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Leichtathletik:Zurück im Maschinenraum

Nach überstandener Verletzungsphase tüftelt der deutsche 100-Meter-Rekordler Julian Reus wieder am schnelleren Fortkommen - aber noch ist er in der Findung und läuft den jüngeren Rivalen etwas hinterher.

Der Mann, der sich einige Verdienste erworben hat im deutschen Sprint, löste sich mit einem Mal aus seiner Anspannung. Er machte ein, zwei kraftvolle Schritte nach vorn, nahm seine Hände zur Hilfe - so sezierte der Leichtathletik-Trainer Gerhard Jäger nach und nach den 100-Meter-Lauf, den sein Athlet Julian Reus gerade beim Meeting in Regensburg aufgeführt hatte. Reus ist einer, der sich auch ein bisschen verdient gemacht hat im deutschen Sprint, vor allem dank seines nationalen Rekords über 100 Meter; nun lehnte er an einer Werbebande, verfolgte die vitale Analyse seines Trainers, machte Anmerkungen, so ging das hin und her. Man sah schon aus der Ferne: Langweilig dürfte es den beiden in den kommenden Wochen im Training eher nicht werden.

Die deutschen Sprinter stecken gerade, rund drei Wochen vor den deutschen Meisterschaften in Berlin, noch immer in der Findungsphase, bei den Männern und den Frauen. Gina Lückenkemper, die EM-Zweite von Berlin 2018, und Tatjana Pinto kommen so langsam in Schwung: Lückenkemper gewann am Dienstagabend in Luzern in 11,20 Sekunden hauchdünn vor Pinto (11,21), bei einem Meter Gegenwind pro Sekunde, Pinto erfüllte so auch erstmals die Norm für die WM Ende September in Doha. Andere aus dem zuletzt so starken Frauen-Team sind dagegen noch kaum oder gar nicht in Erscheinung getreten. Dafür überraschte zuletzt Laura Müller vom LC Rehlingen: Die fühlt sich im Grunde über 200 und 400 Meter wohler, ist auf der Kurzstrecke nun mit 11,15 Sekunden aber sogar die Jahresbeste im deutschen Verband.

24th European Athletics Championships - Day Six

Verhägnnisvoller Sturz: Julian Reus beim Stafelrennen während der Heim-EM in Berlin.

(Foto: Stephen Pond/Getty Images)

Bei den Männern? Da drängeln die Jungen nach vorne, die bei der U23-EM in Schweden gerade ihren ersten Saisonhöhepunkt ansteuern: Joshua Hartmann, 19, vom ASV Köln, ursprünglich einer für die 400 Meter, sauste in Weinheim zu 10,16 Sekunden, Marvin Schulte, 20, schaffte zuletzt 10,18, acht Hundertstelsekunden von der WM-Norm entfernt. Schulte lief in Regensburg, mit Arrivierteren wie Reus, Robin Erewa und Roy Schmidt auch eine sehr passable 4x100-Meter-Staffel (38,39), was für die Versetzung zur WM reichen könnte. Aber noch hängen die Älteren etwas hinterher, Reus kam in Regensburg auf 10,28 Sekunden, in Luzern startete er nur über 200 Meter (20,92). "Ich fühle mich schon noch ein bisschen müde und schwerfällig", sagte er in Regensburg - was gar nicht so schlimm ist, weil sich die Athleten diesmal erst spät auf ihr bestes Niveau heben sollen. Aber seine Geschichte steht auch ein wenig für die Tücken einer langen Saison, in die wiederum die Tücken eines Sprinterlebens hineinwirken.

Drei Jahre ist es her, da schien es nur eine Frage der Zeit zu sein, bis Reus als erster Deutscher die zehn Sekunden unterbietet. Er hatte sich dieser Barriere mit einer Mischung aus Ambition und Demut genähert - einmal den perfekten Lauf erleben, an der eigenen Grenze entlang rasen, das treibe ihn an, sagt er. Er tüftelte dafür an seinem Stil wie Mechaniker am Rennauto: Er ließ Schritt- und Kniewinkel vermessen, knüpfte sich in Erfurt ein Netz aus Heimtrainer, Physiotherapeuten, Psychologin. Er arbeitete geduldig an den Winzigkeiten, die ihm noch ein paar Hundertstel schenkten - den Boden noch kürzer berühren, den Fuß nicht zu weit vor dem Körper aufsetzen, mehr Ruhe im Oberkörper. So trug es ihn zu drei EM-Medaillen mit der Staffel, acht deutschen Einzel-Titeln im Freien. Und natürlich zum Rekord in Mannheim vor drei Jahren, in 10,01 Sekunden.

Sparkassen Gala Regensburg 07 07 2019 Julian Reus GER LAC Erfurt Sparkassen Gala am 07 07 2019

Noch in der Orientierungsphase: Julian Reus steigert sich allmählich in die Saison hinein.

(Foto: BEAUTIFUL SPORTS/imago)

Und dann: Fehlten ihm bei der EM in Amsterdam ein paar Tausendstel, um ins Finale vorzurücken, war er bei Olympia in Rio nicht mehr in Form. Das bestärkte all jene, die Reus vorwerfen, er schöpfe sein Potenzial international nicht ganz aus. Nach und nach verstrickte er sich wieder in Verletzungen, die ihn seit 2011 weitgehend verschont hatten: Bei der EM in Berlin stürzte er in der Staffel und ließ sich an der Schulter operieren, in der Hallensaison bremste ihn eine Oberschenkelverletzung. Beides sei auskuriert, sagte Reus nun in Regensburg, jetzt könne er auch wieder im Training tüfteln und arbeiten, er ist zurück im Maschinenraum sozusagen. "Ich bin halt jemand, der sich diese schnellen Zeiten immer erarbeiten musste", er findet gar: "Es gibt sicher Athleten in Deutschland, die talentierter sind als ich." Aber wenn er gesund bleibe, sei er überzeugt, "dass ich wieder um die 10,10 und noch schneller laufen kann." Und diese Referenzen wird er benötigen: Für Olympia 2020 werden für die Einzel-Zulassung 10,05 gefordert, oder ein vorderer Platz in der neuen Weltrangliste. Um dort zu punkten, muss man bei vielen, auch hochklassigen Meetings Einlass finden, was wiederum ohne gute Vorleistung kaum möglich ist. Komplizierte Zeiten für die Leichtathletik-Mittelschicht.

Nicht nur Reus steckt in einer Orientierungsphase, auch der deutsche Sprint. 2011 hatten sie im Verband ein neues Technik-Leitbild entwickelt, sie verstärkten den Wissensaustausch mit internationalen Fachkräften. Jetzt arbeite man am Feintuning, sagt Ronald Stein, der verantwortliche Bundestrainer. Sie bauen am Stützpunkt in Kienbaum gerade ein Messzentrum, so kann man von jedem Lauf bald ein digitales Abbild erstellen, in Echtzeit: Kraftwerte, Bodenkontakt, vertikale und horizontale Kräfte - viele Schrauben, an denen jeder Athlet sofort drehen kann. Wobei zum Feintuning auch gehört, dass Athleten mal das Umfeld wechseln, wie Pinto, die jetzt beim Amerikaner Rana Reider trainiert. Oder dass sie nicht in Tiefs oder Verletzungen schlittern, wie Reus.

Er schätze aber auch solche Zeiten, sagt Reus, das zeige, dass ein Hoch nicht selbstverständlich sei. Langfristiger Erfolg, das ist im Sprint halt oft auch: ein Marathon.