Angeblich wird die Leichtathletik gerade neu erfunden. Eine britische Firma wirbt für sich damit, dass sie daran arbeitet. Genauer gesagt arbeitet sie an der „Super-Bahn“, wie manche Medien das Produkt des Unternehmens schon nennen. Das Ergebnis soll ein digitalisierter, sensorenaktivierter Untergrund sein, der angeblich so viel Energie an den Sprinter zurückgibt, dass dieser bei entsprechender Fitness locker den alten 100-Meter-Weltrekord von Usain Bolt brechen könnte, also jene 9,58 Sekunden von Berlin 2009. Man bräuchte sicher ein längeres Studium des Konzepts, um zu verstehen, wie genau das funktioniert. Aber es klingt interessant.
Die Frage ist nur: Braucht es eine neue Leichtathletik? Stimmt irgendwas nicht mit der vorliegenden Leichtathletik, die in den nächsten Tagen bei den Weltmeisterschaften in Tokio zur Aufführung kommt?
Den Fortschritt kann man gewiss nicht aufhalten. Und die Frage ist spannend, unter welchen Umständen sich der menschliche Körper aus eigener Kraft wie schnell bewegen kann. Neue Technologie hat die Leichtathletik in den vergangenen Jahren tatsächlich teilweise ziemlich beschleunigt. Ohne die Neuerfindung des Laufschuhwerks läge der Marathonweltrekord der Männer heute nicht nur noch knapp über zwei Stunden. Und die Rekordjagden, die durch neue Sportartikel möglich werden, machen die Leichtathletik sicher nicht uninteressanter. Für Anhänger des Spektakels machen sie den alten olympischen Kernsport sogar richtig attraktiv.
Aber noch einmal: Braucht es gleich eine ganz neue Leichtathletik?
Es braucht auf jeden Fall keine Leichtathletik, die nichts anderes mehr interessiert als nur der nächste Rekord. Es braucht einen olympischen Kernsport, der sich dessen bewusst ist, dass er mehr zu bieten hat als Schlagzeilen und Zirkus. Die Leichtathletik ist ein Sport mit erzieherischem Auftrag, sie wird von der Gesellschaft gebraucht. Das klingt verstaubt und langweilig, ist aber im Grunde das beste Argument für Sportvermarkter, die Leichtathletik ernst zu nehmen. Die Welt ist mittlerweile so durchcomputerisiert und technisiert, dass es auch junge Menschen teilweise gar nicht mehr nötig haben, sich selbst zu bewegen. Die Freude am Laufen, Springen und Werfen zu vermitteln, ist deshalb nicht nur eine Aufgabe für die leichte Fernsehunterhaltung. Das ist ein Auftrag, der Leute aus der Lethargie des Konsums befreien kann.
Moderne Athletinnen und Athleten sind im Grunde Profis im Beispielgeben
Moderne Athletinnen und Athleten müssen deshalb nicht nur schnell und mit besonders ausgeklügelten Klamotten für die nächste Höchstleistung ausgestattet sein. Sie müssen idealerweise auch von ihrem Sport erzählen können. Vom Training, das sie auf sich nehmen müssen. Von der Technik, mit der sie ihre Kräfte überhaupt erst in die richtige Richtung lenken können. Von ihren Gedanken und Gefühlen, die sie im Wettkampf in den Griff bekommen müssen. Von ihren Stärken, von ihren Schwächen. Sie dürfen außerdem nicht nur gute Gewinner sein, die strahlend die Dramaturgie ihres Erfolges nacherzählen. Sie sollten bei Bedarf auch gute Verlierer sein, die ihre Zuhörer ins Tal der Negativerfahrung mitnehmen können, um zu zeigen: Niederlagen können passieren, man sollte nur danach wieder gewinnen wollen.
Moderne Athletinnen und Athleten sind im Grunde Profis im Beispielgeben. Sie verstehen, dass es bedeutend sein kann, öffentlich von einem verzogenen Diskuswurf zu sprechen oder von einem misslungenen Überholmanöver im Hindernislauf. Sie haben einen relativ komplizierten Job. Sie müssen Vorgänge in Worte fassen, damit möglichst viele sie verstehen. Die Super-Bahn? Die Hightech-Schuhe? Sind nur neue Sachen. Wie modern die Leichtathletik ist, liegt letztlich an den Sportlern.



