Leichtathletik-EM:"Wirklich? Oh mein Gott"

24th European Athletics Championships - Day Six

Einfach mal so über 6,05 Meter: Armand Duplantis.

(Foto: Getty Images)
  • Mit 18 Jahren gewinnt der schwedische Stabhochspringer Armand Duplantis die Goldmedaille bei der Leichtathletik-EM in Berlin.
  • Er überspringt dabei 6,05 Meter - und ist anschließend fassungslos.
  • Sein Konkurrent Renaud Lavillenie gratuliert ihm noch auf der Matte. Es ist ein Abbild von dem, was die Leichtathletik so abhebt von manch anderem Sport.

Von Saskia Aleythe, Berlin

Armand Duplantis konnte Armand Duplantis beim Stabhochsprung zugucken. Der echte stand in der Interviewzone des Berliner Olympiastadions, es war schon 23 Uhr, Duplantis erklärte seine Befindlichkeiten gerade in Richtung der Mikrofone, da fiel sein Blick auf einen Bildschirm in der Nähe. Und weil dort in Dauerschleife die bemerkenswertesten Szenen des Abends gezeigt wurden, kamen auch Sequenzen mit ihm: Wie der Schwede mit dem Stab einsticht und sich nach oben katapultiert, um dort einen hohen Bogen über die Latte zu machen, fast so hoch wie eine ausgewachsene Giraffe.

"Das war der Versuch über 5,95, oder?", fragte er in die Runde, so viel Platz wie da noch zwischen Latte und Körper war, musste er das sein. Oder? "Nein, das war der Sprung über 6,05 Meter", wurde er aus der Runde aufgeklärt. Und dann schaute er schon wieder so erstaunt wie 90 Minuten zuvor, als er Europameister geworden war. Duplantis sagte zu den Bildern leise: "Wirklich? Oh mein Gott."

Diese EM hatte schon viele Geschichten bis zum Sonntagabend produziert, doch an ihrem letzten Tag kamen durch das Finale im Stabhochsprung Momente hinzu, die in vielerlei Hinsicht besonders und in mancherlei historisch waren. Weil da mit 18 Jahren einer Europameister wurde, der schon vor einem Jahr von den Größten seiner Szene als kommender Star angekündigt wurde. Weil es ein Wettbewerb der Bestleistungen war, Sprünge über sechs Meter sind selten in der Geschichte großer Meisterschaften. Und weil man zwischendrin Konkurrenten sehen konnte, die sich - noch im Medaillenkampf - für ihre Leistungen anerkennend umarmten.

Es war ein Abbild von dem, was die Leichtathletik so abhebt von manch anderem Sport: Es war ein Finale ohne deutschen Starter, doch das Publikum machte so viel Stimmung, dass Duplantis sagte: "Ich hoffe, Berlin bekommt wieder eine Meisterschaft."

"Ich habe keine Ahnung, was gerade passiert ist"

Stabhochsprung ist der Sport, der seit acht Jahren nicht ohne diesen berühmten Franzosen auskommt: Renaud Lavillenie, dem Olympiasieger von London und dreifachen Europameister, der zuletzt 2008 ein Jahr ohne Medaille erlebt hatte. Die EM ist seine Bühne. "Früher habe ich Videos von Renaud auf Youtube gesehen", sagte Duplantis, "Meisterschaft für Meisterschaft, wo er immer gewonnen hat. Ich habe mir gewünscht, diesen Moment mal zu haben." Noch am Morgen hatte der 31-Jährige dem jungen Schweden eine Nachricht geschickt, der Inhalt: "Egal, was heute Abend passiert: Hauptsache, wir stehen zusammen auf dem Podium." Dass es dann auch so kam, ist die eine Geschichte. Wie es dazu kam, die spektakulärere.

Schon bei 5,80 Meter wäre Lavillenie beinah draußen gewesen. Zwei Mal riss er die Latte, dann ließ er 5,85 Meter auflegen und hielt sich mit einem geglückten Versuch im Wettbewerb. In vielen anderen der vergangen Europa- oder Weltmeisterschaften, auch bei Olympia, hätte das schon für eine Medaille gereicht - doch der Wettbewerb in Berlin war so hochklassig, dass er weiter gefordert war. Dieser Duplantis sprang ja immer weiter mit, auch der Russe Timur Morgunow, sie beide erlebten in Berlin einen Abend, von dem Morgunow später sagte: "Ich habe keine Ahnung, was gerade passiert ist und warum das so ein verrückter Wettkampf war."

Die beiden jungen Männer überquerten die Sechs-Meter-Marke, eine magische für alle Stabhochspringer: Wer sich für diesen Sport entscheidet, nimmt sie sich nicht selten als Lebensziel vor. Duplantis war mit einer Bestleistung von 5,93 nach Berlin gereist, Morgunow mit 5,92 - und dann übertrafen sie sich selbst. Als Duplantis gleich den ersten Versuch über sechs Meter ohne Kontakt mit der Latte gemeistert hatte, liefen Lavillenie und die anderen Konkurrenten zu ihm und umarmten ihn, da wussten sie noch nicht, dass er gleich noch mal höher springen würde. Als die Latte dann auf 6,05 Meter hochgeschraubt wurde - U20-Rekord und höchste EM-Höhe jemals - und Duplantis erneut ins Fliegen kam, blieb er auf der Matte mit dem Gesicht nach unten liegen. Und tauchte mit fast ratlosem Gesicht wieder auf: Was soll ich machen? Ich bin halt heute so gut!

Gemeinsam auf die Ehrenrunde

Lavillenie und Morgunow versuchten sich noch an den 6,05 Meter, doch vergeblich. Morgunow sicherte sich mit 6,00 Metern Silber, Lavillenie Bronze (5,95), es war seine Saisonbestleistung. "Das war einer der epischsten Wettkämpfe jemals", sagte er danach. Gemeinsam mit Duplantis drehte er schließlich die Ehrenrunde und gab seinem Nachfolger in Sachen EM-Titel einen Tipp mit, wie Duplantis berichtete: "Er hat gesagt: Genieße den Moment. Das hast du nicht jeden Tag." Nur einer ist im Freien je höher gesprungen als Duplantis: Sergej Bubka, der 1994 6,14 Meter meisterte (den Hallen-Weltrekord hält wiederum Lavillenie mit 6,16 Metern).

In Amerika hat sich Duplantis schon einen Namen gemacht, mit Schweden verbinden ihn nur noch die jährlichen Sommerurlaube: Geboren ist er in Louisiana, doch weil die Mutter gebürtige Schwedin ist, entschied er sich dafür, für ihr Heimatland zu starten. Sie war selber im Stadion in Berlin dabei und nahm den Sohn dann zum Bejubeln in die Arme. "Unsere Gesichter waren so nah beieinander, dass wir nur merken konnten, wie die Tränen an unseren Wangen hinunterliefen", sagte Duplantis später, "da waren nicht viele Worte."

"Ich will Party machen, ich will schlafen"

Duplantis weiß schon, wo er mit seinem Talent hin will, er ist selbstbewusster, als es der erste Anschein verrät. Die New York Times hat ihm im vergangenen Jahr eine große Geschichte gewidmet, in der er Anekdoten erzählt, wie er mit Besenstielen über die Sofas gehüpft ist als Kind. Schon bei der WM im vergangenen Jahr hatte er nach vielen Jugendrekorden schon wieder einen neuen aufgestellt: Er war mit 17 Jahren der jüngste Stabhochspringer, der je in ein WM-Finale eingezogen war. Damals scheiterte er noch an 5,65 Meter und wurde Neunter. "Ich bin so glücklich und müde. Ich will Party machen, ich will schlafen, ich weiß gar nicht, was ich machen soll", sagte er in Berlin noch.

Sergej Bubka war dieser Tage auch in Berlin, er schätzt den Jungen, der eines Tages Höhen erreichen könnte, die bisher nur ihm gelungen waren. Im April 2017 schickte er einen Tweet raus in die Welt, in diesem war ein Foto von den beiden und der Satz: "Es ist so schön, einen neuen Star heranwachsen zu sehen."

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