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Leipzig bleibt erster Bayern-Jäger:Kein Ende in Sicht

Darmstadt RB Leipzig Fußball Bundesliga Darmstadt 29 10 2016 Jonathan Heimes Stadion am Böllen

Weiß, wo's langgeht: Doppelter Torschütze Marcel Sabitzer.

(Foto: imago)

Das souveräne 2:0 in Darmstadt zeigt, dass sich Aufsteiger Leipzig in der Spitzengruppe der Bundesliga etabliert hat - dank der starken Bank. Nur gegen Vergleiche mit den Bayern wehren sich die Sachsen. Noch.

Von Frank Hellmann, Darmstadt

Keine Frage, Florian Jungwirth sah hinterher nicht wirklich gut aus. Die Unterlippe hatte sich der tapfere Recke vom SV Darmstadt 98 bei einem Zusammenprall aufgeschlagen, beinahe das gesamte Kinn war noch von Blut beklebt. Trotzdem erschien der 27-jährige Mittelfeldspieler nach der 0:2 (0:0)-Heimniederlage gegen RB Leipzig unter der Haupttribüne in jenem beengten Bereich, der irgendwo am Durchgang zwischen Schiedsrichter- und Heimkabine als Mixed Zone dient. "RB Leipzig war klar besser. Gegen diesen Gegner ist es unglaublich schwer, überhaupt nach vorne zu kommen", lobte Jungwirth. "Was die im Gegenpressing anstellen, ist Weltklasse!"

Eine Botschaft, die dem Verlierer im altertümlichen Stadion am Böllenfalltor wichtig war: Nicht der Gastgeber hatte bei seiner ersten Heimniederlage dieser Saison versagt, sondern der Gast hatte seine Qualität offengelegt. Ob der Aufsteiger nach dem FC Bayern der beste Gegner war, der nunmehr in fast anderthalb Bundesliga-Jahren hier vorgespielt hat? Der aus Gräfelfing am westlichen Stadtrand Münchens stammende Jungwirth kratzte sich kurz am kaputten Kinn. "Dortmund ist individuell auch sehr gut. Aber wie Leipzig als Mannschaft auftritt, ist schon stark."

Der Champions League nach aktuellem Eindruck allemal verdächtig, sollte das heißen.

Ralph Hasenhüttl kennt die Lobeshymen, die nun in immer kürzerer Folge auf den unbesiegten Tabellenzweiten verfasst werden. "Darmstadt ist schwer zu bespielen, wir haben das sehr souverän gelöst, in dem wir zweimal hervorragend durchgekommen sind", sagte Leipzigs Trainer, der irgendwann in diesem zähen Geduldsspiel selbst die richtigen Schlüsse zog. Mit der Einwechslung von Marcel Sabitzer brachte der Österreicher einen Landsmann als Türöffner, der beide Treffer erzielte: Erst vollstreckte Sabitzer nach Vorlage von Timo Werner 1:0 (57.), dann aus fast identischer Position nach Flanke des ebenso eingewechselten Oliver Burke (82.). "Ich bin instinktiv auf den kurzen Pfosten gelaufen", sagte der Matchwinner, der nach seinem überstandenen Bänderriss bald wieder Stammspieler sein möchte.

Sie laufen den Gegner müde - und wechseln dann den Joker ein

Leipzig verfügt allerdings auch auf der Bank über eine Qualität, bei der die meisten Konkurrenten vor Neid erblassen. "Wir rattern vorher so viele Kilometer runter, dass der Gegner müde wird. Und dann entscheiden diejenigen das Spiel, die später kommen", erklärte Werner die vielen Jokertore mit Bullenlogo. Tatsächlich ist die mannschaftliche Geschlossenheit ein Trumpf dieses Kaders, der Leipzigs Chefplaner Ralf Rangnick ein Stück weit stolz machte. "Heute war es wichtig, cool zu bleiben. Diese Mannschaft entwickelt sich immer weiter - und ich sehe kein Ende der Entwicklung."

Besonders gefallen hatte dem Sportdirektor das mutige Wechselspiel Hasenhüttls, "da hätte es ja auch andere Möglichkeiten gegeben." Die "no-risk-no-fun"-Variante, wie Rangnick die Hereinnahme der Offensivkräfte Sabitzer ("Der war wie eine Pistole im Anschlag") und Burke nannte, entspräche genau seiner Philosophie, die kein Limit vorsieht: Und wenn es mal eine Niederlage gäbe, "ist das für uns keine, weil wir daraus lernen werden." Der Supervisor spricht von "erhöhter Qualität in allen Bereichen." Und das beginnt in der Alltagsarbeit. "Durch die sieben Neuzugänge haben wir vom ersten Tag das Trainingsniveau deutlich erhöht."

Und so ist der Höhenflug eines erst mit sechs Gegentoren belasteten Neulings eben kein Zufallsprodukt. Nur mit einem darf niemand den Leipzigern kommen: mit irgendwelchen Bezügen zum Branchenführer. Beim Begriff Bayern-Jäger greift die kollektive Abwehrhaltung. "Bayern ist eine andere Liga", sagt der Trainer. Die meisten Spieler sagen am liebsten gar nichts dazu. Und erst recht will Rangnick nichts vom Spitzenspiel zum Jahresabschluss am 21. Dezember reden. "Vor den Bayern haben wir erstmal einige andere Aufgaben."

Hasenhüttl mit feiner Klinge gegen die Traditionalisten

Doch es muss auch in München als Alarmzeichen vernommen werden, dass die ersten Gegner bereits vor dem Brauseklub kapitulieren. "Gegen Leipzig kann man verlieren. Sie haben herausragende Spieler mit großer Schnelligkeit", befand Darmstadts Trainer Norbert Meier, der die Chancenlosigkeit in diesem Duell ohne jeden Groll als irgendwie unabänderlich hinnahm.

Seine ein Jahr vor dem Red-Bull-Klub erstklassig gewordenen Lilien, die mit dem Slogan "Aus Tradition anders" werben, hatten provokant einen "Traditionsspieltag" ausgerufen. Das begann bei einer im Retro-Stil verfassten Stadionzeitung, setzte sich über eine von Hand bediente Anzeigentafel fort und mündete in ein Banner mit der Aufschrift: "Nein zu Investoren, Wettbewerbsverzerrung & Fußball als Marketinginstrument".

Auch Hasenhüttl hatte die an der provisorischen Stahlrohrtribüne angebrachte Botschaft gesehen - und parierte auf der Pressekonferenz mit feiner Klinge: "Ich freue mich, dass Darmstadt so viel Tradition besitzt. Wir sind erst dabei, uns diese Tradition zu erarbeiten. Ich finde das genauso spannend, denn beides hat seine Berechtigung."

© SZ vom 30.10.2016
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