er eher Panik verspürte, das sichere Ticket zur WM in Katar aufs Spiel zu setzen, oder wirklich eine schlimmere Blessur erlitten hat, war zunächst nicht auszumachen. Zur zweiten Halbzeit aber kam aus dem Pressestab der Leipziger Entwarnung: Werner habe "nur" Schmerzen nach einem Tritt gegen das Sprunggelenk verspürt. Der Nationalspieler saß da schon recht entspannt auf der Ersatzbank.

Jenseits davon hatten die Leipziger die Partie so gut im Griff, dass RB-Coach Marco Rose die meiste Zeit an der Seitenlinie die Hände in den Hosentaschen behalten konnte.

Es war zwar erkennbar, dass es den Spielern Schachtars sehr daran gelegen war, Kampfkraft zu zeigen. Demonstrativ. Sie spielen, wie sie nicht müde werden zu betonen, stellvertretend für die ganze Ukraine, die am 24. Februar von Russland attackiert wurde; daher auch der Austragungsort Warschau. Mykhailo Mudryk, die junge Attraktion der Ukrainer, zeigte einige Male, wieso er zu den begehrtesten Spielern Europas zählt: Er ist eine Wucht an Tempo, Technik und Zielstrebigkeit. Aber die Defensive des DFB-Pokalsiegers stand so stabil, dass Schachtar in der gesamten ersten Halbzeit nur ein Mal in Richtung und kein einziges Mal auf das gegnerische Tor schoss.

Nach der Pause blieb den Ukrainern nichts anderes übrig, als das Heil in der verzweifelten Offensive zu suchen. Doch dann fingen sich die Ukrainer nach nur fünf Minuten ein nachgerade absurdes Gegentor. David Raum lief auf der linken Seite fast bis zur Grundlinie durch und schlug eine erstaunlich schlechte Flanke, die aber dennoch beim Rechtsverteidiger Mohamed Simakan landete. Dessen Kopfball flog in hohem Bogen durch den Fünfmeterraum. Und siehe: Dort drückte André Silva den Ball am ersten Pfosten über die Linie - obwohl dort auch Torwart Trubin stand.

Es folgte ein Aufreger: Lassina Traoré wurde im Strafraum von Kevin Kampl tendenziell elfmeterwürdig attackiert, der Videoschiedsrichter aber befand, das sich die Aktion im Rahmen des Erlaubten bewegte. Danach fiel Schachtar in sich zusammen.

Nkunku setzte seine Show mit zwei sehenswerten Vorlagen vor. Die erste hätte fast zu einem Tor von Emil Forsberg geführt, die zweite verwertete Szoboszlai zum 3:0 (62.). Kurz danach wurde der Ungar ausgewechselt - gegen seinen spanischen Freund Dani Olmo, der nicht einmal eine Minute brauchte, ehe auch er über ein Tor jubeln durfte.

Im Anschluss an einen kurz ausgeführten Freistoß zog er ab - und hatte Glück, dass Innenverteidiger Valriy Bondar den Ball leicht abfälschte. Er flog vom Innenpfosten ins Netz (68.), weshalb es korrekterweise als Eigentor gewertet wurde. Was blieb, war ein gefährlicher Schuss des aufregenden Mudryk, der kurz danach ausgewechselt wurde. In dem Wissen, dass diese Schachtar-Mannschaft zu klein ist für sein ungeheures Talent. Obschon sie, unter widrigen Umständen, immerhin die Europa League erreicht hat.

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