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Leichtathletik:Pipi vom Präsidenten

2017 European Athletics Indoor Championships - Day Three

Umstrittener Reformer: Svein Arne Hansen, Präsident des Europäischen Leichtathletik-Verbandes.

(Foto: Alexander Hassenstein/Getty)

Svein Arne Hansen fiel zuletzt als Anti-Doping-Kämpfer auf. Jetzt wird der Präsident des europäischen Leichtathletik-Verbands von alten und neuen Vorwürfen eingeholt.

Von Johannes Knuth

Als Chef eines Leichtathletik-Meetings hat man durchaus einiges zu tun. Man hält die Fäden zusammen, verhandelt mit Athleten, bewirbt das Event. Blöd nur, wenn ein Athlet positiv getestet wird, das zersetzt die Glaubwürdigkeit. Wobei: Mancher Sportfunktionär fand da oft, nun ja, kreative Lösungen. Der Clan um den ehemaligen Weltverbands-Präsidenten Lamine Diack soll zum Beispiel Doper erpresst haben; wer zahlte, konnte damit rechnen, dass seine Probe verschwand. Oder auch nicht. Eine weitere, bislang eher unbekannte Anregung wird nun in Norwegen wieder debattiert: Der ehemalige Meeting-Direktor der Bislett Games in Oslo prahlte einst, er habe selbst sauberen Urin bereitgestellt, für verdächtige Athleten.

Das ist der Kern der jüngsten Affäre in der affärengetränkten Leichtathletik.

Der erwähnte Meeting-Chef ist Svein Arne Hansen, mittlerweile Präsident des europäischen Verbandes EAA und Mitglied im Council des Weltverbandes IAAF. Er schob zuletzt den "revolutionären" Vorschlag an (Quelle: Hansen), die Welt- und Europarekorde zurückzusetzen, darunter manch toxische Marke aus den 1980er Jahren. Um die zuletzt arg ramponierte Glaubwürdigkeit aufzufrischen, siehe: Doping, Erpressung, Diack. Allerdings soll auch bei den Bislett Games, die Hansen von 1985 bis 2009 beaufsichtigte, in der selben Epoche Doping verschleiert worden sein. Die norwegische Zeitung Verdens Gang berichtet, dass die Organisatoren Urinproben von Athleten tauschten, die Gefahr liefen, enttarnt zu werden. Und einmal, so habe es Hansen erzählt, pinkelte er persönlich ins Glas. Nur ein Spaß, dementierte der Norweger entrüstet. Überhaupt, schreibt der 71- Jährige auf Anfrage, seien alle Vorwürfe völlig "haltlos". Haltlos?

Angestoßen hatte die Causa der ehemalige Hochspringer Patrik Sjöberg, der gemäß Hansens Vorschlag seinen Europarekord verlieren könnte. Sjöberg berichtete nun, dass Athleten bei Hansens Meeting sauberen Urin anlieferten, offenbar für Vertuschungen. Einer dieser Boten war er selbst, bis zu 1000 Dollar habe er verdient. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass Hansen davon nichts mitbekommen hat", sagte Sjöberg. Hansen drohte mit Klage. Mittlerweile, schreibt er, habe Sjöberg alle Aussagen zurückgenommen. Die Tester durften damals natürlich testen, wie sie wollten. Ein Fahnder war Rune Andersen; er leitet derzeit die IAAF-Taskforce, die die Fortschritte (oder Rückfälle) in Russlands kollektiv gesperrter Leichtathletik überprüft.

"Alles war verhandelbar", sagt eine ehemalige Managerin

Andersen bestätigt Hansens Version. Weitere Kronzeugen zeichnen ein etwas anderes Bild, wie Anne-Lise Hammer. Sie saß einst an den Knotenpunkten des Hochleistungsbetriebs, war Pressechefin der Bislett Games, betreute den britischen Sprinter Linford Christie, der 1999 positiv auf Nandrolon getestet wurde. "Alles war verhandelbar", sagt sie nun, auch in Oslo. Sie habe erlebt, dass Sportler sich plötzlich abmeldeten, weil sie wussten, dass ihre Bahn für eine Dopingkontrolle ausgewählt worden war. "Das Wichtigste war", sagt Hammer, "dass es möglichst wenige Skandale und volle Tribünen gab." Ingrid Kristiansen, eine ehemalige Langstreckenläuferin, assistiert: Sie sei fast immer getestet worden, während andere, potente Konkurrenten seltsam unbehelligt blieben.

Einer, der einiges dazu vortragen kann, ist der Niederländer Henk Kraaijenhof, ein von Dopingvorwürfen umwehter Trainer (der stets alles abstritt). Kraaijenhof schilderte im Dezember 2013 auf seinem Blog, Hansen habe ihm und anderen Mithörern einst erzählt, dass er für sein Meeting in Oslo einen Topstar verpflichten wollte. Eine Bedingung: keine Tests. Also, habe Hansen erzählt, habe er den Urin selbst zur Verfügung gestellt. Kraaijenhof hielt zunächst die Daten der Konversation fest, 3. März 1984, 10 Uhr, im Scandinavium von Stockholm, wo gerade die Hallen-EM stattfand. Mittlerweile sind die Daten gelöscht, die Anekdote steht aber nach wie vor im Netz. Anne-Lise Hammer, Hansens ehemalige Pressechefin, hatte die Geschichte bereits 1988 in ihrem Buch "Doping Express" erwähnt. Hansen drohte damals, sie zu verklagen. Es blieb bei der Drohung.

Warum eigentlich?

Hansen schreibt auf Anfrage, dass er sich daran nicht mehr erinnern könne; Kraaijenhof verbreite Lügen, hatte er zuvor gesagt. Seine angebliche Urinprobe war halt ein "unangebrachter" Scherz, in einer Bar. Und überhaupt: "Ich habe in meiner gesamten Karriere gegen die Plage des Dopings gekämpft." Derzeit arbeite die EAA an einer Plattform, auf der Kronzeugen Regelverstöße anzeigen können. Hansen selbst muss wohl nichts befürchten; Norwegens Verbandschef Ketil Tömmernes rügte ihn für seinen "unvorsichtigen" Scherz, ansonsten habe Hansen ja eine tadellose Reputation. Und die IAAF, mittlerweile gelenkt von Hansens Vertrautem Sebastian Coe, der in Oslo Weltrekorde über 800 Meter und die Meile erschuf? Sie äußert sich auf Anfrage nicht.

© SZ vom 10.05.2017
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