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Leichtathletik:Langsamer und trotzdem weiter

Malaika Mihambo (GER) 22. Internationales Leichtathletik Meeting ANHALT 2020 Dessau // 08.09.2020 // Paul-Greifzu-Stadio

Im Mittelpunkt der Weitsprung-Szene und am Sonntag auch beim Istaf in Berlin: Weltmeisterin Malaika Mihambo.

(Foto: Holger John /imago)

Weitspringerin Malaika Mihambo profitiert in einer entschleunigten Saison vom Mut zum Loslassen - wie ihre Form vor dem Istaf der Leichtathletik zeigt.

Von Saskia Aleythe

2020 ist nicht unbedingt das Jahr der Freudensprünge, aber es steht natürlich jedem frei, bei gegebenem Anlass doch welche aufzuführen. Malaika Mihambo zeigte kürzlich einen: Nach 7,03 Metern war die Weitsprung-Weltmeisterin in der Sandgrube gelandet am Dienstagabend in Dessau, das war Weltjahresbestleistung. Obwohl Mihambo nur mit 16 statt wie üblich 20 Schritten anlief, das Gaspedal war also nicht mal bis zum Höchsttempo durchgedrückt. Vier Schritte weniger und trotzdem besser als alle anderen, das muss bei Mihambo nicht wundern: Sie ist die Meisterin der Entschleunigung.

Meditieren ist in ihrem Leben fest verankert, und wann könnte sie mehr davon profitieren, im Jetzt zu leben und den Geist wieder einzufangen, wenn er sich allzu sehr in die Ferne verflüchtigt, als in der Corona-Saison? Dieses Jahr habe sie gelernt, dass man manchmal mit Dingen warten müsse, "auch wenn wir uns sie jetzt vielleicht schon wünschen würden", sagte sie am Freitag in Berlin, "von daher hat man auch viel übers Loslassen gelernt". Bei Carl Lewis, dem neunmaligen Olympiasieger, wollte sie ursprünglich jetzt schon trainieren, doch es ist gerade nicht die Zeit für Umzüge nach Amerika. Der goldene Spätsommer, den sie gerade trotzdem erlebt, passt auch zur Gefühlslage der Veranstalter des Istafs, das am Sonntag in Berlin stattfindet: Da ist viel unverhoffte Euphorie, bedingt durch eine Fülle von prominenten Startern - und die Duftmarken, die mancher zuletzt gesetzt hat.

Loslassen, das musste Mihambo schon nach der Hallensaison, die sie mit einer Rückenverletzung beendete. Das Training lief dann nur eingeschränkt, auch wegen der Corona-Maßnahmen. "Ich wusste, ich kann meinen Körper schonen, dieses Jahr ist nicht so wichtig wie nächstes Jahr", sagt sie, deswegen wurde der Anlauf verkürzt, vier Schritte entsprechen rund zehn Metern und entsprechend verringerter Geschwindigkeit vor dem Absprung. Den 7,03-Meter-Sprung von Dessau steckt sie in die gleiche Kategorie wie ihren 7,30-Meter-Satz beim WM-Sieg vor einem Jahr in Doha, "ich habe mir selber große Fußstapfen gesetzt". Die Istaf-Veranstalter freut es, noch besser wäre dieser Werbeeffekt natürlich, wenn man auch alle Interessierten ins Stadion lassen könnte - so ein Leichtathletik-Meeting lebt vor allem von den Ticket-Einnahmen.

40 500 Zuschauer kamen im vorigen Jahr ins Olympiastadion, diesmal gehört das Istaf mit 3500 zugelassenen Fans schon zu den Sportevents mit dem größten Publikumsverkehr in den vergangenen Monaten. 5000 Leute dürfen in Berlin bei Großveranstaltungen derzeit zusammenkommen, abzüglich der Sportler, Betreuer, Journalisten und Dienstleister. Union Berlin testete in der vergangenen Woche vor 4500 Zuschauern, allerdings ist die Alte Försterei viel kleiner als das Olympiastadion, in dem auch ohne Virus die Tribünen verlassen wirken wie Steppen, durch die lediglich Strohbälle ziehen, so weitläufig ist es mit seinen fast 74 000 Plätzen. "Natürlich ist auch mit 3500 Fans noch sehr, sehr viel Platz", sagt Istaf-Chef Martin Seeber, der aber Verständnis dafür hat, dass die Politik einheitliche Regelungen will. Nur jede zweite Reihe wird jetzt besetzt, alle Tickets sind personalisiert.

Finanziell hofft Seeber, mit einer schwarzen Null aus der 99. Ausgabe des Events herauszukommen. Auch er musste loslassen von größeren Erwartungen. "Als Gesamtkonzept rechnet es sich", sagt er aber, und meint das auch mit Blick auf Sportler und Dienstleister, die davon profitieren. Dass das Istaf überhaupt stattfinden kann, sei für die Athleten "ein Riesengeschenk", findet der Speerwerfer Johannes Vetter, auf den die Augen nach seinem Wurf auf 97,76 Meter am vergangenen Sonntag mindestens so gerichtet sein werden wie auf Mihambo. In einem normalen Jahr hätte er bis zu 20 Wettkämpfe absolviert, das Istaf ist nun sein zehnter und letzter. "Man merkt, dass es ein wirtschaftlicher Einschnitt ist", sagt er, durch seine Anstellung bei der Bundeswehr ergehe es ihm aber noch besser als vielen anderen Sportlern. Viele sind in einem Jahr ohne Olympia und EM schon dankbar für alles, was nach sportlichem Kräftemessen aussieht. So wird das Istaf zu einem verspäteten Höhepunkt: Im Stabhochsprung sind rund um Armand Duplantis aus Schweden die fünf Besten der vergangenen WM am Start, im Diskusring wetteifern die letzten drei Weltmeister miteinander, und dass der Norweger Karsten Warholm seine 400 Meter Hürden läuft, nachdem er zuletzt in 46,87 Sekunden nur um neun Hundertstelsekunden am Weltrekord vorbeigeschrammt war, wird die Live-Übertragung der ARD ebenso aufwerten.

"Wir mussten alle lernen, flexibel zu sein", sagte Mihambo zu diesem sehr speziellen 2020 noch und man kann schon zu dem Schluss kommen: Manchmal führt vielleicht erst das Loslassen dazu, dass am Ende sogar Freudensprünge angesagt sind.

© SZ vom 12.09.2020

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