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"Finals" in der Leichtathletik:"Ich habe jeden Tag dafür geopfert"

German Athletics Championships 2021

Oleg Zernikel: Schaffte mit 5,80 persönliche Bestleistung in Braunschweig - und erfüllte damit die Olympia-Norm

(Foto: Maja Hitij/Getty Images)

Stabhochspringer Oleg Zernikel hätte seinen Sport beinahe aufgegeben - und fährt nun doch zu Olympia. Um sich zwischenzeitlich über Wasser zu halten, half auch ein Job im Baumarkt.

Von Saskia Aleythe, Braunschweig

Das Ziel konnte er noch sehen. Oleg Zernikel fiel nach unten auf die Matte, oben war die Latte, das erste Glücksgefühl in der Luft gehört den Stabhochspringern exklusiv. Unten angekommen wurde alles Schritt für Schritt realer. Und unheimlicher. Hatte er nicht noch vor ein paar Jahren ans Aufhören gedacht? Und jetzt: 5,80 Meter überquert, die Olympianorm erfüllt und - ganz nebenbei - auch den Deutschen Meistertitel mitgenommen. "Bei mir ist es meistens so, dass ich es erst einen Tag später realisiere", sagte Zernikel am Stadionmikrofon mit zittriger Stimme und hatte sich ein Ziel erfüllt, das größer war als jeder Zweifel. Und das kann bei dem 26-Jährigen was heißen.

Zaghaft darf sich die Leichtathletik in Braunschweig die Begeisterung der Anhängerschaft zurückerobern, am Samstag waren 2000 Zuschauer im Eintracht-Stadion zugelassen, ein Teil davon sah Zernikels Triumphzug und wie er sich auf die Bahn legte, um sein Glück zu begreifen. Was das Schönste ist am Stabhochsprung, wurde er anschließend gefragt. Antwort Zernikel: "Der Moment, wenn du Bestleistung springst. Wenn du über die Latte fliegst und merkst, dass du wirklich was geleistet hast. Da zahlt es sich aus." Und wenn es sich lange nicht auszahlt?

Zernikel galt früh als vielversprechendes Talent, nachdem er mit elf Jahren aus Kasachstan nach Deutschland gekommen war. "Ich hab als Jugendlicher angefangen und bin einfach gesprungen", sagt er, und die Erfolge reihten sich so zahlreich aneinander, dass sie fast selbstverständlich wirkten. Angeleitet von den Eltern der Stabhochspringerin Lisa Rizeh und dann von seinem jetzigen Trainer Jochen Wetter holte er bei der U20-WM 2014 Bronze, sprang ein Jahr später 5,51 Meter - doch dann ging es plötzlich nicht mehr voran. Fünf Jahre lang. "Und dann fängst du an zu überlegen: Was ist das, warum mach ich das? Das macht ja gar keinen Spaß mehr", sagt er. Erwachsen werden im Sport, das ist auch eine Disziplin für sich.

"Wenn ich 5,80 springen kann, kann ich auch an 5,90 denken"

Warum er dann trotzdem weitergemacht hat? "Zielsetzung", sagt Zernikel. Er habe sich getraut, große, "globale" Ziele zu formulieren: "Der Traum von Olympia war riesig, unglaublich riesig." Und dann hatte er sich überlegt, was er optimieren kann. Ein Wechsel des Studienfachs gab ihm mehr Freiheiten für seinen Sport, auch die Zusammenarbeit mit Psychologen und mentales Training brachten ihn voran. Wenn er heute vor einem Sprung in sich geht, durchatmet, ist das das Gegenteil von früher: "Ich war ziemlich unruhig, habe viel gezappelt, konnte mich vorm Sprung immer gar nicht beherrschen." So geht auch mal Energie flöten, die für die Bestleistung dringend nötig wäre.

Natürlich hatte er auch an der Technik gefeilt, auch so eine Sache, die Zernikel erst lernen musste: "Früher war das nur: Spring, Spring, Spring, Beine hoch und dann klappt's. Irgendwann überlegst du: Jetzt muss ich aber wirklich was machen am Start, sonst ist es umsonst." Seit einem Jahr fährt Zernikel dreimal pro Woche von Landau nach Zweibrücken, um dort unter Bundestrainer Andrei Tivontchik und bei Raphael Holzdeppe mit zu trainieren. Der Weltmeister von 2013 kam am Samstag nur auf Rang drei (5,50 Meter) hinter Zernikel und Bo Kanda Lita Baehre (5,70). "Der Stabhochsprung der Männer ist wieder da", sagte Zernikel noch; mit Torben Blech streiten sich nun noch drei Athleten um die zwei weiteren Olympia-Tickets.

Was einen antreibt, muss man erst herausfinden, Konkurrenz gehört für Zernikel dazu - und auch die Einflüsse abseits des Sports. In der Corona-Pandemie hat er angefangen, in einem Baumarkt zu jobben, aus Finanznöten. "Ich konnte ja kein Geld verdienen, dann musste ich im Lager ein bisschen was schaffen", sagt er, doch es war dann nicht nur Hilfe fürs Konto, ist er sich sicher: "Das war auch spannend, mal wieder ein anderes Leben, das hat auch einen Input gegeben."

Das Lebensziel ist erfüllt, hat er am Samstag in Braunschweig noch gesagt, in der ersten Euphorie. "Ich habe jeden Tag dafür geopfert", aber natürlich soll es jetzt noch weiter, noch höher gehen in seinem Sport. "Wenn ich 5,80 Meter springen kann, kann ich auch an 5,90 denken", sagt Zernikel. Er hat erkannt, dass nicht nur in den Muskeln großes Potential liegt, sondern auch in dem nervigen Ding zwischen den Armen: "Ich muss nicht unbedingt Bankdrücken machen bis zum Umfallen oder Kniebeugen. Ich muss nur anlaufen und mein Kopf muss frei sein. Das ist alles."

© SZ/ebc
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