Süddeutsche Zeitung

Speerwerfer Johannes Vetter:Die Leiden eines Rekordhalters

Johannes Vetter nahm sich einst die 100-Meter-Marke vor, bei der Leichtathletik-WM in Budapest verpasst er nun erneut einen Saisonhöhepunkt. Findet der 30-Jährige noch einmal zurück zu alter Stärke?

Von Ewald Walker, Offenburg

Wenn der Speerwerfer Johannes Vetter in den vergangenen Tagen auf seinem Handy durch die sozialen Medien zappte, war er traurig und demütig zugleich. Es sei schon "frustrierend", sagt der 30-Jährige, wenn er verfolge, wie sich die Konkurrenz auf die nahenden Weltmeisterschaften in Budapest (ab 19. August) vorbereitet, "und du sitzt zu Hause". 80,82 Meter warf Vetter Ende Juli in Leverkusen, einen Tag vor Nominierungsschluss. Um noch in den WM-Kader zu springen, hätte er die Norm schaffen müssen, 85,20 Meter. Statt Medaillen zu jagen, gilt es für Vetter, den Weltmeister von 2017 und deutschen Rekordhalter, nun überhaupt erst mal wieder gesund zu werden. Und damit steht er auch ein Stück weit sinnbildlich für die deutsche Leichtathletik im vorolympischen Jahr 2023.

Verletzungen sind ständige Begleiter in Vetters Karriere. WM-Bronze in Doha 2019 folgte eine Fußoperation nach Knorpelschaden. Seit dem Winter 2021 plagen ihn hartnäckige Schulterschmerzen. "Gird" heißt die vorläufige Diagnose, Wurfschulter auf deutsch. Dabei läuft der Oberarmkopf nicht sauber in der Gelenkpfanne. "Obwohl das MRT keine Beschädigungen aufweist, hatte Johannes immer wieder Schmerzen", sagt Trainer Boris Obergföll, selbst einst ein medaillenbehangener und schmerzgeplagter Speerwerfer. Mittlerweile gehen beide davon aus, dass die vordere Kapsel des Schultergelenks verdickt ist. Vetter kann die Probleme zwar mit Physiotherapie eindämmen; behandle man die Schulter zu viel, sagte Vetter zuletzt, sei sie aber auch schnell überreizt. Bei diesem Spiel bis zu Olympia 2024 die Balance zu wahren, werde "extrem hart".

1,88 Meter groß und 105 Kilogramm schwer ist Vetter, eine geballte Ladung Kraft und Dynamik, und mit dieser Mischung beherrschte der gebürtige Dresdner die Szene über Jahre. 2014 mit einer Bestleistung von 79,78 Meter zur LG Offenburg und Obergföll umgezogen, schoss Vetter bis zu seinem ersten deutschen Rekord (94,44 Meter) und zum WM-Titel 2017 nach oben. ("Das war mein emotionalster Wettkampf, weil ihn meine Mutter zu Hause im Bett mitverfolgen konnte, bevor sie an einem Hirntumor starb.") Mit seinem zweiten nationalen Rekord (97,76 Meter) in Chorzow deutete Vetter an, dass sogar die 100-Meter-Grenze, die er sich einst vornahm, im Bereich des Greifbaren liegt. (Uwe Hohn ist mit 104,80 Metern mit dem alten Speer der einzige, der diese Marke bis dato übertroffen hat). Vetter näherte sich zumindest bis auf 72 Zentimeter dem Weltrekord des Tschechen Jan Zelezny. Bis heute hat der Deutsche 28 Würfe über die 90-Meter-Marke in der Wertung stehen, auch da ist nur Zelezny besser.

Nur: Kaum eine leichtathletische Disziplin verursacht so hohe Belastungen auf den Körper wie das Speerwerfen. Bei den olympischen Spielen 2021 verletzte sich Vetter auf einer zu weichen Bahn, wie er fand, und erreichte nicht einmal den Endkampf. Es war einer von zwei Wettkämpfen des Jahres, die er nicht gewann - ausgerechnet. "Tokio taucht immer mal wieder wie ein Flashback im Kopf auf", gibt Vetter zu. Damit solch ein Ausrutscher nicht mehr passiert, hat sein Trainer beim italienischen Hersteller Mondo, der bei den großen Titelkämpfen die Kunststoffbahnen herstellt, daran mitgearbeitet, dass eine härtete Oberfläche entwickelt wird.

Doch in Budapest wird das weder Vetter nutzen - der schon die WM und EM 2022 verpasste - noch den einst so erfolgreichen Kollegen: Andreas Hofmann, der EM-Zweite von 2018, fällt nach einem Kreuzbandriss aus, Thomas Röhler, der Olympiasieger von 2016, ist nach Verletzungssorgen noch immer weit entfernt von alter Schaffenskraft. "Und der Nachwuchs fehlt", weiß Vetter. Sein Trainer bündelt die Gründe aus seiner Sicht in einer knappen Formel: "Unser Sichtungssystem in der Schule und bei Jugend trainiert für Olympia ist weggebrochen", sagt Obergföll.

Vetter engagiert sich in der Politik und für soziale Zwecke

Vetter selbst macht, trotz aller Sorgen, im Gespräch einen gefestigten Eindruck. Er ist in Offenburg längst angekommen, wurde in den Gemeinderat gewählt und sitzt dort für die Freien Wähler in den Ausschüssen für Familie und Jugend sowie im Schul- und Sportausschuss. Zudem ist er bei den Fußballern des Offenburger FV im Aufsichtsrat. Mit der einstigen Speerwurf-Weltmeisterin Christina Obergföll, den TV-Moderatorinnen Paola Felix und Carmen Nebel gehört Vetter dem Kuratorium des Fördervereins für krebskranke Kinder in Freiburg an. Er wolle Verantwortung übernehmen, sagt er, etwas zurückgeben für jene Unterstützung, die er als aus Bundesmitteln geförderter Sportsoldat genießt. Als Frank-Walter Steinmeier 2017 zum Bundespräsidenten wiedergewählt wurde, wurde Vetter in die Bundesversammlung geladen, mit Fußball-Bundestrainer Hansi Flick und Bayern-Kicker Leon Goretzka.

In Budapest wird es Julian Weber, dem aktuellen Europameister, vorbehalten sein, um eine Medaille zu kämpfen - als einziger Vertreter aus dem deutschen Speerwurf-Ressort. In Offenburg, bei Vetters Heim-Meeting, gewann Weber mit 83,29 Meter, Vetter schaffte 77,35. Er wolle in diesem Jahr zumindest die 85 Meter noch übertreffen, sagt Vetter, danach soll es wieder in die Vollen gehen. Olympiasieg oder Weltrekord, was hat Priorität? "Am liebsten beides", kommt es wie aus der Pistole geschossen. Der Kopf ist noch kein bisschen müde.

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