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Leichtathletik:Günstlingszirkel um den Präsidenten

Helmut Digel

Eiserner Schweiger: Helmut Digel, der sonst so wortstarke Streiter für sauberen Sport, antwortet nicht auf Anfragen zur jüngsten Affäre im Leichtathletik-Weltverband.

(Foto: Paul Zinken/dpa)

In der neuesten IAAF-Affäre wird der Kreis der diskreten Geldempfänger enger.

Hansjörg Wirz hat die Frage stark irritiert: Ob auch er zu jenen Leichtathletik-Funktionären gehörte, die unter dem senegalesischen Weltverbandspräsidenten Lamine Diack neben den offiziellen Vergütungen diskrete Sonderzahlungen erhielten? Solche Usancen, teilt der Schweizer der SZ mit, seien ihm völlig unbekannt. Obwohl er von 1999 bis 2015 als Präsident des Europa-Verbandes in Council und Finanzkommission der IAAF gesessen hatte. Wirz kennt nur eine Art Büropauschale als Zusatzkompensation, gemäß einer Policy, die schon bei seinem Amtsantritt bestand.

Um Bürobeihilfe geht es nicht in der neuen IAAF-Affäre, die sich nach SZ-Informationen jetzt auch eine ausländische Staatsanwaltschaft anschaut. Die Aufregung um stille Zahlungen, die unter anderem der langjährige deutsche Topfunktionär Helmut Digel erhielt, ist groß im Weltverband, der unter Diacks Nachfolger Sebastian Coe gerade eine große Compliance-Reform vorbereitet. Nur zurück will die neue Spitze nicht schauen, in die Ära Diacks, der seit einem Jahr in Frankreich unter Hausarrest steht. Dort ermittelt die Finanzstaatsanwaltschaft zu Diacks Umtrieben. Es geht um Korruption, Geldwäsche, Erpressung; was auch für Diacks Sohn gilt. Papa Massata Diack war viele Jahre lang Marketingberater der IAAF, heute jagt ihn Interpol.

Und jetzt zeichnen die hausinternen IAAF-Recherchen zunehmend das Bild eines Günstlings-Zirkels um Diack.

Vorgeschichte: Der SZ liegt eine Erklärung von Jean Gracia vor, bis vor Kurzem IAAF-Generalsekretär. Darin bestätigt er, dass der langjährige IAAF-Marketing-Kommissionschef Digel "wie manch andere Kommissionsvorsitzende eine zusätzliche Kompensation erhielt für weitere Zeit und Dienste, die er der IAAF zur Verfügung stellte". Doch so eine Entlohnung ist von keinem Statut im Regelwerk gedeckt. Wiederholte Fragen nach der rechtlichen Basis für diese Zahlungen ließ die IAAF unbeantwortet. Digel selbst schweigt eisern, trotz vieler Anfragen zu dem Thema. Das allerdings über die Tatsache hinaus brisant ist, dass in der IAAF jahrelang Sonderzahlungen flossen, die nur Diack und Co. kannten. Denn auch das räumt die IAAF ein: "Es gab keine Verträge; die Zahlungen wurden per Banküberweisung oder Barzahlung gegen Empfangsbestätigung abgewickelt."

Digel äußert sich auch nicht dazu, wie intensiv seine mehr als eine Dekade währende Kooperation mit Marketing-Agent Diack junior war. Dabei betreute der Tübinger Sportwissenschaftler bis 2015 die Marketing- und TV-Kommission und hatte zumindest einmal einen Korruptionsvorstoß Diacks miterlebt. Ende 2004 präsentierte der Präsidentensohn in Stuttgart den Bewerbern um das Leichtathletik-Weltfinale eine Wunschliste mit Gefälligkeiten: Geschenkpakete, Luxusuhren; Gesamtwert 365 439 Euro. Die Council-Mitglieder, die später den Ausrichter wählten, sollten gewogen gestimmt werden. Stuttgart verzichtete, Digel protestierte bei der IAAF-Führung. Publik aber machte der sonst so wortstarke Streiter für sauberen Sport die Sache nicht; sie kam erst im Februar 2016 ans Licht. Ist vorstellbar, dass Digel nur diese eine Affäre in Stuttgart mitbekam?

Fakt ist, dass die bekannten Vorwürfe gegen Diack junior einen Wirtschaftskrimi füllen. Der Guardian publizierte E-Mails, in denen er dem Emirat Katar wiederholt das Votum seines Vaters anbot: Mal ging es um die Leichtathletik-WM 2017, mal um Olympia 2016. Der Vater, der auch im IOC saß, hatte als Spitzenfunktionär großen Einfluss auf Afrikas Sportwahlvolk. Der Junior soll dies genutzt haben, um Stimmen für Städteküren anzubieten.

Die IAAF erklärte zu den dubiosen Zahlungen der Ära Diack zunächst: Da "wurden Präsident, Schatzmeister, Regionalchefs und einige Vorsitzende von IAAF-Komitees und Kommissionen vergütet in Bezug auf die Mehrarbeit über ihre normalen Aufgaben hinaus". Tage später, Ex-Europachef Wirz hatte gegen diese Pauschalisierung protestiert, präzisierte sie: "Nicht jeder Kontinentalvertreter oder Kommissionschef erhielt zwingend eine Extrazahlung, weil nicht alle gebeten wurden, Extraarbeit über ihre Pflichten hinaus zu leisten."

So wird der Kreis enger. Identifizierbar ist neben Diack der Schatzmeister Valentin Balachnitschew, den die IAAF lebenslang gesperrt hat; dem Russen wird Korruption und Dopingvertuschung angelastet. Welche Erdteilchefs aber Zahlungen erhielten, ist nicht bekannt. Wirz scheidet aus. Aber sein Afrika-Kollege Hamad Kalkaba Malboum (Kamerun) initiierte noch im Herbst 2015 eine Ehrenerklärung für den festgesetzten Diack: Man zeige "weiterhin unsere Loyalität, Zuneigung, volle Unterstützung"; die Ermittlungen der Franzosen seien "Turbulenzen, die auf Afrika zielen". Und den Asienverband leitete lange Zeit Suresh Kumandi; der Inder wurde wiederholt unter Korruptionsverdacht verhaftet. Sein Nachfolger Dahlan Jumaan Al Hamad ist Verbandschef Katars, des WM-Ausrichters 2019. Auch wegen dieser Vergabe wird ermittelt. Und zu den damaligen Kommissionschefs ist bisher nur bekannt: Sebastian Coe erhielt als Chef des Medienkomitees laut Selbstauskunft nie eine diskrete Sonderzahlung. Helmut Digel, der langjähriger Stabschef Marketing, nach Aktenlage schon.