Süddeutsche Zeitung

Leichtathletik:"Als ich am Morgen aufwachte, hatte ich Schnitte"

  • Drei Leichtathletinnen erheben in einem ARD-Beitrag schwere Vorwürfe gegen einen Arzt des Weltverbandes IAAF.
  • Sie mussten sich wegen erhöhter Testosteronwerte einer Operation unterziehen.
  • Doch die Athletinnen waren sich offenbar weder über ihre Veranlagung im Klaren noch über die Schwere des Eingriffs.
  • Hier geht's zum Zeitplan der Leichtathletik-WM.

Vor ein paar Tagen wurde Sebastian Coe in Doha gefragt, was er sich für seine zweite Amtszeit an der Spitze des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF wünsche - nachdem die erste tief im Zeichen des russischen Dopingskandals gestanden hatte. Dass die zweite Periode nicht auch davon geprägt werde, antwortete Coe, halb amüsiert, halb im Ernst.

Am liebsten, sagte der Brite, würde er sich ja auf das konzentrieren, was im Stadion passiert, wohl wissend, dass das in etwa so realistisch ist wie das Unterfangen, einen Schneemann im 40 Grad warmen Doha zu bauen. Russlands Verband bleibt international gesperrt, und zur Eröffnung der WM am Freitag rückte ein weiteres bekanntes Thema zurück in den Fokus. Es geht darum, wie der Verband mit Athletinnen verfährt, die erhöhte Testosteronwerte haben und doch bei den Frauen starten wollen, obwohl ihnen das womöglich einen Wettkampfvorteil verschafft. Und die dafür teils fragwürdige, teils schockierende Methoden über sich ergehen lassen mussten, wie ein ARD-Beitrag nun ausführt.

Der Rat des Mediziners: Entweder Hormontherapie - oder eine Operation

Annet Negesa, eine ehemalige 800-Meter-Läuferin aus Uganda, schildert darin, dass bei ihr kurz vor den Olympischen Spielen 2012 erhöhte Testosteronwerte festgestellt wurden. Negesa ist offenbar ähnlich veranlagt wie die Südafrikanerin Caster Semenya, die 2009 Weltmeisterin über dieselbe Strecke wurde, was den Weltverband IAAF damals veranlasste, eine Regel für Läuferinnen wie Semenya festzuzurren. Entweder sie drückten ihren Testosteronspiegel unter einen Grenzwert, oder sie durften nicht bei den Frauen antreten. Stéphane Bermon, damals IAAF-Mediziner, habe ihr also zwei Optionen empfohlen, sagt Negesa: eine Hormontherapie - oder eine Operation. "Sie haben mir gesagt, es sei eine Art Injektion, sie würden mein Testosteron herausziehen. Aber das ist nicht das, was sie gemacht haben", so Negesa. "Als ich am Morgen aufwachte, hatte ich Schnitte."

Neben Negesa schildern zwei weitere Athletinnen, dass sie einer ähnlichen Operation unterzogen wurden; eine sagt, dass ihr die Ärzte nur eine Operation als Wahl nannten. Ihr seien daraufhin ihre innenliegenden Hoden entfernt worden, eine Kastration also. Die Athletinnen waren sich offenbar weder über ihre Veranlagung im Klaren, noch über die Schwere des Eingriffs; Negesa sagt, sie sei nach der Operation so traumatisiert gewesen, dass sie ihre Karriere beenden musste. Bermon leitet mittlerweile das Gesundheitsressort des Weltverbands, er reagierte laut ARD nicht auf mehrere Anfragen.

Coe bestritt indes, dass sein Verband Athletinnen "ohne medizinische Not" operiere. Er beharrte auch auf dem neuen Testosteronparagrafen der IAAF, den der Internationale Sportgerichtshof jüngst abgesegnet hat, nachdem er ihn drei Jahre zuvor wegen mangelnder Beweise stillgelegt hatte. Athletinnen mit Veranlagungen wie Negesa müssen demnach ihren Testosteronspiegel wieder mit Medikamenten senken, wenn sie Strecken von 400 Meter bis zur Meile bei den Frauen laufen wollen. Sonst hätten sie einen unfairen Vorteil, wie unter anderem eine schwer umstrittene IAAF-Studie behauptet hatte. Ein Autor: Bermon. Semenya hatte eine Behandlung abgelehnt und fehlt deshalb in Doha, sie klagt vor dem Schweizer Bundesgericht gegen den Paragrafen.

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Quelle:
SZ vom 28.09.2019/jki
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