Leichtathletik:Ein sauberer Riss

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Leichtathletik: Da sieht noch alles gut aus: Dreispringer Christian Taylor bei dem für ihn verhängnisvollen Meeting in Ostrava.

Da sieht noch alles gut aus: Dreispringer Christian Taylor bei dem für ihn verhängnisvollen Meeting in Ostrava.

(Foto: Michal Cizek/AFP)

Am Sonntag nimmt die Diamond League ihren Saisonbetrieb auf - allerdings ohne einen ihrer prominentesten Mitstreiter. Den Olympiasieger und Weltmeister Christian Taylor hat ein fieses Schicksal ereilt.

Von Joachim Mölter, München

Das Schicksal kann manchmal ein ganz übler Schurke sein, dann streckt es einen nicht bloß hinterrücks nieder, sondern tut das auch noch in einem besonders fiesen Moment. So wie im Fall des amerikanischen Leichtathleten Christian Taylor. Der Dreispringer nahm am Mittwoch beim Meeting in Ostrau/Tschechien Anlauf für diese Olympia-Saison, die er mit seiner dritten Goldmedaille nach 2012 und 2016 krönen wollte. So eine Erfolgsserie ist in dieser Disziplin bislang bloß dem Sowjet-Athleten Wiktor Sanejew gelungen (1968, '72 und '76). Doch im vorletzten Durchgang schlich sich das Schicksal von hinten heran und riss Taylors rechte Achillessehne entzwei, wie seine Freundin Beate Schrott tags darauf in einem Instagram-Post bestätigte. "Es ist herzzerreißend", schrieb die Hürdensprinterin aus Österreich, "ich finde keine Worte."

Aber Taylors langjähriger Trainer Rana Reider fand welche. "Wir haben ihn zu einem Chirurgen nach Deutschland gebracht, der die Sehne heute Morgen repariert hat", erzählte er am Donnerstag der Nachrichtenagentur Reuters: "Es war ein sauberer Riss und eine saubere Operation." Gleichwohl erwartet er nicht, dass sein Athlet noch in diesem Jahr ins Wettkampfgeschehen zurückkehrt. Die in zwei Monaten beginnenden Olympischen Spiele in Tokio sind in jedem Fall passé für den dominierenden Dreispringer des vergangenen Jahrzehnts, einen der generell herausragenden Leichtathleten: Außer den beiden Goldmedaillen in London und Rio hat der 30-Jährige ja auch vier Weltmeistertitel gewonnen - 2011, '15, '17 und '19.

Das reicht im Grunde schon, um den Zeitpunkt der Verletzung als fiesen Moment des Schicksals zu beklagen; besonders fies wird er dadurch, dass die Blessur auch noch unmittelbar vor dem Diamond-League-Beginn am Sonntag in Gateshead/Großbritannien auftrat. Für diese Wettkampf-Serie hatte sich Christian Taylor nämlich ganz besonders eingesetzt: Als Präsident der im Juni 2020 gegründeten Athletenvereinigung "The Athletics Association" führte er einen regelrechten Sportler-Aufstand gegen den Weltverband World Athletics (WA) an.

Viel bleibt von den Prämien sowieso nicht übrig für die Athleten, manchmal fast gar nichts

Der hatte als Veranstalter der Diamond League in der vorigen Saison sein Premium-Produkt fernsehgerecht gestrafft und eine Handvoll Disziplinen aus dem Programm geworfen, darunter auch Taylors Spezialität, den Dreisprung. Statt wie zuvor 32 Disziplinen waren nur noch 24 im Angebot, und die auch nicht bei jedem der in der Regel 14 Meetings pro Jahr. Traditionell beschränkt sich die Präsentation jeder Übung auf drei bis sieben Gelegenheiten.

Für die betroffenen Athleten war mit der Streichung eine wichtige Einnahmequelle versiegt, die im Vergleich mit anderen Profisport-Veranstaltungen sowieso eher spärlich sprudelte. Wer bei einem Meeting gewinnt, wird mit 10000 Dollar belohnt, und wer dann noch beim jährlichen Finale siegt, bekommt 50000 Dollar obendrein. Das ist gewissermaßen "der Jackpot, den man versteuern muss und von dem am Ende, wenn man davon leben muss, nicht viel übrig bleibt", rechnete der Speerwurf-Olympiasieger Thomas Röhler aus Jena in diesen Tagen der Deutschen Presse-Agentur (dpa) vor. Für die jeweils Achtplatzierten eines Wettbewerbs gibt's aber schon nur noch 1000 bzw. 2000 Dollar, da bleibt dann fast gar nichts mehr übrig.

Den Athletinnen und Athleten um Christian Taylor ging es aber nicht nur ums Geld, in gewisser Weise führten sie auch einen Kulturkampf gegen die WA. Sie wollten die Vielseitigkeit der Leichtathletik mit insgesamt 48 verschiedenen olympischen Disziplinen erhalten. "Diesen Reiz kann man auch nutzen. Es macht aber mehr Arbeit", findet Röhler, der in der Athletenkommission des Weltverbandes die Interessen der Sportler vertritt. Die wurden indes auch von nationalen Verbänden und Meeting-Organisatoren unterstützt bei ihrer Forderung, die Diamond-League-Reform umgehend wieder zu reformieren.

Taylors Disziplin ist wieder dabei - er selbst aber nicht

Nachdem es im vorigen Jahr auch wegen der Corona-Pandemie nur ein rudimentäres Wettkampf-Angebot gegeben hatte (sieben der geplanten Diamond-League-Meetings fielen aus), nimmt die Serie nun also ihren Saisonbetrieb fast wie gewohnt wieder auf: mit insgesamt 14 Stationen (von denen eine in China noch nicht fixiert ist) und der früheren Anzahl von Disziplinen.

Auch der Dreisprung ist wieder dabei, am Sonntag in Gateshead sind aber erst einmal die Frauen an der Reihe. Die Männer springen dann bei der vierten Station ins Geschehen, am 1. Juli in Oslo. Freilich ohne Christian Taylor, der seine Disziplin-Wertung mit einer Ausnahme seit 2012 immer gewonnen hat. Dem Mann geht nun nicht nur eine Goldmedaille durch die Lappen, sondern auch der Großteil seiner erhofften Einnahmen. Und das quasi in dem Moment, in dem die Aussicht darauf wiederhergestellt war dank seines Engagements. Viel fieser kann das Schicksal kaum zuschlagen.

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