Leichtathletik Goldener Frühling

Afrikas Dominanz im Marathon war lange eine männliche - die Frauen sollten sich lieber um die Familie kümmern. Mittlerweile sind auch Kenianerinnen und Äthiopierinnen in eine florierende Ära aufgebrochen.

Von Johannes Knuth

Vor ein paar Wochen stand die Marathonläuferin Vivian Cheruiyot in einem Klassenzimmer in Iten; weiße Wände, milchige Fenster, ein kühles Ambiente, das wohl fast jeder Schule von Großburgwedel bis Kenia innewohnt. Cheruiyot begrüßte die Schülerinnen, dann setzte sie sich an ein Pult aus Holz, an dem sie vor knapp 20 Jahren selbst gesessen hatte. Ein TV-Sender filmte sie beim Besuch ihrer ehemaligen Schule, der Singore Girls High School, die Absolventinnen hier schreiben mit die besten Noten in Kenia. Nachdem Cheruiyot ihr Pult erreicht hatte, zählte sie ihre Lieblingsfächer auf: "Ich habe Englisch geliebt", sagte sie, nur Mathe, das habe sie nicht so sehr gemocht. Die Schülerinnen, weiße Hemden, dunkelgrüne Pullis, hatten Cheruiyot bis dahin artig zugehört, jetzt lachten und kicherten sie.

Cheruiyot lachte kurz mit, dann sagte sie streng: "Passt lieber gut in Mathe auf, das tut euch gut!" Die Schülerinnen hörten wieder aufmerksam zu. "Ihr müsst in allen Fächern gut mitarbeiten", ergänzte Cheruiyot, sie habe es erst später begriffen, aber die Schule habe einst "mein Leben geprägt". Man könne später zur Universität gehen, einen Beruf ergreifen oder Profiläuferin werden, wie Cheruiyot. Iten, ihr einstiger Schulort, ist ja der Sammelpunkt in der kenianischen Hochebene, in dem viele afrikanische Läuferkarrieren begannen und noch viel mehr Hoffnungen zerronnen. Aber das Wichtigste sei, sagte Cheruiyot bei ihrer Visite, dass alle Schülerinnen einmal in das Leben eintauchen könnten, das sie sich wünschen. Weil sie hier alle Chancen erhalten würden.

Mit Leichtigkeit ins Ziel: Vivian Cheruiyot bei ihrem überraschend überlegenen Marathon-Sieg im vergangenen Jahr in London.

(Foto: Justin Setterfield/Getty Images)

Vivian Cheruiyot, das kann man knapp 20 Jahre später durchaus festhalten, hat ihre Chancen fast immer genutzt. Die 35-Jährige wurde vier Mal Weltmeisterin auf der Bahn, gewann vor zwei Jahren Olympia-Gold über 5000 Meter vor Favoriten wie Hellen Obiri und Almaz Ayana. Mittlerweile ist sie ins Marathon-Gewerbe gewechselt, dort triumphierte sie vor einem Jahr in London, beim größten Frühjahrsklassiker der Szene. Sie stieß mit ihrer Zeit von 2:18:31 Stunden sogar in die historische Hitliste der zehn schnellsten Frauen vor, das war die eine Geschichte. Der andere Aspekt, den man an ihrer Vita ablesen kann, handelt von Chancen und Umbrüchen, in der Laufszene und in Afrikas Gesellschaft.

Wenn am Sonntag in London wieder der Marathon ansteht, werden viele auf die Fehde zwischen Eliud Kipchoge und Mo Farah schauen; der Weltrekordhalter aus Kenia gegen den Europarekordmann aus Großbritannien. Aber was die Klasse des Teilnehmerfeldes angeht, sind die Frauen sogar noch besser besetzt. Auf der Gästeliste sind vorgemerkt, allesamt aus Kenia: Mary Keitany, die dreimalige London-Siegerin, die dort vor zwei Jahren ihre halsbrecherischen 2:17:01 Stunden erschuf. Gladys Cherono, Berlin-Siegerin 2018 mit Kursrekord (2:18:11). Birgid Kosgei, Siegerin in Chicago im vergangenen Herbst (2:18:35). Und natürlich Cheruiyot. Afrikas Frauen haben in den vergangenen Jahren die Bestenlisten munter umgeschrieben, sie sind im Marathon in ein florierendes Zeitalter aufgebrochen.

Wenn man vor vier, fünf Jahren mit Kennern wie Renato Canova sprach, war eine derart goldene Ära noch eine Geschichte im Konjunktiv. Canova, ein kleiner, drahtiger Italiener, der seit Jahren afrikanische Läufer betreute, beklagte noch immer einen alten Missstand: Das Berufsbild Profiläuferin war für Afrikas Frauen lange nicht vorgesehen; die Männer liefen, sollten von Spähern entdeckt werden, im Idealfall die Familie aus der Armut heben. Afrikas berühmte Langstrecken-Dynastie war lange eine maskuline, auch das fiebrige Wettbieten um den Marathon-Weltrekord wurde von den Männern lanciert. Prominente Läuferinnen wie die Kenianerinnen Catherine Ndereba und Esther Kiplagat waren Ausnahmen, aber sie waren entschlossen, immerhin. "In zehn Jahren werden kenianische Frauen mit Männern auf einer Stufe sein", sagte Kiplagat, das war vor 15 Jahren. Kleiner Schönheitsfehler.

Vivian Cheruiyos Karriere war damals gerade angebrochen. Sie lief schon mit 16 als großes Talent bei Olympia 2000 in Sydney, kam dann erst nach Iten an die Schule, "weil meine Familie früher nicht stabil war". Sie mehrte ihre Erfolge, die Kenianer riefen sie "Pocket Rocket", wegen ihrer 1,60 Meter und ihres famosen Spurts. Sie stellte bei Verhandlungen mit Lauf-Veranstaltern fest, dass es nicht schaden kann, wenn man im Matheunterricht aufgepasst hat. Und wenn es um andere wichtige Fragen ging, orientierte sie sich oft an Ndereba, ihrem Jugendidol. Die war als Läuferin zwischen vielen Erwartungen gefangen, dem Ehrgeiz ihres sportlichen Umfeldes, dem traditionellen Rollenbild ihrer Gesellschaft, in der die Familie irgendwann fragte: "Sie ist seit zwei, drei Jahren verheiratet, warum kriegt sie keine Kinder?" Ndereba vereinte trotzdem beides, Mutterschaft und Karriere, auch weil ihr Ehemann zu Hause blieb, während die Mutter das Geld zusammenlief. Bei Cheruiyot war das später nicht anders, sie ist seit sieben Jahren Mutter; Mary Keitany, ihre große Konkurrentin am Sonntag, hat zwei Söhne.

Cheruiyot hat eine hohe Stirn, ihre schwarzen Haare laufen in feinen Dreadlocks zu einem Zopf zusammen, ihre Sätze bringt sie mit dem kantig gerollten "rrr" der Kenianer hervor. Sie ist, trotz aller Erwartungen, immer geduldig geblieben - auch nachdem ihre ersten Marathons eher missglückten, oder als vor einem Jahr in London noch anderen favorisiert waren und dann doch Cheruiyot gewann, die langsamer losgelaufen war und dafür als Erste ins Ziel rauschte. Sie wird mittlerweile mit demselben Argwohn betrachtet wie alle Kenianer, nach Dutzenden Dopingfällen in den vergangenen Jahren. Aber Cheruiyots geduldiger Aufstieg wirkt zumindest plausibel, und den Weltrekord, diese unwirklichen 2:15:25 Stunden der Britin Paula Radcliffe, nimmt sie sich erst mal auch nicht vor. Für diesen Sonntag hat sie vor allem eine Botschaft: Sie sei definitiv "in besserer Verfassung als im Vorjahr", sagte sie zuletzt, freundlich und bestimmt.