Leichtathletik Noch mal mitstänkern

Mit vollem Schwung und aufgeblasenen Backen: Robert Harting meldet sich in Kassel zurück.

(Foto: Sven Hoppe/AFP)

Ein Wurf, in dem alles perfekt ineinanderfließt: Die 68,04 Meter von Kassel machen Diskus-Olympiasieger Robert Harting nach seiner Verletzung Mut für die Aufbauarbeit vor den Spielen in Rio.

Von Johannes Knuth, Kassel

Robert Harting spürte den Gegenwind. Er freute sich, der Gegenwind ist ein Freund der Diskuswerfer, er schafft ein Polster aus Luft, das den Diskus weit trägt. Harting eilte also in den Ring, es war ja sein letzter Versuch, die letzte Chance, sich an Bruder Christoph vorbeizuschieben, der mit 66,41 Metern führte. Eine Weite, "die ich mir nicht mehr zugetraut hatte", wie Harting später sagte. Doch dann zeigte er einen dieser Würfe, bei dem alles ineinanderfließt, so sehr, dass der Werfer die Anstrengungen kaum spürt. Hartings Diskus legte sich auf das Kissen aus Luft, er flog, bis auf 68,04 Meter. Und dann war Robert Harting, 31, wieder deutscher Meister, mit einer Weite, die eigentlich noch gar nicht in seinem Körper steckte.

Die deutschen Meisterschaften in Kassel haben am Wochenende wieder vielen unterschiedlichen Darstellern eine Bühne bereitet. Es gibt gerade viele junge Karrieren, die Fahrt aufnehmen. Andere wiederum machen sich nach Jahren des Stillstands noch einmal Richtung Olympia auf, es ist ein kniffeliges Unterfangen, weil man sich ständig mit seinen alten Stärken misst. Die Hochspringerin Ariane Friedrich, WM-Dritte von 2009, konnte in Kassel einiges davon erzählen. Friedrich hat eine schwere Knieverletzung und eine Mutterpause hinter sich, ihr gehört noch immer der deutsche Rekord (2,06 Meter), aber die Erinnerung daran ist längst erkaltet. In Kassel schaffte sie 1,84 Meter. Dann kroch ein höllischer Schmerz ins Knie. Saison vorbei? "Keine Ahnung", sagte Friedrich, Tränen kullerten über ihre Wangen, "ich bin leider 32, jeden Tag fängt es irgendwo anders an zu zicken. Das ist wirklich ätzend." Und auch Robert Harting hatte so seine Probleme mit einem Wettkampf, in dem er nicht nur mit der jüngeren Konkurrenz rang, sondern mit sich selbst. "Wenn du plötzlich nicht mehr das kannst, was du jahrelang gezeigt hast, dann fragst du dich ja schon, wer du eigentlich bist", sagte er.

Harting war mal ein 70-Meter-Werfer, er war einer für die großen Gesten, 2012 wurde er Olympiasieger, später zerriss er sich sein Trikot, wie immer. 2014, nach seinem zweiten EM-Titel, riss sein Kreuzband. "Das hat mich ja wirklich das Ende meiner Karriere berühren lassen", sagte er in Kassel, aber er kam zurück, nach eineinhalb Jahren. Nur: Der Körper, in den er wieder hineinwachsen wollte, hatte sich verändert. Der Riss hatte Nervenbahnen gekappt, "das ist ein bisschen Kindergarten, weil man sich mit vielen Sachen beschäftigen muss, die man schon mal gelernt hat", sagt Harting. Früher, als er den Weg zum ersten Mal abschritt, wurde er jeden Tag ein bisschen besser. Jetzt, sagt Harting, "kippt dieses ganze Spiel". Man trainiert, trainiert, blickt zurück und war früher immer besser. "Das ist erschütternd, das muss man erst lernen." Olympia in Rio bricht in weniger als zwei Monaten an, bis 2018, bis zum veranschlagten Karriereende bei der EM in Berlin, ist es auch gar nicht mehr so weit. Harting sagt: "Das wird nie wieder so gut werden wie früher."

"So 'ne Identitätsfindung mit 31 ist im Sport schon ein bisschen ungünstig."

Harting weiß, dass seine größte Weite, der größte Tag in seinem Sportlerleben vielleicht schon hinter ihm liegt. "So ne' Identitätsfindung mit 31", sagt er, "ist schon ein bisschen ungünstig. Männer haben das ja eher mit 40." Und in einem Sportlerleben muss es sowieso immer vorwärtsgehen. Harting hat schon eingesehen, dass man den alten Sportler nicht einfach wieder neu starten kann wie einen Computer. Er ähnele jetzt eher einem Geländewagen, sagt er, keinem Formel-1-Auto. "Ich brauche das Gelände, um Vorteile zu haben." Sprich: günstigen Wind, wie in Kassel. "Weil ich leistungsmäßig mit den anderen eigentlich nicht mithalten kann." Er hat sich Hilfe bei einem Sportpsychologen geholt, hat einen Fitnesstrainer engagiert, der den Körper knetet, der nicht mehr so beweglich ist wie früher. Er lässt sich jetzt helfen. "Robert Harting", sagt Harting, "ist jetzt eigentlich ein Teamsportler."

Misserfolg, sagt Harting, "ist eklig." Aber man spürt schon, dass er in eine neue Haltung zu seinem Beruf hinübergleitet. Das Kribbeln, die Duelle, in Rückstand zu geraten, die heißen und kalten Momente, durch die man im Sport watet. Harting sagt: "Ich freue mich, dass ich noch mal mitstänkern kann mit den Jungs." Er ist seit Sonntag für Rio zugelassen, wie alle deutschen Meister mit Olympia-Norm, aber er weiß, dass die 68 Meter nicht sein wahres Vermögen abbilden. Seine besten Würfe landeten früher bei 69 Metern, heute bei 65. Er wird die EM im Juli auslassen, versuchen, seine Alltagsform auszubauen, auf 66, 67 Meter. "Wir reden von der Medaillenfähigkeit", sagt er. Den Olympiasieg? "Kannste vergessen", sagt Harting. Nur mit Glück und Gelände. Die Erwartungen sind noch immer groß, da ist Harting Opfer seiner alten Dominanz. Wobei: Es macht die Dinge schwer, wie beim letzten Versuch gegen die stärkere Konkurrenz. Und wenn Harting etwas mag, dann Situationen, die schwer sind.