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Leichtathletik-WM in Berlin:Einig Werferland

Fünf von neun Medaillen für den DLV haben bei der Leichathletik-WM in Berlin die Werfer gewonnen. Die Grundlage dafür wurde schon 1936 im gleichen Stadion gelegt.

Die Suche nach dem Werferland Deutschland beginnt im Berliner Olympiastadion, hinter dem Marathontor. Dort kann man derzeit nichts sehen, weil dieser Abschnitt von einem großen blauen Stoff verdeckt ist, damit die Athleten vor ihrem Gang ins Stadioninnere noch ein wenig Ruhe genießen. Doch nach der WM taucht dort wieder eine große Stehle auf, in der die deutschen Olympiasieger von 1936 eingraviert sind. "Das sind fast alle Werfer", weiß Eike Emrich, Vizepräsident Sport beim Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV).

Der Diskuswerfer Robert Harting nach dem Gewinn der Goldmedaille.

(Foto: Foto: ddp)

Die deutschen Leichtathleten gewannen damals Goldmedaillen ausschließlich in den Wurfdisziplinen, davon aber gleich fünf. Oben auf der Tribüne klatschte Adolf Hitler begeistert und holte die Sieger in die Führerbox. Regisseurin Leni Riefenstahl hat in ihrem Olympiafilm den Kugelstoß-Wettbewerb derart montiert, dass Hitler als Inspirator für den Erfolg des ostpreußischen Polizisten Hans Woellke erscheint. Mit der blonden Speerwurf-Siegerin Tilly Fleischer ließ sich Hitler lange fotografieren. Die starken Deutschen, die es der Welt gezeigt hatten, passten perfekt in das Weltbild und die Propaganda der Nationalsozialisten.

Nun beruft sich Emrich selbstredend nicht auf die Erinnerung an die Benutzung des Sports durch die braune Politik. Dennoch meint er, dass diese Erfolge eine Tradition anstießen, die lange nachgewirkt habe, meint der Professor für Sportentwicklung, Sportsoziologie und Psychologie. Scheinbar bis zu diesen Weltmeisterschaften am gleichen Ort, denn fünf der neun deutschen Medaillen errangen die Werfer: Die Kugelstoßer Kleinert (Silber) und Bartels (Bronze), die Speerwerferin Nerius (Gold), der Diskuswerfer Harting (Gold) und am Samstag die Hammerwerferin Betty Heidler mit Silber.

Schon bei den vergangenen Großereignissen garantierten die Wurfdisziplinen Medaillen für den DLV. Bei der WM in Helsinki 2005 gingen alle fünf an die Werfer, bei der WM in Osaka 2007 holten sie sechs von sieben, und bei Olympia in Peking gewann die Speerwerferin Christina Obergföll die einzige Plakette.

Die lange Tradition bewirke, dass es heute in Deutschland ein "speziell entwickeltes Know-how und hervorragende Trainer" gebe, sagt Emrich. Wobei einige erfolgreiche Übungsleiter viel Know-how aus dem DDR-Sport mitbringen. Der Trainer von Bartels, Gerald Bergmann, war erfolgreicher DDR-Kugelstoßer Ende der siebziger Jahre, Nerius' Betreuer Helge Zöllkau wurde in Jena groß. Der Trainer von Harting, Werner Goldmann, wird beschuldigt, an der Vergabe von Dopingmitteln in der DDR beteiligt gewesen zu sein, Kleinerts Trainer Klaus Schneider hat das selbst zugegeben.

Einige Werfer der DDR hatten jahrelang die Szenen zumindest mitbeherrscht, wie der Kugelstoßer Ulf Timmermann, Petra Felke und Uwe Hohn oder die Diskuswerferin Gabriele Reinsch, die immer noch den Weltrekord hält.

Um die anhaltende Dominanz deutscher Athleten zu erklären, wird aber schon mal auf mögliche genetische Vorteile verwiesen. "Vielleicht", rätselte Ex-Diskus-Weltmeisterin Franka Dietzsch nach der WM in Osaka, "haben wir bessere körperliche Anlagen?"

Profaner ist die Erklärung dass die Wurfdisziplinen aus dem Fördertopf des Bundes durch ihre Erfolge einen passablen Anteil erhalten. Außerdem wies Sportdirektor Jürgen Mallow einmal darauf hin, dass "die ganze Welt laufen kann, man muss sich nur Turnschuhe leisten können. Die Konkurrenz ist in den Disziplinen schlichtweg viel größer."

Dennoch hat der frühere Mittelstreckenläufer Thomas Wessinghage zuletzt gefordert die "langweiligen Disziplinen" aus dem Programm zu nehmen, weil eine WM sonst zu lange dauere. Nun meinte er mit langweilig nicht den 1500-Meter-Lauf, in dem er immer noch den 1980 aufgestellten deutschen Rekord hält. Er meinte die Werfer. Nichts gegen "unsere Werfer", aber für die Zuschauer seien doch vor allem die Läufe interessant, hatte der 50-jährige der Ostseezeitung gesagt.

Mallow erwiderte bissig, dass er annehme, Wessinghage als Doktor der Medizin und Klinikleiter "scheint einen klugen Kopf zu haben", diesen Vorschlag aber nannte er schlicht "eine Dummheit". Da habe einer die Ästhetik nicht kapiert, die in den Würfen und Sprüngen lägen. Für Mallow zählt dabei neben der Schönheit der Disziplinen wohl auch noch die reine Zahlenlehre des Medaillenspiegels.