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Leichtathletik:Seelengänge

Die elfte Disziplin des Zehnkämpfers Horst Beyer.

Von Michael Gernandt

Was hat man nicht alles schon fabuliert über den Zehnkampf: Krone der Athletik, Martyrium in zehn Etappen. Seine Apologeten folglich Schmerzensmänner, ihr Tapferster am Ende jedoch immer: ein König der Athleten. Dass auch ein Feingeist unter den harten Kerlen zu finden ist, lernt man schnell während der Lektüre eines Büchleins mit dem Titel "Vom Athleten zum Poeten". Die unter Sportlern vermutlich seltene Metamorphose beschreibt die Lebenslinie eines Autors, der die Zweitagetortur mannigfach selbst bewältigt hat, zu einer Zeit, da seine Disziplin und sein Sport, die Leichtathletik, noch mehr Respekt erfuhren als heutzutage: des Norddeutschen Horst Beyer, Olympiastarter 1964 in Tokio und acht Jahre später in München, EM-Medaillen-Gewinner 1966.

Im Verlauf von drei Olympischen Spielen gesammelte Gedankensplitter lässt der Vielseitige einfließen in autobiografische Vergangenheitsprosa, und mit Erkenntnissen des Lebens, "ungezügelten Seelengängen", reichert Beyer den lyrischen Teil seiner Arbeit an, die er ein "Produkt aus reiner Lust am Schreiben" nennt. Dabei gelingt es, gleichsam in der elften Disziplin, die Mühen und Tücken der zehn Aufgaben der Königsdisziplin in Verse zu kleiden. Man ist geneigt, ihnen die Höchstpunktzahl gutzuschreiben. Über die finale sportliche Strapaze, den 1500-Meter-Lauf, heißt es: "Den ersten Sieg wollt' ich erringen, Die Gegner waren wunderbar, Hier konnte ich auch mich bezwingen, Es ist vollbracht, ein Wunsch wird wahr".

Eine Analogie zum Lauf des Lebens. Beyer, 77, starb, schwer krank, vergangenen Dezember, nur wenige Tage nach Veröffentlichung seines Buchs.

Horst Beyer: "Vom Athleten zum Poeten. Olympischer Zehnkampf in Versen." Tredition. 13,99 €.

© SZ vom 01.02.2018

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