bedeckt München 23°

Leichtathletik:Europas Antwort auf Afrika

European Athletics U23 Championships 2017 - Day 4

Unbeschwert: Die 20 Jahre alte Konstanze Klosterhalfen bestätigt vor der WM ihre gute Form.

(Foto: Adam Nurkiewicz/Getty)

Nach dem Gewinn der U23-Europameisterschaft kann sich 1500-Meter-Läuferin Konstanze Klosterhalfen, 20, nun der WM in London widmen.

Von Joachim Mölter, Bydgoszcz/München

Man kann es nicht anders sagen, wenn man in diesen Tagen über Konstanze Klosterhalfen spricht: Es läuft bei der 20-Jährigen, und es läuft scheinbar wie von selbst. Am Sonntag hat sich die Athletin von Bayer Leverkusen in der polnischen Stadt Bydgoszcz den Europameistertitel über 1500 Meter in der Altersklasse U23 geholt, und zwar auf die gleiche Weise wie vor einer Woche in Erfurt den deutschen Meistertitel bei den Frauen, oder wie vor drei Wochen in Lille das Rennen bei der Team-EM: Sie setzte sich an die Spitze des Feldes, verschärfte früh das Tempo und war dann weg, uneinholbar.

In Bydgoszcz kam Klosterhalfen nach 4:10,30 Minuten vor den Polinnen Sofia Ennaoui (4:13,54) und Martyna Galant (4:17,91) ins Ziel und freute sich: "Meine Taktik ist voll aufgegangen. Sofia ist ungemein spurtstark, aber 800 Meter sind dann doch zu lang für sie." Klosterhalfen hatte einen langen Spurt angezogen und die letzten zwei Stadionrunden in 2:02 Minuten zurückgelegt, in ihrer Altersklasse schafft das derzeit keine Europäerin. In ihrer Altersklasse ist Konstanze Klosterhalfen sogar weltweit einzigartig.

Die junge Frau aus Bockeroth, einem von 80 Ortsteilen der bei Bonn gelegenen Stadt Königswinter, ist in diesem Sommer die 800 Meter schon in weniger als zwei Minuten gelaufen (1:59,65), die 1500 Meter in weniger als vier (3:59,30) und die 5000 Meter in weniger als fünfzehn (14:51,38) - und weil das noch keine Läuferin in ihrem Alter geschafft hat, gilt sie nun als deutsches Jahrhunderttalent oder gleich als Europas Antwort auf Afrika, auf die Überlegenheit der von dort kommenden Läuferinnen. "Wir träumen schon davon, dass sie uns ganz viel Freude auf Weltniveau machen wird in den nächsten Jahren", gibt Idriss Gonschinska zu, der Leitende Direktor Sport im Deutschen Leichtahletik-Verband (DLV). Er warnt allerdings auch: "Ich sehe Konstanze immer noch als Athletin, die Erfahrung sammelt, egal, wie euphorisch wir jetzt sind."

Sie läuft nicht bloß, sie spielt auch noch Querflöte und Klavier

Nun ist die Euphorie um Klosterhalfen in der Leichtathletik-Szene hierzulande gerade ebenso wenig zu bremsen wie die Läuferin selbst. Weil sie die erste Deutsche seit 30 Jahren ist, die unter der Vier-Minuten-Marke über 1500 Meter geblieben ist, weckt das Erwartungen. "Ursprünglich sind wir davon ausgegangen, dass die U23-EM ihr Saisonhöhepunkt ist, nicht die WM", sagt Gonschinska im Hinblick auf die Weltmeisterschaften in London (4. bis 13. August): "Aber dann hat sich gezeigt, dass sie eigentlich wenig dagegen tun kann, unter vier Minuten zu laufen. Und wir sagen jetzt auch nicht: Stopp!"

In London misst sich Konstanze Klosterhalfen demnächst mit den besten Frauen der Welt. "Müssen tu' ich da nichts", sagt sie: "Ich bin immer noch eine der Jüngeren, deswegen gehe ich da ganz unbefangen ran." Die Studentin ist ja generell sehr unbeschwert: Sie lacht viel, in allen Variationen, kichernd, giggelnd, glucksend. Und sie trägt nicht viel Gewicht mit sich herum, bei 1,74 Meter Größe nur 48 Kilogramm, fünf weniger als beispielsweise die gleich große Alina Reh (Ulm), die 5000- Meter-Zweite vom Sonntag in 15:10,57 Minuten, persönlicher Bestzeit. Das geringe Gewicht macht es Klosterhalfen leichter auf den Umlaufbahnen dieser Welt, es wirft aber auch Fragen auf. "Das kommt durch's Training", erklärt sie dann lachend, "und schlank war ich schon immer."

Sie hat sogar schon einmal gemodelt, "reingeschnuppert", sagt sie: "Aber irgendwann fehlt dann die Zeit, um das richtig intensiv zu betreiben." Sie läuft ja nicht bloß, sondern spielt in ihrer Freizeit auch Instrumente, Querflöte sowie Klavier, und sie ist allgemein unternehmungslustig und engagiert. Das Laufen habe aber in jedem Fall einen großen Stellewert in ihrem Leben. "Ich mache es immer noch aus Leidenschaft", sagt sie und versichert, dass Sport für sie nichts mit Leiden zu tun habe: "Schmerzen verbinde ich nicht mit dem Laufen, das lasse ich nicht in meinen Kopf."

Es ist beneidenswert, wie unschuldig Konstanze Klosterhalfen sich der WM in London nähert. "Diese unbefangenen Jahre hat man am Anfang, da ist alles nur schön", sagt die Hindernisläuferin Gesa Felicitas Krause, auch erst 24, aber schon seit 2011 im internationalen Geschäft: "Jetzt ist immer noch alles schön, aber man hinterfragt vieles." Zu den Erfolgen gesellen sich irgendwann Niederlagen, die muss man verarbeiten; und irgendwann stößt man unweigerlich auch an Schmerzgrenzen. Aber davon ist Konstanze Klosterhalfen noch weit entfernt. Es läuft ja alles wie von selbst.

© SZ vom 18.07.2017

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite