Leichtathletik:Rekord mit Albträumen

Lesezeit: 2 min

Leichtathletik/Athletics: Maraton / Marathon (Valencia) 06-12-2020. Männer / Men; Amanal PETROS (GER). Photocopyright Gl; Leichtathletik

Rekord mit Protestgeste: Amanal Petros erinnert vor einem Jahr in Valencia an sein Volk, das tief im äthiopischen Bürgerkrieg steht.

(Foto: Jose Antonio Miguelez/imago)

Als erster deutscher Läufer unter 2:07 Stunden: Amanal Petros verbessert in Valencia erneut seine nationale Bestmarke im Marathon. Dabei bangt der 26-Jährige noch immer um seine verschollene Familie.

Von Johannes Knuth

Der Ort war derselbe, der Wind diesmal viel rasanter, der Lauf dafür aber auch: Amanal Petros hat am Sonntag in Valencia seinen deutschen Marathon-Rekord verbessert. Der 26-Jährige aus Wattenscheid traf in der spanischen Küstenstadt nach 2:06:27 Stunden ein (es gewann der Kenianer Lawrence Cherono in 2:05:12, bei den Frauen die Kenianerin Nancy Jelagat in 2:19:31). Petros unterbot damit als erster deutscher Läufer die Marke von 2:07:00 Stunden, er war 51 Sekunden schneller als bei seiner alten Bestzeit vor einem Jahr, ebenfalls in Valencia. Vor sechs Wochen hatte Petros dort auch die nationale Bestmarke im Halbmarathon an sich genommen, in 1:00:09 Stunden.

Es war ein weiteres Kapitel in einer beeindruckenden Biografie, doch ob diese eine glückliche Abrundung erhält, ist noch immer ungewiss.

Petros ist eines von vielen Beispielen in Europas Laufszene, das zeigt, was eine humane Asylpolitik bewirken kann. Er wuchs im Südosten Eritreas auf, in der Höhe, die schon viele feingliedrige Läuferkörper geformt hat. Seine Familie floh vor rund zehn Jahren erst nach Äthiopien vor dem Krieg, Petros zog es kurz darauf weiter nach Deutschland. Er landete in Bielefeld, schaffte seinen Realschulabschluss, wurde deutscher Staatsbürger, entdeckte bei Straßenläufen seine Begabung. Bei seinem Marathon-Debüt vor zwei Jahren, ebenfalls in Valencia, unterbot er die Olympia-Norm (2:11:30) schon um eine Minute (2:10:29). Aber so richtig begeistert war er nicht von den Schmerzen, die ihm die Langstrecke zufügte, er liebäugelte für Olympia 2020 wieder mit der Bahn. Dann spülte die Pandemie die Austragung erst einmal hinfort. Spätestens im Dezember 2020, in Valencia, war Petros' Motivation wieder geweckt - bei seinem Rekordlauf, der seinem Trainer Tono Kirschbaum fast einen "Herzstillstand" bescherte.

14:54 Minuten nach fünf Kilometern, 29:59 nach zehn, 63:09 zur Halbzeit - ein irres Tempo, das auf einem Irrtum fußte: Petros hatte sich hinter einen falschen Tempomacher geklemmt. Aber weil er schon mal dabei war, ritt er einfach weiter auf der Welle, volles Risiko - mit Erfolg. Auch im Sommer, bei den verschobenen Spielen von Tokio, lief Petros mit den Favoriten mit, ganz oder gar nicht, so tickt er eben. Diesmal übernahm er sich, Platz 30.

Die Entschlossenheit, die Petros seit Jahren durch sein Läuferleben trägt, hat noch einen finstereren Grund: Vor einem Jahr, zwei Tage vor seinem ersten Rekordlauf in Valencia, hatte Petros bekundet, dass er seine Mutter und zwei Geschwister nicht erreichen könne, die noch immer in Äthiopien leben - wo wieder Bürgerkrieg herrscht. Er laufe immer auch für sie, hat er seitdem betont, auch für sein Volk aus der Region Tigray, das derzeit mit den Regierungstruppen kämpft. Zuletzt meldete sich sogar Haile Gebrselassie, Äthiopiens Lauflegende, mit einem verstörenden Statement: Er sei bereit, die Tigray-Truppen an der Front zu bekämpfen.

Und Petros? Der weiß heute noch nicht, wie es seiner Familie geht. Er habe oft Albträume, sagte er dem Spiegel zuletzt, und auf seine weiteren Ziele angesprochen fügte er an: "Ich will meine Familie, meine Mama endlich umarmen."

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