Leichtathletik:Durchbruch mit Hitzschlag

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Leichtathletik: Höhenflug in der Hitze: Tobias Potye auf dem Weg - beziehungsweise: auf dem Sprung - zu seinem ersten nationalen Freiluft-Titel.

Höhenflug in der Hitze: Tobias Potye auf dem Weg - beziehungsweise: auf dem Sprung - zu seinem ersten nationalen Freiluft-Titel.

(Foto: Laci Perenyi/Imago)

Hochspringer Tobias Potye von der LG Stadtwerke München schafft bei den deutschen Meisterschaften erstmals die 2,30 Meter - auch dank Mateusz Przybylko, mit dem er einen Strudel entfacht und sich am Ende den Titel teilt.

Von Johannes Knuth, Berlin

Tobias Potye und Mateusz Przybylko, die neuen deutschen Hochsprungmeister, gab es nach ihrer Vorführung im Berliner Olympiastadion nur im Doppelpack: Jubeln, ins Publikum winken, Interviews, alles arbeiteten sie in rühriger Zweisamkeit ab. Selbst als Potye im Bauch des Stadions ein (alkoholfreies?) Bier aus dem Kühlschrank zog, kam auch Przybylko auf den Geschmack.

Rund zwei Stunden hatten sie sich zuvor angetrieben, wie das nur geht, wenn man seine Gedanken nicht bloß an Höhen klammert, sondern mit dem Gegner einen Strudel entfacht, gemeinsam. Die 2,27 Meter schafften beide im ersten Versuch, dann flog Potye im dritten über diese verflixten 2,30, die "vier, fünf Jahre in der Mache" waren, wie der Athlet der LG Stadtwerke München später sagte. Wieder konterte Przybylko, jetzt dampften nicht nur die Köpfe von der Hitze, auch die Gemüter. Und weil beide dann an den 2,33 scheiterten, die Siegerhöhe im selben Versuch geschafft hatten und die gleiche Zahl an Fehlversuchen aufwiesen, wurden zwei Meistertitel ausgehändigt, so will es das Regelwerk.

Auch als es darum ging, das passende Leitmotiv über diesen Nachmittag zu spannen, waren beide rasch handelseinig. "2,30 mit Hitzschlag?" Passt. Und dass es demnächst noch höher gehen werde, das verabredeten sie auch schon einmal.

Ein wenig habe es wohl geholfen, sagte Potye, dass er und sein Mitstreiter aus Leverkusen in den Monaten und Jahren davor einen ähnlichen Anlauf genommen hatten. Begabung, Form, Wettkampfhärte, damit sind beide reichlich ausgestattet: Potye, einst U20-Europameister, war schon vor vier Jahren, mit 23, bei 2,27 Metern angelangt; Przybylko wurde ein Jahr später Europameister in einer rauschenden Berliner Sommernacht, mit 2,35. Und dann: schmerzten immer wieder Sehnen im Knie und im Fuß, oder die Zweifel hinderten sie, wie ein regennasser Mantel, der sich schwer über die Glieder legt.

Vor ein paar Jahren stellte sich Potye die Sinnfrage

Bei Potye kam hinzu: Er verstand sich so sehr als 2,30-Meter-Springer, dass er manchmal glatt vergaß, dass er die Höhe noch nie gepackt hatte. "Am Ende habe ich mir gedacht: Heute ist der Tag", sagte er in Berlin, "wir haben so viel getan im Vorfeld, ich habe so viele Chancen vergeben. Heute war endlich jemand dabei, der das Gleiche durchgemacht hat." Und dann machten sie im Wettkampf eben wieder das Gleiche durch. "Für mich", sagte Potye, "war das auch so eine Art Comeback."

Das liegt auch an seiner Vita, dass er vor ein paar Jahren schon mal alles infrage stellte. Die Patellasehne hinderte ihn immer wieder, und wer ständig kurz vor dem großen Durchbruch steht, dem macht es die Leichtathletik nicht gerade leicht. Fördergelder sind oft überschaubar, Sponsoren sowieso, die Athleten tingeln von kleineren zu mittelgroßen Meetings, und selbst wenn sie dabei viele Punkte zusammentragen für die Weltrangliste, die einem mittlerweile Zutritt gewährt für Großevents (neben einer hohen Zugangsnorm): dann kann es sein, dass es um einen Platz nicht reicht, wie bei Potye vor Olympia 2021. Er hatte sich sogar schon mit der Kollektion eingedeckt.

Die Lust, herauszufinden, wie hoch es ihn noch tragen kann, erstickte das nicht, sagte er damals: Dass er so nah dran war, zeige ja, dass er auf dem richtigen Pfad sei. Er arbeite schwer daran, seine Sehnenprobleme einzudämmen: "Es ist eine nicht mehr ganz so schlimme Gratwanderung wie die letzten Jahre", sagte er nun, er verfüge mittlerweile über einen Satz an Werkzeugen, mit denen er die Probleme angehen könne. Lange Zugfahrten zum DM-Ort seien trotzdem "blöd", aber in Berlin, da sei er "stark im Kopf" geblieben. Beim Einspringen war ihm die Schuhspitze aufgerissen, Potye flickte den Treter notdürftig, rutschte bei seinen Versuchen trotzdem ein wenig aus dem Schuh. Diesmal aber habe er das einfach nicht akzeptiert: dass wieder irgendetwas im Weg stehen könnte.

Leichtathletik: "Vier, fünf Jahre in der Mache": Tobias Potye jubelt nach gemeisterten 2,30 Metern.

"Vier, fünf Jahre in der Mache": Tobias Potye jubelt nach gemeisterten 2,30 Metern.

(Foto: Soeren Stache/dpa)

Manchmal manifestiert sich die größte Barriere nicht in Form einer Latte, sondern anhand eines Knotens im Kopf. Von Potye, das spürte man jedenfalls nach seinem ersten Freilufttitel, war etwas Größeres abgefallen. Fast hätte er noch die 2,33 gepackt, "ich glaube, die kann ich mir in diesem Jahr noch krallen", sagte er. Bei der EM in München etwa, da ist er mit seinen 2,30 Metern nun auch mit der Norm ausgerüstet; für die WM Mitte Juli in Eugene sollte es diesmal über die Rangliste reichen. Und die Lust, die nächsten Jahre herauszufinden, wie hoch es noch gehen kann, die ist vermutlich nicht kleiner geworden.

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