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Leichtathletik-WM: Jos Hermens:"Selbstmasochismus oder was?"

Manager wie Jos Hermens fühlen sich nicht recht wohl im Land des WM-Gastgebers - gegen ihn laufen Ermittlungen wegen Doping-Handels.

Der Glanz einer neuen Goldmedaille fällt auf Jos Hermens, und deswegen ist der niederländische Athleten-Manager jetzt ganz ruhig. Sein Mandant Kenenisa Bekele hat gerade seinen vierten WM-Titel über 10000 Meter gewonnen, und nun muss es für Hermens ein Genuss sein, die sanften Züge seines äthiopischen Wunderläufers im Rampenlicht der Siegerpressekonferenz zu betrachten. Nein, sagt Hermens väterlich, auch wenn Kenenisa längst alle erdenklichen Titel besitze, er werde motiviert bleiben. "Haile ist seine Motivation."

Manager Jos Hermens (li.) und sein wichtigster Klient Kenenisa Bekele, dem Weltmeister über 10000 Meter, beim Leichtathletik-Meeting in Birmingham im Februar.

(Foto: Foto: Getty)

Landsmann Haile Gebrselassie, auch ein Hermens-Sportler, Weltrekordler, Weltmeister, Olympiasieger - ihn möchte Bekele als Nationalidol überflügeln. Hermens mag diesen virtuellen Wettlauf seiner besten Leute. Außerdem wünschte er sich, dass Bekele am 28. August in Zürich einen Weltrekord-Versuch über 5000 Meter unternimmt. Sofern der Verband ihm nicht einen zweiten WM-Einsatz abverlangt. "Ich glaube, wenn er Weltrekord in Zürich läuft ist das bessere PR für ihn", sagt Hermens, immer noch entspannt.

Dann trifft ihn die Frage nach den staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen gegen ihn wegen Doping-Handels. Und schnell schlägt die Stimmung um. "Ich weiß nichts, ich weiß überhaupt nichts", ruft Hermens. "Du bist Deutscher. Sag' mir, was ist los hier in Deutschland?!"

Vorwürfe gegen den Veranstalter

Die Gilde der internationalen Athleten-Manager fühlt sich nicht recht wohl im Land des WM-Gastgebers. Das Misstrauen gegenüber ihrem einträglichen Arbeitsfeld ist ihnen hier zu weit verbreitet. So kann es schon mal vorkommen, dass ein Agent neutralen Journalisten ihre Themenwahl vorwirft, weil er findet: "Ihr Deutschen seid besessen vom Doping." Und Hermens findet das offensichtlich auch. "Warum organisieren die Deutschen Weltmeisterschaften? Wenn man nur über Doping redet, wie kann man erwarten, dass die Leute ins Stadion kommen? Ist das Selbstmasochismus von Deutschland, oder was?"

Die Frage ist nicht uninteressant, warum gerade deutsche Leichtathletik-Betrachter ihrer Ungläubigkeit immer wieder Ausdruck verleihen. Ein Grund könnte sein, dass der deutsche Sport selbst eine reiche Dopingvergangenheit besitzt, zu der sogar ein ganzes DDR-Staatsdopingsystem gehört. Ein anderer Grund ist die Tatsache, dass ein lückenhaftes Kontrollsystem und die Erfahrung lehren, dass Doping im Hochleistungssport immer noch verbreitet ist. "Ich denke, wir haben hier die sauberste WM je", sagt Hermens mit Verweis auf angeblich umfassende Kontrollen. Aber was heißt das schon, wenn frühere Weltmeisterschaften so verseucht waren, wie etwa die Erkenntnisse aus den staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen zur Affäre um das kalifornische Doping-Labor Balco vermuten lassen?

Jedenfalls gibt es genügend Anhaltspunkte, um sich des Sports nicht sicher zu sein: Die IAAF hat vor der WM bestätigt, dass Blutkontrollen in den Langstreckengroßmächten Afrikas logistisch unmöglich seien. Ohnehin finden Antidoping-Experten wie der Schwede Bengt Saltin die Transparenz des IAAF-Blutdopingsystems ausbaufähig.

Angebliche Verbindungen zu Dopingarzt

In der ARD erklärte der frühere Dopingschmuggler und Kronzeuge Angel Heredia, einst Chandra Sturrup von den Bahamas beliefert zu haben, die WM-Siebte über 100-Meter. Und Hermens ist auch nicht zufällig in die Dopingschlagzeilen geraten. In den Akten zum Prozess um den später wegen Minderjährigen-Dopings verurteilten Trainer Thomas Springstein fielen dem Deutschen Leichtathletik-Verband vor drei Jahren Hinweise auf, die nahelegten, Hermens arbeite mit dem spanischen Dopingarzt Miguel Peraita zusammen. Seither gibt es einen Vorgang bei der Magdeburger Staatsanwaltschaft, den diese aber wegen der Verbindung zu Peraita nach Spanien weitergeleitet hat.

Dort liegt er nun und wird auf Dauer wohl ergebnislos versanden. Dass die Vorwürfe gegen Hermens falsch sind, muss das nicht heißen. Der Manager selbst dementiert alles, was auch nichts heißen muss nach einschlägigen Erfahrungen mit Doping-Leugnern. Die frühere US-Mustersprinterin Marion Jones legte einst sogar Lügendetektor-Tests vor und Millionenklagen wegen Rufmords, um den Eindruck zu verwischen, sie sei zu ihren besten Zeiten eine zufriedene Balco-Kundin gewesen. Bis sie unter dem Druck eines Meineid-Prozesses genau dieses eingestehen musste und ins Gefängnis wanderte.

"Ich habe 600 Athleten in 30 Jahren gemanagt", sagt Hermens, "nur zwei Prozent davon sind positiv gewesen und die Hälfte davon wegen so was wie Koffein oder blöden Mitteln, weil sie zufällig Hustensaft genommen hatten." Aber er weiß wohl selbst, dass das niemanden überzeugen muss. Ganz frei vom Verdacht ist er schließlich auch nicht. Er bleibt überzeugt von der Reinheit der WM. Fast überzeugt, wenn er an das 100-Meter-Finale mit dem Weltrekord von 9,58 Sekunden denkt. Jos Hermens sagt: "Ich kann nicht über Bolt reden."

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