Leichtathletik-EM in Rom:Der anspruchsvolle Auftrag der deutschen Athleten

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Weit fliegen, das macht sie am liebsten: Malaika Mihambo ist nach ihrer Verletzungspause zurück auf dem Weg in die Weltspitze. (Foto: Andrej Isakovic/AFP)

Ein Jahr nach der ersten medaillenlosen WM will die deutsche Leichtathletik ihren Ruf aufpolieren. Erste Etappe: die vorolympischen Europameisterschaften in Rom. Ein Überblick der hoffnungsvollsten Deutschen.

Von Johannes Knuth

Die Ewige Stadt hat sich herausgeputzt. Das Olympiastadion in Rom ist nicht nur mit Patina überzogen, sondern auch mit den Farben der Leichtathletik-Europameisterschaften, und im benachbarten Stadio dei Marmi haben sie für die Titelkämpfe einen neuen Belag ausgerollt. Dort, im Marmorstadion, werden sich die Athleten aufwärmen, bevor sie ins neuzeitliche Kolosseum einziehen, beäugt von 59 Statuen, die das Rund säumen (dass es Mussolinis Faschisten waren, die in Figuren wie Herkules ihr Ideal vom Herrenmenschen verwirklichten, sieht man im neuzeitlichen Italien nicht so eng). Ein paar herkulische Kräfte kann mancher jedenfalls brauchen in diesem stressigen Jahr, dessen erster Höhepunkt von diesem Freitag an die Titelkämpfe in Rom sind.

111 Athleten umfasst die Delegation des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV), ihr Auftrag ist anspruchsvoll. Vor zwei Jahren, bei den rauschhaften Europameisterschaften in München, waren die Gastgeber mit 16 Medaillen die erfolgreichste Nation, und weil Europas Verband seine Meisterschaften mittlerweile auch ins Olympiajahr quetscht, steht in Rom bereits vieles im Zeichen der fünf Ringe. Also: Wo steht die deutsche Leichtathletik, knapp ein Jahr nach den ersten medaillenlosen Weltmeisterschaften ihrer Geschichte? Ein Kader-Rundgang.

Gina Lückenkempers Steigerungslauf

Nachdem Gina Lückenkemper im Vorjahr flott und früh in die Saison gestartet war, bei der WM dann zwei der langsamsten Zeiten ihrer Saison lief, tastete sie sich diesmal dosierter ins Jahr. Nach Rom reist die 27-Jährige mit dem siebtschnellsten Saisonbestwert (11,06 Sekunden), die Titelverteidigung wird sportlich, vor allem gegen die Britinnen um Dina Asher-Smith (10,98). Bei den Männern ist die Frage, ob Joshua Hartmann sein Potenzial bei einem Großereignis vollends ausschöpfen kann. In Budapest verpatzte der deutsche Rekordhalter über 200 Meter den Vorlauf, mit der Staffel gingen in Ungarn als auch im Mai in Nassau bei der Olympiaqualifikation die Wechsel schief. Die größten Chancen haben die Deutschen, wenn sie in den Staffeln in der Summe stärker sind als ihre Einzelteile, auch im Langsprint.

Konstanze Klosterhalfens Leidenszeit

„Schon dramatisch“ – so bündelte Bundestrainerin Isabelle Baumann unlängst bei Sport1 die Lage um Konstanze Klosterhalfen, eine der wenigen DLV-Läuferinnen mit Weltklassepotenzial. 2019, als Klosterhalfen über 5000 Meter zum deutschen Rekord stürmte (14:26,76 Minuten), sahen viele eine glanzvolle Zukunft vor ihr liegen. Stattdessen rauscht sie seitdem durch eine Achterbahn aus Infekten, Verletzungen und Trainerwechseln. Zuletzt kam es zur Trennung von dem Briten Gary Lough, der erst zu Saisonbeginn Alistair Cragg ersetzt hatte. Ihren EM-Titel über 5000 Meter wird die 27-Jährige in Rom nicht verteidigen, wegen eines Infekts, längst tanzen auch hinter dem Olympiastart dicke Fragezeichen. Bislang hat Klosterhalfen über keine Strecke die Norm geschafft.

Die Weltmeisterschaften 2022 in Eugene waren Gesa Krauses vorerst letztes Großereignis - nach Babypause war sie im Olympiajahr bislang stark unterwegs. (Foto: dpa)

Besser sieht es bei Rückkehrern wie Gesa Krause (Babypause), Lea Meyer und Robert Farken (Verletzungen) aus. Farken gewann bei der Diamond League in Stockholm sogar die 1500 Meter, im Vorprogramm. Auf der Langstrecke steht in Rom, kurz vor Olympia, nur ein Halbmarathon an, die Deutschen sind rund um München-Europameister Richard Ringer wieder stark vertreten. Im globalen Wettstreit in Paris, das gilt nicht für den Lauf, wartet allerdings ein völlig anderes Niveau.

Malaika Mihambo wieder auf dem Sprung

Als Malaika Mihambo im vergangenen Jahr wegen einer Muskelverletzung die WM verpasste, illustrierte das ein drängenderes Thema im DLV: An den empfindlichen Muskelfasern und Sehnen weniger Aushängeschilder hängen ganze Bilanzen. Die zweimalige Weltmeisterin und Olympiasiegerin sprang in der Halle immerhin schon wieder 6,95 Meter, das war aber auch nötig, um allein die aufstrebende nationale Konkurrenz um Mikaelle Assani (6,91) und Laura Raquel Müller (6,81) zu schlagen – in Rom sind alle drei Medaillenanwärterinnen. Im Hochsprung stießen Christina Honsel (1,91 Meter) und Imke Onnen (1,94) zuletzt in die Spitze vor, Tobias Potye, WM-Fünfter von Budapest, verpasst dagegen die EM wegen einer Sehnenoperation. Und im Drei- und Stabhochsprung waren bis zuletzt nur Torben Blech (5,82 Meter) und Bo Kanda Lita Baere (5,72) in Schwung.

Julian Webers starker Auftakt

Der ein oder andere dürfte etwas gebibbert haben, als Julian Weber, WM-Vierter und konstantester deutscher Mitarbeiter im vergangenen Jahr, seinen Saisonstart verschob, wegen schmerzender Adduktoren. In Dessau zeigte der Europameister von München dann, dass er von seiner Schaffenskraft nichts eingebüßt hat, mit 88,37 Metern zum Saisoneinstieg.

Zwei Starts, zwei Siege: Julian Weber überzeugt Ende Mai in Ostrava mit 87,26 Metern. (Foto: AP)

Aber auch hier lassen sich für viele Aufstrebende Gegenargumente auftreiben. Der deutsche Speerwurf-Rekordhalter Johannes Vetter wird auch in Rom fehlen, Christin Hussong hängt weiter im Tief. Im Diskuswurf fielen schon einige beachtliche Weiten (Marike Steinacker/67,31, Clemens Prüfer/69,09), aber so richtig zählt es erst im geschlossenen Stadion, ohne große Windunterstützung – das dürfte auch für den erst 19-jährigen Max Dehning gelten, der im März in Halle/Saale seine Bestleistung um gewaltige elf Meter steigerte, auf die Weltjahresbestweite von 90,20 Meter. Eine der spannendsten Personalien, auch mit Blick auf Paris, ist Yemisi Ogunleye. Die Kugelstoßerin gewann im Winter Silber bei der Hallen-WM und nährt die Hoffnung auf einen schwarz-rot-goldenen Ausrutscher – nach oben.

Leo Neugebauer hat Großes vor

Einer der spannendsten deutschen Auftritte wird dieser Tage nicht in Rom, sondern in Eugene erwartet: Leo Neugebauer, der deutsche Rekordhalter im Zehnkampf, absolviert bis zum Donnerstag bei den College-Meisterschaften seinen letzten Auftritt als Studentenathlet – nachdem er im Winter Frank Busemanns Hallen-Siebenkampfrekord brach (6347 Punkte) und im März 8708 Zähler nachlegte, darf man Gewaltiges erwarten. Niklas Kaul, der Europameister von München, ist somit in Rom der größte deutsche Hoffnungsträger. Bleibt die Frage, wie viel er schon offenlegt nach Jahren, in denen ihm bei Großevents immer wieder Verletzungen in die Quere kamen. Der marmorne Herkules wird es aufmerksam verfolgen.

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