Süddeutsche Zeitung

Leichtathletik:Mit langem Atem

Von Berlin nach Regensburg und von dort in die europäische Nachwuchsspitze: Leichtathletin Miriam Dattke könnte am Anfang einer schönen Karriere stehen.

Neulich, beim Heimspiel in Regensburg, ist Miriam Dattke ein bisschen sauer geworden. Für einen Moment war sie sogar sehr zornig, auch wenn man ihr das zunächst gar nicht zutraut, so freundlich wie sie im Gespräch auftritt. Dattke absolvierte beim Regensburger Sparkassen-Meeting jedenfalls die erste Runde der 1500 Meter, es sollte ein letztes, nicht allzu ernstes Anschwitzen sein für die U23-EM in Schweden; Dattke wird dort an diesem Freitag die etwas schweißtreibenderen 10 000 Meter laufen. Aber sie hatte sich nun mal in den Kopf gesetzt, in Regensburg auch ihre Bestzeit über diese fiese Mittelstrecke zu knacken - und dann, nach 400 Metern, trödelte die Tempomacherin plötzlich so sehr, dass es am Ende doch nichts wurde. "Ich bin jetzt nicht perfektionistisch", sagte Dattke nach dem Rennen, das sie übrigens gewonnen hatte, "aber wenn ich sage, ich will das und das laufen, dann ärgert mich das schon, wenn es nicht klappt."

So ein bisschen gesunde Dickköpfigkeit muss ja nichts Falsches sein. Vielleicht gehört es sogar zwingend dazu, wenn man dort stehen will, wohin es die Langstreckenläuferin Miriam Dattke, 21, von der LG Telis Finanz Regensburg verschlagen hat. Silber gewann sie schon vor zwei Jahren bei der Junioren-EM über 5000 Meter, Gold und Silber mit den Nachwuchsteams sowie Bronze im Einzel bei diversen Cross-EMs. In diesem Jahr sicherte sie sich den ersten nationalen Titel bei den Erwachsenen, im Halbmarathon, in Bestzeit von 1:11:56 Stunden. Und jetzt ist Dattke bei der U23-EM eine der aussichtsreicheren deutschen Starterinnen, mit ihrer Bestzeit von 32:40,58 Minuten über die 10 000 Meter, für die sich der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) auch deshalb viel ausrechnet, weil in Alina Reh eine weitere deutsche Läuferin die große Favoritin ist. Zwei Hoffnungen auf der Langstrecke, das ist schon etwas Besonderes im DLV. Zumal gar nicht viel gefehlt hätte, und eine der beiden Karrieren wäre vor ein paar Jahren schon fast in ein schmerzhaftes Ende gesteuert.

Dattke ist in Mannheim geboren und in Berlin aufgewachsen, der Vater, durchaus marathonaffin, stammt aus Baden, die Mutter aus Ruanda. Sie schoss als 17-Jährige schon an die Spitze diverser Bestenlisten, wurde Zwölfte bei der Jugend-WM über 3000 Meter, das weckte im DLV die üblichen Begehrlichkeiten. Dattke schlug den branchenüblichen Weg ein: Abitur, Sportinternat, Leistungszentrum, aber plötzlich brach ihr Strom an Bestleistungen ab. Sie hatte sich an den Plantarsehnen verletzt, "und ist irgendwann da im Zentrum vergessen worden", sagt Kurt Ring, Dattkes Trainer in Regensburg. Er macht da kein Geheimnis draus: dass das Verhältnis zu den Verbandstrainern am Ende nicht das allerbeste war. Als Ring damals bei Dattke anrief, seien ihr Gedanken ans Karriereende durch den Kopf gespukt - dann machte sie doch weiter, ließ sich ein Jahr aus der Ferne coachen, zog ins Athletenhaus nach Regensburg. "Ich muss zugeben, dass es von Berlin aus schon ein großer Wechsel war", sagt Dattke. Aber sie fühle sich "mittlerweile so wohl", in der ambitionierten Trainingsgruppe und dem Umfeld, "dass ich es mir schwer vorstellen kann, noch mal woanders hinzuziehen".

So ist sie halt im beschaulichen Bayern in die europäische Nachwuchsspitze reingewachsen und tüftelt mit ihrem Trainer längst an einem Projekt, das es ganz schön in sich hat. "Ich fand Marathon schon immer richtig faszinierend", sagt Dattke: "Es ist eine Sache, 1500 oder 5000 Meter schnell zu laufen, aber noch mal was ganz anders, das über 42 Kilometer zu schaffen." Ring sieht sie dafür jedenfalls befähigt, mit ihrer Veranlagung über 10 000 Meter, er würde Dattke in den kommenden Jahren da gerne zu einer 31er-Zeit führen, als Basis für die Straße. Für das kommende Jahr haben sie sich noch die EM in Paris vorgenommen, entweder im Halbmarathon oder über die 10 000, dann soll es Richtung Marathon gehen, Schritt für Schritt. "Man darf beim Marathon nicht vergessen: Die psychische Belastung bei großen Meisterschaften ist erheblich, da verlierst du mit jedem Jahr Kräfte", sagt Ring. Aber bisher ziehe Dattke bei den Planungen außerordentlich gut mit - "mit allen alltäglichen Problemen einer 21-Jährigen", sagt Ring, der 70-Jährige; er meint das wohlwollend: "Sie fängt sich vom alten Trainer schon mal 'ne Kritik ein, aber sie arbeitet das sofort um. Manche reagieren da motzig, andere abweisend - sie sagt: Logisch, da muss ich umdenken." Manchmal weist eine schlechte Idee ja erst den Weg zu einer besseren.

Dattke sieht das Ganze so: "Ich hätte nie gedacht, dass ich einen Trainer finde, wo alles so perfekt passt." Ring achte "vor allem aufs große Ganze", nicht nur auf schnelle Zeiten; er respektiere auch, wenn sie sich mal einen Tag Auszeit erbete. Sie hat für sich in Regensburg das übliche Netz einer dualen Karriere gespannt mit einem kleinen Ausrüstervertrag, Förderung durch die Stadt, Sporthilfe, den Verein. Und mit einem stressigen Jura-Studium. Aber Dattke ist auch eine, die ihrem Sport zwar vieles, aber nicht alles unterordnen mag. Sie hatten im deutschen Verband schon einige talentierte Läufer, die im Übergang zu den Erwachsenen hängen blieben, da kann es nicht schaden, wenn man für das echte Leben abseits der Bahn vorbereitet ist. "Vielleicht laufe ich auch meinen ersten Marathon", sagt Dattke, "und denke mir: Mein Gott, ich hab' davon zehn Jahre geträumt und eigentlich ist es total blöd." Dann lacht sie. Und fügt an: "Ich bin da jetzt mal optimistisch."

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SZ vom 12.07.2019
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