Süddeutsche Zeitung

Leichtathletik:Gegen alle Widerstände

  • Die Sprinterin Dutee Chand macht als erste indische Profisportlerin ihre Beziehung zu einer Frau öffentlich.
  • Homosexualität ist in Indien nicht mehr strafbar, wird aber in weiten Teilen der Gesellschaft abgelehnt.
  • Chands Mutter sei "schockiert", ihre Schwester drohte, sie ins Gefängnis zu bringen.

Der Wissenschaftler und Aktivist Payoshni Mitra hat einmal erzählt, wie es war, als seine Hoffnung fast zusammengeschmolzen war wie der letzte Schnee im Frühling. Mitra hockte in seinem Büro, ratlos angesichts dieses verworrenen Falls, in dem er eine Leichtathletin namens Dutee Chand vertrat: "Ich hatte schlaflose Nächte, und dann schaute ich rüber zu Dutee, die seelenruhig Videospiele spielte." Aber er habe bald begriffen, dass Chand so den Stress fernhielt, der sie seit Jahren umtoste. "Sie ist extrem stark", sagte Mitra, "sie hat immer gesagt, wir seien schon so weit gekommen, jetzt werde alles gut." Und so sei es dann ja auch gekommen.

Die Biografie von Dutee Chand, 23, aus Indien hat schon immer von Fragen gehandelt, die weit über die Tartanbahn hinausreichen, und die Sprinterin ist vor all den Debatten nie davongerannt. Vordergründig erzählt ihre Geschichte von einer Frau, die in armen Verhältnissen aufwuchs und bei den Asienspielen vor einem Jahr zweimal Silber gewann, über 100 und 200 Meter. Bereits lange zuvor war herausgekommen, dass Chand eine ähnliche Veranlagung hat wie die Südafrikanerin Caster Semenya: Ihr Körper produziert, grob gesagt, mehr Testosteron als bei Frauen üblich. Auch Chand war also eine Zeit lang von einem Paragrafen des Weltverbands IAAF betroffen, wonach diese Athletinnen ihren Testosteronspiegel unter einen Grenzwert drücken müssen. Erst als sie mit dem Menschenrechtler Mitra vor den Sportgerichtshof Cas zog, hebelte der die Regelung aus. Mittlerweile darf Chand als diejenige laufen, die sie ist, im Gegensatz zu Semenya übrigens, aber dazu später mehr.

Chand stemmt sich mittlerweile gegen andere Widerstände, und diesmal ist es nicht ein Sportverband, der ihr auferlegt, wie sie zu sein hat, sondern ihre Gesellschaft. Sie liebe eine Partnerin, "meine Seelenverwandte", erzählte sie neulich dem Indian Express. Es war das erste Mal, dass ein Athlet in Indien eine gleichgeschlechtliche Beziehung öffentlich machte. "Ich glaube, dass jeder Mensch die Freiheit haben sollte, mit dem Partner zusammen zu sein, den er liebt", sagte Chand. Und jetzt wolle sie sich bitteschön auf die Saison konzentrieren. Auch wenn sie wisse, dass ihre Beziehung für viele "eine Herausforderung" sei. Eine Herausforderung?

In Indien galt bis vor kurzem Paragraf 377, Beziehungen unter Gleichgeschlechtlichen seien "gegen die Ordnung der Natur". Wer dagegen verstieß, dem drohte Gefängnis. Der Oberste Gerichtshof strich den 158 Jahre alten Passus, ein Relikt aus der Kolonialzeit, erst im vergangenen Herbst aus den Gesetzbüchern. Aber aus den Köpfen verschwand er damit natürlich noch lange nicht. Indiens Gesellschaft ist zutiefst konservativ, wer mit wem aus welcher Kaste zusammen sein darf oder auch nicht, ist eine Frage von großer Bedeutung. Als Chands Mutter von der Partnerschaft ihrer Tochter erfuhr, reagierte sie "schockiert". Ihre ältere Schwester habe sogar gedroht, so berichtete Chand, dass sie sie ins Gefängnis bringen werde. "Mit der Zeit", entgegnete Chand, "wird sie mich verstehen und unterstützen."

Semenya verlässt ihre Spezialstrecke

Die zweimalige Olympiasiegerin Caster Semenya verzichtet beim Diamond-League-Meeting Ende Juni in Stanford/USA auf einen Start über ihre Spezialstrecke und wechselt auf die 3000 Meter. Für eine Teilnahme am 800-Meter-Rennen müsste Semenya ihren Testosteronspiegel wegen der neuen Regel des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF mit Medikamenten senken - dazu ist die Südafrikanerin nicht bereit. Die Vorgabe ist dank eines Urteils des Sportgerichtshofs Cas, gegen das Semenya vorgehen will, seit dem 8. Mai wirksam. Demnach müssen Athletinnen mit intersexuellen Anlagen bei Rennen von 400 Meter bis zu einer Meile einen Grenzwert von fünf Nanomol pro Liter Blut für körpereigenes Testosteron einhalten. Damit soll ein Wettbewerbsvorteil verhindert werden. sid

Chand wuchs im Bundesstaat Odisha auf, ihre Eltern waren Weber, sie verdienten rund fünf Euro die Woche. Als Chand als Sprinterin erste Erfolge hatte, mit 18 Jahren, verstand sie zunächst nicht, warum Ärzte sie untersuchten oder der Verband sie für ein Jahr sperrte. Sie begriff erst später, dass sie in der Gesellschaft als Frau anerkannt war, von Natur aus aber irgendwo zwischen den Geschlechterkategorien rangiert, nach denen der Sport trennt. Was sie nicht verstand: Warum der Sport ihr einen Grenzwert auferlegte für etwas, das die Natur ihr mitgegeben hatte. Sie wehrte sich, zusammen mit dem Menschenrechtler Mitra. Und tatsächlich: Vor vier Jahren verfügte der Cas, dass die IAAF besser beweisen müsse, dass Athletinnen wie Chand oder Semenya gegenüber anderen Frauen bevorteilt seien. Das gelang der IAAF - teils überzeugend, teils weniger; der neue Testosteron-Grenzwert gilt nur für 400 Meter bis zur Meile. Semenyas Spezialstrecke fällt darunter, die von Chand nicht; es sei denn, die IAAF findet für den Sprint neue Belege. Kürzlich verpasste Chand ihren Landesrekord über 100 Meter (11,24) nur knapp, in 11,28 Sekunden.

Aber sie hat noch ein paar Kämpfe vor sich, abseits der Bahn. Die 23-Jährige sei "eine Ikone für den gesamten indischen Sport, der noch immer von einer toxischen Macho-Kultur geprägt ist", kommentierte der Express nach dem Coming-out. Manchmal reichen zwei Seelenverwandte, um manche Haltungen von heute furchtbar alt aussehen zu lassen.

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Quelle:
SZ vom 22.05.2019/schm
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