Süddeutsche Zeitung

Leichtathletik:Eine Frau kämpft gegen Russland

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Julia Stepanowa half, das russische Dopingsystem aufzudecken. Sie musste das Land verlassen und schon achtmal den Wohnort wechseln. In Rio will die Läuferin starten. Darf sie?

Von Johannes Knuth

Ihr altes Leben holt Julia und Witali Stepanow immer mal wieder ein. Etwa neulich, als Wjatscheslaw Sinew starb, der ehemalige Generaldirektor der russischen Anti- Doping-Agentur Rusada. Und kurz darauf Nikita Kamajew, dessen Nachfolger an der Spitze der Organisation. Zwei Herztode binnen elf Tagen, obwohl beide nie von Herzproblemen berichtet hatten.

Witali Stepanow kannte Sinew, sie arbeiteten früher zusammen bei der Rusada. "Ich hätte nie gedacht, dass es auch Leute im Sport erwischt", sagt Stepanow. Mord? Er umfährt dieses Wort, nur so viel: "Es sieht sehr, sehr verdächtig aus." Die Toten wussten viel, Kamaew wollte ein Buch schreiben, auspacken. So wie die Stepanows. Deshalb muss jetzt, in ihrem neuen Leben, vieles geheim bleiben: wo sie wohnen, was sie tun, wer ihnen hilft. Man kann sie anrufen, per Videotelefonie, sie berichten dann, dass sie gerade zum achten Mal umgezogen sind, ins achte Versteck. Weil sie damals in einer ARD-Dokumentation erzählten, was Russlands Leichtathletik antrieb: Doping nach System.

Die Stepanows können nicht zurück, vermutlich nie mehr

Witali und Julia Stepanow sind jetzt, eineinhalb Jahre später, gefangen zwischen den Welten. Er, der ehemalige Mitarbeiter der Rusada, sie, eine 800-Meter-Läuferin, die im Systemdoping eingebettet war - ehe sie aufflog, vom System ausgespuckt wurde und den Betrug freilegte. In Russland beschimpfen sie die Stepanows seitdem als Verräter, wahlweise als Lügner. Sie können nicht zurück, vermutlich nie mehr, zu gefährlich. In ihrem neuen Leben sind sie aber auch noch nicht angekommen. Sie hoffen, sich bald dort niederlassen zu können, wo sie sich gerade verstecken. Einmal im Monat telefonieren sie mit den Eltern, auch die Familien dürfen nicht wissen, wo sie wohnen. Sie vermuten ihre Kinder in Kanada. Neulich kam im russischen Fernsehen, die Stepanows hätten beantragt, dort bleiben zu dürfen, und was das Staatsfernsehen sagt, muss ja stimmen, oder?

Julia Stepanowa sagt, dass sie sich damals zwei Ziele in den Kopf gesetzt habe: "Ich wollte den Betrug zeigen. Und ich will einen Beitrag zum sauberen Sport leisten." Den ersten Teil hat sie erfüllt, den zweiten noch nicht. Sie will dafür laufen, am liebsten bei den Sommerspielen im August in Rio de Janeiro. Und was irgendwie selbstverständlich klingt, ist doch nicht ganz so selbstverständlich.

Stepanowa hat ein Startrecht für Rio beantragt

Stepanowa ist vor einem Jahr wieder gelaufen, kurz nach der ersten ARD-Dokumentation, beim Istaf in Berlin, bei kleineren Meetings und Landesmeisterschaften in Deutschland. Mittlerweile kann sie nicht mehr antreten (und Preisgelder verdienen), Deutschland war zu unsicher, und überhaupt: Stepanowa startet ja für Russland. Russland ist seit vergangenem November aber vom Leichtathletik-Weltverband von allen internationalen Wettkämpfen ausgesperrt, wegen der Beweise, die die Stepanows und eine Kommission der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada zusammentrugen. Russische Athleten dürfen seitdem nur bei Wettkämpfen in Russland starten, das wäre für Stepanowa zu gefährlich. Und selbst wenn Russland vor den Sommerspielen in Rio begnadigt würde - der Verband würde sie kaum nominieren.

Julia Stepanowa hat also beim Weltverband beantragt, wieder starten zu dürfen, für Rio und überhaupt. Wegen ihrer Anstrengungen als Kronzeugin. IAAF-Präsident Sebastian Coe hat die Kommission, die derzeit Russlands Reformen im Anti-Doping-Kampf überwacht, beauftragt, ein Startrecht zu prüfen; im Mai, bei der nächsten Zusammenkunft des Präsidiums, wollen sie darüber richten.

Bis dahin trainiert Julia Stepanowa im Ungewissen. "Es ist nicht immer einfach, sich im Training zu motivieren", sagt sie. Sie suchte lange nach einem neuen Trainer, viele wollten nicht mit ihr zusammenarbeiten, wegen ihrer Vergangenheit. Sie schreibt derzeit ihre eigenen Pläne, Witali betreut sie. Er hofft, dass er bald wieder arbeiten kann. Bis dahin sind sie auf Freunde angewiesen; einige wenige Mitglieder der Anti-Doping-Community unterstützen sie finanziell. "Life is life", sagt Witali, er lacht, es ist so ein ruhiges Lachen. Ihr Sohn ist mittlerweile zwei Jahre alt, "und wenn du einen zweijährigen Sohn hast, hast du ständig Herausforderungen. Egal, wo du bist."

Nur einmal mischt sich Unverständnis in seine Stimme, wenn er über Julias Situation spricht: "Wenn Julia das System nicht entblößt hätte, wäre der russische Verband nie suspendiert worden. Man hätte sie vielleicht weiter gedopt, und sie wäre in Rio wieder am Start gewesen. Wenn du aber gegen das System kämpfst, wenn du das Richtige tust, hast du keine Chance. Zumindest im Moment."

Thomas Bach lobt ausdauernd die russischen Anti-Doping-Reformen

Stepanowas Antrag könnte leicht zum Spielball der Interessen werden. Da ist Craig Reedie, der Wada-Präsident, der Stepanowas Anliegen zuletzt unterstützte, sie für ihre Verdienste lobte. Allerdings schrieb Reedie im vergangenen Sommer pikante E-Mails an Witali Mutko, Russlands Sportminister, während seine Wada-Kommission gerade das Ausmaß des russischen Dopingsumpfes untersuchte: Es werde schon nichts passieren, so Reedie, was ihre Freundschaft gefährden würde. Seitdem ist das Vertrauen vieler nationaler Anti-Doping-Agenturen in ihren Vorgesetzten erodiert. Die Wada-Kommission beschuldigte Mutko dann übrigens, das russische Dopingnetzwerk gestützt zu haben (was Mutko abstreitet).

Neben Reedie gibt es auch noch Thomas Bach, den Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees, bestens vernetzt mit Russlands Staatschef Putin. Zuletzt lobte Bach ausdauernd die russischen Anti-Doping-Reformen ("das sind starke Botschaften"), während eine weitere ARD-Dokumentation zeigte, dass in Russlands Leichtathletik offenbar weiter munter gedopt wird. Und mittendrin steckt Coe, der bei seiner Krönungsmesse im vergangenen August beteuerte, er werde das zertrümmerte Ansehen seines Sports wiederherstellen. Dafür kann er Stepanowas Antrag freilich kaum ausschlagen. Und Russlands Verband wohl kaum für Rio zulassen.

"Wir hatten keine politische Motivation"

Die Sportlerin, die Russlands System offenlegte, wäre dann - Stand jetzt - die einzige russische Leichtathletin in Rio. Was Bachs russische Freunde in der Sportpolitik kaum begeistern dürfte.

Witali Stepanow ist skeptisch, wenn er die Elogen hört, die viele Sportoberen in diesen Tagen Kronzeugen wie ihm widmen, während sich die Stepanows weiter verstecken müssen. Viele Funktionäre hätten insgeheim wohl doch Angst vor Whistleblowern, glaubt er, "weil der Sport ein Problem kriegen könnte, das er nicht mehr kontrollieren kann". Auf der anderen Seite sind nicht alle Sportler glücklich über Stepanowas Antrag, wegen ihrer Vergangenheit, sie brach ja erst mit dem System, als das System sie wegwarf. Andererseits riskierte sie ihre Existenz, als sie auspackte, ohne zu wissen, ob sich etwas ändern würde. "Wir hatten keine politische Motivation, wie in Russland ständig behauptet wird, es gab kein Geld, nichts. Wir wollten endlich das Richtige tun", sagt ihr Mann. Er hofft, dass Julia nicht nur in Rio wieder starten darf, sondern bei allen Wettkämpfen, es geht um ihr zweites Leben als Berufssportlerin. Auch wenn einem Auftritt bei den Spielen eine besondere Symbolkraft innewohnen würde.

"Selbst wenn ich Letzte werde", sagt Julia Stepanowa, "es wäre ein sauberer letzter Platz."

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Quelle:
SZ vom 26.03.2016
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