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Leichtathletik:Sieben Jahre später

Vorbei ist der Wettkampf erst nach der Umverteilung der Medaillen: Betty Heidler erhält nachträglich Olympia-Silber.

Ihren letzten Hammer schickte die Jurastudentin Betty Heidler vor drei Jahren auf die Reise. Seitdem hat sie Hörsäle, aber keinen Wurfkreis mehr betreten. Das erste Staatsexamen steht im kommenden Jahr bevor, sie steckt mitten im Repetitorium, und die Leichtathletik, ihre alte Leidenschaft, sagt sie, "ist gedanklich sehr weit weg". Am Wochenende aber wird sie noch einmal für ein paar Stunden eingeholt von ihrer eigenen Lebensgeschichte. Denn im Sport endet heutzutage kein Wettkampf von Bedeutung mehr mit Abspielen der Schlusshymne oder dem Drucken der Ergebnislisten. Vorbei ist es erst, wenn die Umverteilung der Medaillen abgeschlossen ist. Und das kann dauern: im Falle von Betty Heidler, 35, sind es sieben Jahre - eine Spanne, die fast halb so lang ist wie ihre ganze Karriere als Leichtathletin.

In Frankfurt, beim Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB), nimmt die frühere Weltrekordlerin Betty Heidler an diesem Samstag die olympische Silbermedaille entgegen, die sie 2012 bei den Sommerspielen gewonnen hat und um die sie die Russin Tatjana Lyssenko betrog. Lyssenko wurde damals im Olympiastadion von London fälschlicherweise zur Siegerin ausgerufen; vier Jahre später flog sie als Doperin auf. Nachuntersuchungen der Dopingprobe ergaben 2016 einen positiven Befund auf Turinabol, ein Anabolikum, ein Klassiker der Muskelmast: Lyssenko war Wiederholungstäterin. Ein Ringtausch der Medaillen, in manchen Disziplinen heute schon fast zur traurige Alltäglichkeit geworden, war nötig, der sich aus Verfahrensgründen in die Länge zog. Betty Heidler hatte London mit einer Bronzeplakette verlassen. Dass sie die rechtmäßige Olympia-Zweite ist, erfuhr sie erst, als sie ihre Karriere beendet hatte. Auch das gehört zu den beklagenswerten Details ihres Falls.

Germany's Betty Heidler competes in the women's hammer throw final at the London 2012 Olympic Games at the Olympic Stadium

Im Kreis gedreht: Betty Heidler bei den Sommerspielen 2012 in London, für die sie jetzt noch einmal geehrt wird.

(Foto: Pawel Kopzynski/Reuters)

"Es war enttäuschend und ernüchternd", sagt sie heute rückblickend. Umso wichtiger sei nun der Versuch, geschehenes Unrecht wiedergutzumachen: "Und deshalb spielt es auch keine Rolle, ob vier, fünf oder sieben Jahre seitdem vergangen sind." Sie hat sich vorgenommen, die erfreulichen Seiten der kleinen Zeremonie im Haus des deutschen Sports in Frankfurt zu sehen. Denn wann, sagt sie leicht ironisch, hat man schon die Gelegenheit, seine Siegerehrung nach eigenen Vorstellungen mitzugestalten? Ihre Familie wird kommen, dazu Freunde, Manager, ehemalige Betreuer und Physiotherapeuten. Und sogar ihr alter Trainer, Michael Deyhle, heute in China beschäftigt, reist an. Die Silbermedaille mit der Gravur ihres Namens wird sie aus den Händen von Thomas Bach empfangen, dem Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees (IOC): Bach hatte ihr 2012 in London, seinerzeit als Chef des DOSB, nach einem turbulenten Wettkampf, in dem ihr Wurf zunächst falsch vermessen wurde und erst nach Betty Heidlers Intervention wieder in die Wertung eingeflossen war, auch die Bronzemedaille um den Hals gehängt.

Sie hatte damals im Stadion hartnäckig um ihr Recht kämpfen müssen. Und selbstverständlich war sie wütend, als sie vier Jahre später die Gewissheit hatte, dass sie trotzdem von der russischen Pharma-Konkurrenz übervorteilt worden war. "Die Gefahr besteht immer im Leistungssport, weil er anfällig für Missbrauch ist, nicht nur in der Leichtathletik", sagt sie. Aus den Wolken sei sie nicht gefallen - "ich kannte ja die Biografie meiner Gegnerin". Aber dass es den Verbänden, den nationalen und internationalen Anti-Doping-Agenturen nicht gelingt, den Athleten einen fairen Wettkampf zu garantieren, "dass diejenigen Länder, die sich mit Manipulation auskennen, den Fahndern nicht einen, sondern mehrere Schritte voraus sind", das sei ein gravierendes Problem. In diesem Falle hatte es allein bei den Nachkontrollen für die Spiele 2012 bei acht Russen einen positiven Dopingbefund gegeben.

London 2012 - Leichtathletik

Was ist ein Wurf wert? Das weiß man manchmal sofort - oder erst Jahre später.

(Foto: Kerim Okten/dpa)

Für die betrogenen Athleten, sagt Betty Heidler, habe das nicht nur wirtschaftliche Folgen, weil es für Sponsoren einen Unterschied macht, ob jemand als Argument in eigener Sache eine Medaille vorzuweisen hat. Noch schlimmer ist der emotionale Betrug: die Gewissheit, dass einem der Moment des Glücks geraubt wurde, für den er Jahre des Lebens geopfert hat. "Für mich persönlich war die Tragik vielleicht nicht ganz so groß, ich hatte ja eine Medaille", sagt Heidler. Ihr Mitgefühl gehört jenen Kollegen, die zum Beispiel Vierte wurde, wie damals in London die Chinesin Zhang Wenxiu, denen die Siegerehrung gestohlen wurde, der Applaus, die Feier - "und die Bilder, die man noch viele Jahre später von dem Ereignis im Kopf hat".

Auch deshalb hält sie diesen kleinen Frankfurter Festakt nach sieben Jahren für wichtig: "Es ist nicht ganz so schön", sagt sie, aber es sei richtig, dass die Verantwortlichen versuchen "einen Weg zu finden, es so emotional wie möglich hinzubekommen". Die Fälle der nachträglichen Medaillenumverteilung sind inzwischen so häufig, dass das IOC den betrogenen Athleten sechs Standardvarianten für die Ersatz-Veranstaltung vorschlägt: von einer Ehrung bei den Spielen bis zur Privatfeier.