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Leichtathletik-Präsident Lamine Diack:Marodes System eines Autokraten

Lamine Diack

Lamine Diack, Präsident des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF.

(Foto: dpa)
  • Der Präsident des Leichtathletik-Weltverbandes räumt nach 16 Jahren im Amt seinen Posten.
  • Sein Vermächtnis sieht der Senegalese sehr positiv, im Gegensatz zu Kritikern aus verschiedenen Ländern.
  • Das System des 82-Jährigen gilt als korrupt und willkürlich.

Der zuweilen als archaisch verschriene Weltverband der Leichtathleten (IAAF) führt neuerdings eine kostenlose App im Angebot. Der ist allerlei Wissenswertes zu entnehmen und der Wortlaut einer Hymne auf den Verband mit dem Titel "Ein moderner Sport".

Darin wird das Hohelied auf die selbst bescheinigte Exzellenz gesungen. Von "Schwung und Entschlossenheit" ist die Rede und von Werten zur Bewältigung der "Herausforderungen des Lebens"; da heißt es, die Leichtathletik trage "den Mantel des führenden Olympiasports", finde bei Olympia und WM in "vollgepackten Stadien" statt und ziehe "Milliarden Fernsehzuschauer an".

Kluft zwischen Selbst- und Außenwahrnehmung

Autor des Vielzeilers ist der Präsident höchstselbst, Lamine Diack, 82. Der greise Senegalese räumt am 19. August nach 16 Jahren die Spitzenposition der nach Mitgliedsländern drittgrößten internationalen Sportföderation. Das erklärt den vorwiegend in rosarot gehaltenen Inhalt seiner Laudatio auf die IAAF - und irgendwie auch auf den, der sich qua Amt für all diese Segnungen verantwortlich wähnt.

Ein Vermächtnis also eines erfolgreichen Sportführers? Eher wohl eine Zustandsbeschreibung nahe der Schönfärberei. Sonst hätte Diacks möglicher Nachfolger, der Brite Sebastian Coe, kaum ein Zukunftsprogramm ("Manifesto") vorlegen müssen, das die Leichtathletik schier auf den Kopf stellt; und das deutsche IAAF-Vorstandsmitglied Helmut Digel rechtzeitig zu Diacks Rücktritt ein Buch ("On Athletics, challenges and solutions", Hofmann-Verlag, Schorndorf) veröffentlicht, das die Gebrechen seines Sports säuberlich auflistet; und der Diack-Kritiker und frühere Multifunktionär des italienischen Sports, Luciano Barra, ein Pamphlet ins Internet gestellt, das ihm globale Zustimmung einbrachte. Welche Leichtathletik also hinterlässt Diack tatsächlich seinem Nachfolger?

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Einer Abrechnung der Ära Diack vorauszuschicken ist: Der Senegalese wurde Präsident, als die Jahre extremer Doping- und Kommerzexzesse sich erst abzuzeichnen begannen und nicht zu erkennen war, dass sich Diack nicht wirklich gegen sie stemmen würde. "Er kam mit einem Fiat 500 und musste dann einen Ferrari fahren", schildert Barra das Problem. Diack hatte den Chefsitz 1999 nach dem plötzlichen Tod des Italieners Primo Nebiolo aufgrund seiner IAAF-Position - er war Senior Vice-President - regelkonform ohne Wahl erhalten und erst für die Zeit von 2001 an das Votum des Plenums.