Leipzig im Halbfinale Elfmeter vorm Elfmeterschießen

Marcel Halstenberg trifft zum Sieg für Leipzig.

(Foto: Bongarts/Getty Images)
  • RB Leipzig gewinnt durch einen Elfmeter in der 120. Minute gegen den FC Augsburg und zieht ins Halbfinale des DFB-Pokals ein.
  • Nationalspieler Marcel Halstenberg trifft souverän.
  • Zuvor erzielte Augsburgs Alfred Finnbogason in der 94. Minute der regulären Spielzeit den Ausgleich.
Von Sebastian Fischer, Augsburg

Wenn sich einem Fußballer wie Daniel Baier beim Gedanken an ein Fußballspiel die Nackenhaare aufstellen, dann muss schon etwas Besonderes passieren. Baier, 34, ist seit rund 16 Jahren Bundesligaprofi, Kapitän des FC Augsburg, ein sogenannter Routinier. Doch bei der Aussicht, vom DFB-Pokalfinale zu träumen, so ließ er sich vor dem Viertelfinale gegen RB Leipzig im Augsburger Stadionheft zitieren, "bekomme ich Gänsehaut".

Am späten Abend saß Baier ausgewechselt auf der Bank, als die Entscheidung fiel, dass sein Traum ausgeträumt ist. Augsburg verlor 1:2 nach Verlängerung. Emotional genug für eine Menge Gänsehaut war das Spiel allerdings allemal.

Vor 25 263 Zuschauern war Leipzig durch Timo Werner (74. Minute) in Führung gegangen. Es fehlten nur Sekunden zum Sieg, doch Alfred Finnbogason (90.+4) sorgte durch seinen Ausgleich noch für die Verlängerung. In der Extrazeit war es dann Halstenberg, der nach einem Handspiel von Michael Gregoritsch den Siegtreffer erzielte. Gregoritsch sprang mit der Hand zuerst in eine Flanke - ein klarer Elfmeter und ein Blackout des Österreichers.

"Wir sind überwältigt, es war ein harter Kampf. Am Ende hat die Mannschaft sich in der Verlängerung belohnt. Für diesen jungen Klub ist das schon historisch", sagte RB-Geschäftsführer Oliver Mintzlaff bei Sky.

Nach dem Schlusspfiff kam es auf dem Rasen zu tumultartigen Szenen. Während die meisten Leipziger mit ihren Fans feierten, gingen mehrere Akteure der Gastgeber auf Schiedsrichter Tobias Stieler (Hamburg) los. Auch Mintzlaff und sein Gegenüber Stefan Reuter gerieten aneinander.

"Ich war bei Jens Lehmann und habe gesagt, dass es nicht fair ist, permanent bei uns in der Coaching Zone zu stehen. Da sind die Gemüter hochgekocht", sagte Mintzlaff. Manager Reuter erwiderte, dass Mintzlaff sehr wohl auch ihn direkt angesprochen habe. "Er nimmt jetzt wieder eine Ausrede. Er ist zu mir hinmarschiert. Das ist an Arroganz und Unverschämtheit nicht zu überbieten. Dass er zu uns läuft und uns beschimpft, ist eine Unverschämtheit", sagte Reuter.

Dabei startete das Spiel stimmungsvoll. Die Augsburger Fans nutzten die seltene Bühne - die ARD übertrug das Spiel live - um ein Transparent vom Kasperle aus der Augsburger Puppenkiste mit Pokal im Arm am Tribünendach aufzuziehen. Doch da die Mannschaft im Alltag gegen den Abstieg kämpft und auf eines der zurzeit besten Teams der Bundesliga traf, war die Frage berechtigt, wie das mit dem Gewinnen eigentlich funktionierten sollte. Und es war fast schon tragisch, dass Augsburg eigentlich eine Antwort fand.

"Wir wollen ihnen den Spaß nehmen", das hatte Trainer Manuel Baum vor dem Spiel gesagt. Und seine Aufstellung sah ganz nach Spaßnehmerfußball aus: Fünferkette, zwei defensive Mittelfeldspieler. Stürmer Alfred Finnbogason, für manche der seltenen Höhepunkte der Saison verantwortlich, saß zunächst auf der Bank. Als rechter Außenverteidiger begann Georg Teigl, der 2016 aus Leipzig nach Augsburg gewechselt war, kein Stammspieler wurde und auch in dieser Saison bislang erst einmal in der Startelf gestanden hatte - beim 0:0 in Leipzig Anfang März.

0:0, so war auch das Hinspiel im Oktober ausgegangen. Die Duelle zwischen Augsburg und Leipzig haben sich in der jungen Bundesliga-Historie beider Klubs ja durchaus zu so etwas wie Derbys entwickelt, man ist einander eher in Abneigung verbunden. Fußballerisch haben die Mannschaften aber durchaus Gemeinsamkeiten, beide pflegen mit Vorliebe das Spiel gegen den Ball, kommen also meist schnell nach Ballgewinnen zu Torchancen. Um es vorsichtig auszudrücken, können solche Begegnungen manchmal nicht nach großer Kunst aussehen. Leipzigs Marcel Sabitzer rammte Augsburgs Philipp Max dann auch zur Begrüßung gleich mal den Ellenbogen in den Bauch. Er sah überraschenderweise keine Karte.

Nun ist Leipzig seit dem 18. Spieltag ungeschlagen und wird voraussichtlich im kommenden Jahr wieder in der Champions League spielen, Augsburg hat am Samstag gegen den 1. FC Nürnberg 0:3 verloren. Doch weder wurde es die ausgesprochen langweilige noch die einseitige Begegnung, die man hätte erwarten können.

Jeder im Stadion sah zunächst, dass Leipzig die talentiertere Fußballmannschaft ist, die Gäste dominierten, hatten mehr Chancen. Augsburg wirkte in eigenem Ballbesitz etwas hektisch. Doch anders als in Nürnberg stimmten die Abstände zwischen den Mannschaftsteilen. Die sogenannte Kompaktheit hatten alle Beteiligten bei der überraschenden Niederlage gegen den Tabellen-Vorletzten noch vermisst, sie ist in jedem Spiel die Basis für erfolgreichen Fußball. Die Basis für besondere Erfolge. Sie machte Augsburg Mut.

In der zweiten Halbzeit war der FCA die bessere Mannschaft, und zwar deutlich. Die Gäste kamen kaum zu Chancen, vor dem Leipziger Tor fehlten dagegen zur Einleitung bester Gelegenheiten oft nur Zentimeter. Und dann war es nach 74 Minuten Teigl, der besonders viel Mut hatte. Er dribbelte in die gegnerische Hälfte, öffnete hinter sich eine Lücke und verlor den Ball. Leipzig brauchte nur einen Pass von Amadou Haidara, Werner lief allein aufs Tor zu und traf. Doch Augsburg reagierte. Kapitän Baier schüttelte fassungslos den Kopf und lief mit trotzigen Schritten zur Mittellinie.

Schon zwei Minuten nach dem Gegentor hatte Rani Khedira die Chance zum Ausgleich, er vergab. Vier Minuten nach dem 0:1 wechselte Baum Finnbogason ein. Und in der vierten Minute der Nachspielzeit verlängerte der Isländer eine Flanke von Marco Richter mit komplett ausgestrecktem Fuß ins Tor. In der Verlängerung blieb Augsburg die bessere Mannschaft. In der 113. Minute hätte Richter fast nach Vorlage von Finnbogason per Fallrückzieher getroffen. Doch dann fuhr Michael Gregoritsch in der Nachspielzeit im eigenen Strafraum ziemlich sinnfrei den Arm aus. Und Marcel Halstenberg traf per Elfmeter cool zum 2:1.

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