Leichtathletik-WM in Eugene:Kleine Stadt, große Träume

Lesezeit: 4 min

Hauptdarsteller: Noah Lyles läuft 19,31 Sekunden über 200 Meter - aber vielen Nachrichtenseiten der USA sind solche Großtaten oft nur Randnotizen wert. (Foto: Michael Kappeler/dpa)

Die erste Leichtathletik-WM in den USA wurde von der Hoffnung begleitet, die amerikanischen Sportler im Land bekannter zu machen. Doch kann eine zehntägige Veranstaltung in der Provinz das leisten?

Von Johannes Knuth, Eugene

Neulich in Eugene, in Track Town, der Leichtathletikhauptstadt der Amerikaner, an einem Nachmittag. Eine dänische Hammerwerferin schritt über die Kreuzung an der Agate Street, einen Block vom Leichtathletikstadion entfernt, Hammer über der Schulter, die Blicke der Kinder im Schlepptau, die im Schatten der Eisdiele an ihrem Mango-Sorbet schleckten. Eine Familie saß auf der Veranda ihres Hauses, den Rasen könnte man mal wieder mähen (oder auch nicht). Männer mit langen Haaren, Plastiktüten und zerknitterter Kleidung schlurften über den Gehsteig, brabbelten in ihren Bart. Eine Gruppe kenianischer Läuferinnen, angeführt von Hellen Obiri, die später Zweite über 10 000 Meter wurde, preschte an einem Restaurant vorbei, in dem Touristen frittierten Halloumi-Käse in sich hineinschaufelten.

Die Szene fing ein, was viele Zeitzeugen immer wieder aus Eugene berichtet haben: Ein Weltsport rückt auf intime Weise zusammen. Es war insofern stimmig, dass sie die ersten Leichtathletik-Weltmeisterschaften in den USA in diese kleine Kraftzelle verlegt haben. Zugleich hegen viele in dieser Kleinstadt große Träume, wie die britische Zeitung Guardian zuletzt titelte ("small town, big dreams"). Denn die Amerikaner sind in der Leichtathletik zwar so erfolgreich wie keine andere Nation, früher wie heute, sie wirken aber, was die Bekanntheit angeht, nach wie vor fast wie Fremde im eigenen Land. Kann das eine zehntägige WM-Sause in einem Nest in Oregon ändern?

Leichtathletik-WM
:Symptome zur falschen Zeit

Zum schwachen deutschen Abschneiden bei den Weltmeisterschaften in Eugene gesellen sich Irritationen um fragliche und tatsächliche Corona-Fälle - und um Aussagen des 5000-Meter-Läufers Mohamed Mohumed.

Von Johannes Knuth

Auch während der Abendsessions bleiben einige Plätze leer

Würde man nicht um den Ruf dieser Stadt wissen, man würde Eugene wohl rechts liegen lassen, so sehr hat sich das Zentrum versteckt neben der Interstate 5, hinter sanften Hügeln und Bäumen. Nimmt man die Abzweigung, passiert das Ortsschild ("Ideales Erholungsgebiet!"), erspäht man rasch den neuen Turm des Hayward Field; er soll an eine olympische Fackel erinnern, gleicht aber eher einem übergroßen Burrito. Das Stadion ist Heimstätte von US-Meisterschaften und Studentenwettkämpfen, die in den USA wie Profi-Events aufgezogen werden. Der Campus könnte aus dem Prospekt einer Elitehochschule an der Ostküste kopiert sein: rote Backsteinbauten, Rundbögen, ein Hauch Romantik, auch wenn die Studentenunterkünfte, in denen die meisten Athleten in Eugene wohnen, eher wenig Romantik versprühen.

Ausstattung und Matratze erinnerten eher an eine Jugendherberge, bestätigte Sprinterin Gina Lückenkemper unlängst. Viele Athleten beschwerten sich über fehlende Klimaanlagen, das erschwere den Schlaf in den heißen Nächten. Die Amerikanerin Sandi Morris, die in Eugene Silber im Stabhochsprung gewann, bestätigte im Gespräch, dass der US-Verband seine Athleten "sehr verwöhne", sprich: eher nicht auf dem Campus unterbringt. Ansonsten, sagte Lückenkemper, sei alles sehr stimmig durchgetaktet. Sehr deutsch.

Jede andere Stadt von Eugenes Größe wäre ausgelacht worden, hätte sie um eine WM geworben, die der Weltverband sonst gerne ins Licht der Metropolen rückt. Aber in Eugene wurde nun mal der Sportartikelhersteller Nike erfunden, einer der wichtigsten Sponsoren des US-Verbands. Und Nikes Arm in dem Sport reichte schon immer weit, bis zum heutigen Weltverbandspräsidenten Sebastian Coe, der sich noch dann ein sechsstelliges Jahressalär von der Firma überweisen ließ, als er als Vizepräsident offenkundig für Eugenes WM-Bewerbung warb ( Coe bestreitet das, Nike und das OK haben Fehlverhalten stets zurückgewiesen).

Bei Noah Lyles' atemraubenden 19,31 Sekunden über 200 Meter knisterte die Stimmung gewaltig

Das neue Hayward Field sticht aus all dieser Gemütlichkeit wie ein Schmuckkasten hervor, mit seinem Burrito-Turm, Polstersesseln bis unter die Tribüne und einer Leinwand, so groß, dass sie irgendwann wohl als Space-Shuttle zweitverwertet wird. Die Magie des alten Hayward, die Passion der Zuschauer auf den engen, zum Teil fast 100 Jahre alten Tribünen, haben sie nicht ganz gerettet. Als die US-Athleten zu Beginn der WM über die 100-Meter-Distanz alle Medaillen gewannen, am Donnerstag auch über 200 Meter, angeführt von Noah Lyles' atemraubenden 19,31 Sekunden - da knisterte es aber schon gewaltig.

Für die Spezialeffekte sind dafür die Gäste zuständig, der jamaikanische Anhang etwa untermalte Shericka Jacksons 21,45 (!) Sekunden über die 200 Meter am Donnerstag mit einem ausgiebigen Trötenkonzert. Ansonsten ist das Rahmenprogramm auffallend unamerikanisch, frei von Lichtshows oder Feuerwerken. Dafür lassen sie vor allem ihre Legenden hochleben: Am Donnerstag prasselte warmer Applaus auf Tommie Smith und John Carlos nieder, die bei Olympia 1968 die Black-Power-Proteste prägten.

Wettkampf im Schmuckkästchen: Hindernisläuferin Gesa Krause aus Trier vor der Kulisse des Burrito-Turms im neuen Hayward Field. (Foto: Michael Kappeler/dpa)

Und noch etwas fehlt: Selbst während der Abendveranstaltungen, die der Veranstalter als "voll" vermeldet hatte, sind selten mehr als drei Viertel der 15 000 Plätze belegt. "Enttäuschend", befand Michael Johnson zuletzt, der einstige US-Großmeister, der in Eugene für die britische BBC die Athleten interviewt (während sie die Stadionsprecher ironischerweise aus Großbritannien eingeflogen haben).

Und das in der selbsternannten Leichtathletikstadt?

Jonathan Gault, einer der wenigen US-Reporter, die für das Portal Letsrun.com die Leichtathletik fast rund um die Uhr rezensieren, hatte schon vor der WM auf Probleme gedeutet. Eugene liegt in der nordwestlichsten Ecke der USA, zwei Stunden Autofahrt von der nächsten Großstadt entfernt; die wenigen Unterkünfte waren schnell ausgebucht und schwer überteuert, 200, 300 Dollar pro Nacht, mindestens. Ist Track Town eher ein Marketingkonzept, gefüttert von einem gewissen Sportartikelhersteller am Platz? Gemessen am Rest des Landes sei die Leichtathletikgemeinde in Eugene stark, sagt Gault, um die 3000 Anhänger etwa, bei 170 000 Einwohnern. Die Sportart Nummer eins in Eugene sei aber noch immer Football: Das Uni-Team zählt zu den stärksten im Land, die Spiele im Autzen Stadium sind fast immer ausverkauft, jeder der 54 000 Plätze.

Da können die amerikanischen Leichtathleten in Eugene 22 Medaillen gewinnen bis zum viertletzten Wettkampftag - auf den großen Sport- und Nachrichtenseiten werden sie meist in der Notizspalte vermeldet, wenn überhaupt. Und der Sender NBC strahlt die Abendsessions zwar im Free-TV aus, aber nur an den Wochenenden. Ansonsten läuft die WM auf Sparten-Plattformen, im Fernsehen oder im Internet. Dabei stecken fast alle US-Sportligen, die Baseballer ausgenommen, gerade in der Sommerpause.

So versammelt Track Town in Eugene gerade vor allem die Leichtathletikgemeinde in den USA, aus der Region, bis hin zum pensionierten Trainer aus Washington und dem Fan aus Tennessee, die am Abend die Cafés und Restaurants durchaus passabel bevölkern. Ansonsten dürfte sich von nächster Woche an wieder Normalität über die letzte Ecke der Stadt legen - da unterscheidet sich Eugene nicht viel von den Großevents in den Metropolen.

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

SZ PlusChristian Taylor im Interview
:"Ganz ehrlich: Ich finde, das ist eine Schande"

Dreispringer Christian Taylor ist einer der erfolgreichsten US-Leichtathleten - und einer der meinungsstärksten. Bei der WM spricht er über die Rolle von Influencern im Sport, den Einsatz für Athletenrechte und das Dopingproblem.

Von Johannes Knuth

Lesen Sie mehr zum Thema

Jetzt entdecken

Gutscheine: