Leichtathletik:Im Aufwind

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Leichtathletik: Lässt sich kaum noch aus ihrer Ruhe werfen: Kristin Pudenz im kalten Oslo, wo sie am Ende Dritte wird.

Lässt sich kaum noch aus ihrer Ruhe werfen: Kristin Pudenz im kalten Oslo, wo sie am Ende Dritte wird.

(Foto: Vegard Grott/Bildbyran/Imago)

Diskuswerferin Kristin Pudenz ist an die Weltbesten herangerückt - nach vielen Jahren in der zweiten Reihe und einem Schlüsselmoment.

Von Johannes Knuth, Paris/München

Die Macher der Diamond League haben sich mal wieder etwas Neues ausgedacht, um ihre chronisch unterverkaufte Leichtathletik-Premiumserie ein wenig populärer zu machen. Nur den besten drei Athleten nach fünf Versuchen wird in ausgewählten technischen Wettbewerben seit diesem Sommer ein sechster Anlauf gewährt (wobei immerhin die unsinnige Regel abgeschafft wurde, wonach allein die beste Weite aus diesem sechsten Versuch über den Sieg entscheidet). Danach stellen sich die drei Finalisten vor der TV-Kamera auf, nebeneinander wie beim Gruppenfoto zum neuen Schuljahr - vermutlich, um dem Zuschauer noch mal nahezubringen, wer da gerade eigentlich um den Sieg gerangelt hat.

Am Samstagabend, nach dem Diskuswerfen der Frauen in Paris, standen dort also: Valarie Allmann, die Olympiasiegerin aus den USA, die auch beim Diamond-League-Meeting in der französischen Kapitale gewonnen hatte (mit 68,68 Metern); daneben Sandra Perkovic, die Doppel-Olympiasiegerin aus Kroatien (68,19) - und Kristin Pudenz, 29, vom SC Potsdam, die Olympiazweite von Tokio, diesmal Dritte mit 64,39. Auch war sie den Besten wieder ganz nah.

Das sind zunächst mal gute Nachrichten für den Deutschen Leichtathletik-Verband, der bei internationalen Leistungsmessen zuletzt nicht gerade von Medaillen und Spitzenplatzierungen überschüttet wurde. Und während sich in diesem vollgepackten Sommer viele DLV-Kräfte auf die nationalen Meisterschaften am kommenden Wochenende in Berlin konzentrieren, ist Pudenz eine von gar nicht so vielen, die sich zuletzt konstant in die Wettkämpfe wagte, auch international. Sie wurde Dritte in der Diamantenliga in Eugene, Dritte in Oslo, zwischendurch warf sie Bestleistung in Schönebeck (66,96). Nun wieder Platz drei in Paris, das ist mittlerweile fast ein gewohnter Anblick. Und das ist wiederum umso beachtlicher für eine, die sich jahrelang damit abgefunden hatte, dass die anderen am Ende eh wieder besser sind.

"Entweder ich verändere noch mal was", sinnierte sie vor vier Jahren, "oder das war's."

Pudenz' Geschichte handelt auch davon, dass es manchmal eine steife Brise Gegenwind braucht, ehe es einen an die Spitze trägt. Ein Schlüsselmoment, das hat sie im vergangenen Jahr bei den Spielen in Tokio erzählt, sei die EM 2018 in Berlin gewesen, in der Nachbarschaft ihrer Wahlheimat Potsdam. Pudenz hatte zwar die Norm geschafft, die drei deutschen Startplätze hatten aber andere abbekommen, wie so oft: Diesmal waren es Nadine Müller, Shanice Craft und Claudine Vita, sie wurden Zweite, Dritte und Vierte. Pudenz hockte indes auf der Tribüne und sinnierte: "Ich könnte jetzt genauso da unten stehen und um die Medaillen mitwerfen. Entweder ich verändere noch mal was. Oder das war's."

War's aber noch nicht. Pudenz blieb zwar ihrem langjährigen Trainer Jörg Schulte treu, in Potsdam, wohin sie als Schülerin von Herford in Nordrhein-Westfalen gezogen war, wegen des dortigen Sportinternats. Sie veränderte aber doch so viel, dass es sie auf neue Wege zog. Ein Neuroathletik-Trainer habe, grob gesagt, die Nervenautobahnen gefestigt - die Füße wüssten nun besser, was der Kopf wolle und umgekehrt. Ein Ernährungsberater sorgte zudem dafür, dass sie schlanker wurde und schneller - keine schlechte Idee im kleinen Diskusring, in dem die Athletinnen eine ein Kilo schwere Scheibe binnen eineinhalb Drehungen maximal beschleunigen müssen. Und wenn man Pudenz richtig versteht, reifte irgendwann auch die Erkenntnis, dass einen viele kleine Schritte genauso auf den Erfolgspfad tragen können. "Ich habe viele Jahre aus der zweiten Reihe zugeschaut", sagte sie in Tokio, "das hat mich irgendwie auch stark gemacht."

So zog sie damals, im ersten Sommer nach ihrem Tribünendasein in Berlin, gleich mit einer Bestleistung los. Und während sie früher oft zu den nationalen Titelkämpfen reiste, ohne sich so richtig auf einen der vorderen Plätze zu versteifen, wollte sie diesmal gewinnen - was auch gelang, mit 64,37, wieder Bestleistung. Im WM-Finale 2019 wurde sie noch Elfte, in der Diamond League stieß sie nach und nach in die Spitze vor; und wenn sie doch mal missratene Würfe einbaute, warf sie das nun immer seltener aus der Ruhe. Das Selbstbewusstsein blies sich allmählich auf wie ein Segel, das vom Wind weit hinausgetragen wird, in Tokio preschte sie dann so weit vor wie noch nie: Silber mit Bestleistung (66,86), vor Branchengrößen wie Perkovic. "Hat endlich klick gemacht", sagte Pudenz damals.

Das ist jetzt auch international der Anspruch, betonte Pudenz in Paris: Sie möchte jetzt auch international ganz vorne herausstechen; nicht nur auf den sogenannten Segelwiesen, wo die Werfer den Diskus auf einen Teppich aus Wind betten können. Die nächsten Gelegenheiten: Berlin, dann schon die WM in Eugene und die EM in München. In jedem Fall mittendrin statt auf der Tribüne.

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