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Leichtathletik:Gesamtsiegerin im Schonprogramm

Alles im Blick: Malaika Mihambo schaut auf der Anzeigetafel neben der Weitsprunggrube schon mal nach, wo sie gleich landen wird.

(Foto: Virginia Mayo/AP)

Weitspringerin Malaika Mihambo gewinnt auch beim Finale der Diamond-League-Serie, die vor großen Einschnitten steht.

Das war dann auch kein schlechter Stundenlohn: Drei Sprünge, der weiteste auf 7,03 Meter - das reichte Malaika Mihambo, um am Wochenende das letzte Meeting der diesjährigen Diamond League in Brüssel zu gewinnen. Die 25-Jährige trug so auch den Gesamtsieg im Weitsprung davon, versüßt wurde das mit 50 000 Dollar Prämie. Sie konnte es sich sogar leisten, drei weitere Versuche auszulassen und "nur das Nötigste" zu tun, um auch ihren neunten Wettkampf in dieser Freiluftsaison auf ihre Seite zu ziehen. Schon Brittney Reese, die Zweite aus den USA, war der Deutschen mit 6,85 Metern ja nicht wirklich nahegekommen. Man könnte Mihambo derzeit qohl auch nachts in der Wüste Gobi springen lassen - sie würde auch dort die sieben Meter schaffen, die sie im Juni erstmals übertroffen hatte.

Noch haben die Leichtathleten in diesem Herbst ja ein bisschen was vor, die WM in Doha ist noch immer rund drei Wochen entfernt - da müssen Kräfte gebündelt werden, sogar beim Finale der höchsten Wettkampfreihe. Die Darbietungen in Brüssel waren so gesehen schwer in Ordnung, bei sparsamen 18 Grad im König-Baudouin-Stadion. Neben Mihambo beeindruckte auch Konstanze Klosterhalfen, die über 5000 Meter als Dritte in 14:29,89 Minuten ihren deutschen Rekord nur um drei Sekunden verfehlte (und um den gleichen Abstand hinter Siegerin Sifan Hassan blieb). Der Amerikaner Noah Lyles gewann die 200 Meter in 19,74 Sekunden, bei den Frauen siegte die Britin Dina Asher-Smith über 100 Meter (10,88). Gina Lückenkemper klagte als Achte und Letzte (11,45) dagegen über ein "mentales Loch", sie verabschiedete sie sich etwas ratlos in die finale WM-Präparation.

Auch sonst blieben nach dem letzten Meeting der Diamond League in diesem Jahr einige Fragen zurück. Zum Beispiel die, wie es eigentlich weitergeht mit der höchsten Wettkampfliga der Leichtathletik. Die hat ja auch im zehnten Jahr nicht das eingelöst, was sie einst versprach: dieser bunten, manchmal fast zu vielfältigen Sportart einen Überbau zu verschaffen.

Als der Brite Sebastian Coe vor vier Jahren an die Spitze des Weltverbandes IAAF rückte, war eines seiner großen Wahlversprechen - neben den üblichen monetären Aufstockungen für die Nationalverbände -, die verstaubte Diamantenserie aufzupolieren. Die große Reform soll nun endlich 2020 kommen; laut Coe haben viele Beteiligte daran geschleift, Athleten, Meeting-Direktoren, IAAF. "Wir werden die besten Meetings bündeln, größere Anreize für Athleten schaffen und auch ein stringenteres, ereignisreicheres Format für TV und Zuschauer", hatte Coe schon zu Saisonbeginn versprochen. Frei übersetzt, aus dem Sportfunktionärisch ins Deutsche: Bis zuletzt bot die Serie oft das Gegenteil - zu viele Meetings, zu viele Athleten, die sich mal blicken ließen und mal nicht, langatmiges Programm. Und auf einen finanzkräftigen Titelsponsor warten sie bis heute.

Wer die Meetings live im Fernsehen verfolgen wollte, stieß auf ein weiteres Problem. Die IAAF hatte zuletzt zwei Rechtepakete ausgeschrieben: eines für Meetings in Deutschland, Österreich und der Schweiz, eines für den Rest. Eurosport, Inhaber des letzteren Pakets, präsentierte so zwar das Finale in Brüssel - im Bezahlkanal, wie alle anderen Meetings auch - nicht aber das hochklassige Event in Zürich. Da hatte das Schweizer Fernsehen Vorrecht - das sendet aber nur in der Schweiz.

Aber jetzt soll das Format ja attraktiver werden und vor allem: schlanker. Die Serie umfasst ab 2020 zwölf Meetings (statt 14) und 24 Disziplinen (statt 32), je zwölf für Frauen und Männer. Es gibt nur ein Finale, bei dem die Gesamtsieger gekürt werden, nicht mehr zwei wie zuletzt in Zürich und Brüssel. Ein Meeting soll künftig auch nur noch 90 Minuten anhalten, mundgerecht serviert für den TV-Zuschauer (wenn sein Sender denn alle Rechte besitzt). Die traditionsreichen 5000 Meter fallen weg, was Coe zuletzt spitze Kritik aus den afrikanischen Läufernationen einbrachte. Stattdessen rücken die 3000 Meter nach; die werden zwar weder bei WM noch bei Olympia gelaufen, passen aber besser ins neue, knackigere Format. Außerdem will die IAAF das Preisgeld künftig gestaffelt verteilen - je "attraktiver" eine Disziplin ist, umso mehr gibt es zu verdienen. "So soll der Anreiz geschaffen werden, dass dort, wo wir das gerne sehen würden, die Besten gegeneinander antreten", sagte der Zürcher Meetingchef Christoph Joho zuletzt der NZZ. Welche Disziplinen das sein sollen, will die IAAF erst nach der Saison verkünden, wie die meisten anderen Details auch.

So liefen viele Athleten zuletzt mit ihrer Verunsicherung im Kreis. Christian Taylor, der Dreisprung-Olympiasieger aus den USA, sagte der Agentur Reuters, er fürchte, dass seine Disziplin aus der Diamantenliga rutschen und damit seine größte Einkommensquelle versiegen könnte - in Ermangelung von staatlichen Fördergeldern. Ein Meeting-Sieger erhält, jenseits der üppigen Stundenlöhne beim Saisonfinale, bislang 10 000 Dollar - andere Berufssportler lächeln da müde, aber für viele Leichtathleten sind das die üppigsten Tagessätze. Taylor befürchtet, dass sein Sport künftig noch mehr auseinanderdriften könnte: auf der einen Seite die 24 Disziplinen der aufpolierten Serie, wo die besten Athleten sich jede Woche fordern, auf der anderen der Rest, der kleinere Meetings abklappert, um über die Runden zu kommen. Wie im Hammerwurf, der schon vor Jahren aus der Diamond League geworfen wurde. Tatsächlich ist das Gefälle in der Serie längst schon groß. Der Zehnte eines starken Laufwettbewerbs erhält heute bloß ein paar Hundert Dollar, vor Steuern. Vor allem jüngere, aufstrebende Athleten, hat der deutsche Marathon-Rekordhalter Arne Gabius schon vor vier Jahren gesagt, "können sich die Diamond League einfach nicht leisten".

Und wenn der Dreisprung tatsächlich aus dem Programm fällt? Dann könnte es sein, sagte Taylor, dass er seine Karriere früher beenden werde als geplant.