Süddeutsche Zeitung

Doping in der Leichtathletik:Umstrittenes Familienprojekt mit deutschem Anstrich

Lesezeit: 3 min

Die eine Schwester mit fünf Substanzen in drei Dopingproben, die andere positiv getestet auf ein Blutdopingmittel: Wie fest waren die Benfares-Schwestern in das deutsche Sportsystem eingebettet? Die Verbände geben kein transparentes Bild ab.

Von Johannes Knuth

Albtraum, das ist das Wort, zu dem sie beim LC Rehlingen griffen, wenn zuletzt von den Fällen der Leichtathletinnen Sofia und Sara Benfares die Rede war.

Der LC Rehlingen ist der Klub, für den die Schwestern bis zuletzt starteten. Sie waren in den vergangenen drei Jahren immer mal wieder von Frankreich, der Heimat ihres Vaters, nach Deutschland, ins Geburtsland der Mutter, gependelt; der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) hatte einen Kontakt nach Rehlingen geknüpft. Wenn die Läuferinnen im Saarland waren, wohnten sie allerdings im Haus der Athleten am Olympiastützpunkt in Saarbrücken, es wirkte wie ein Gewinn für alle Seiten: Die Schwestern würden in dem Land verankert sein, für das sie mittlerweile starteten, sie waren zugleich rasch in Fontainebleau bei Paris, der Heimat der Familie. In diesem Sommer, so hofften alle, stünde dann ein halbes Heimspiel an: bei den Olympischen Spielen in Frankreichs Kapitale.

Dieser Traum ist spätestens krachend geplatzt, als die Nationale Anti-Doping-Agentur (Nada) jüngst Sara Benfares für fünf Jahre gesperrt hat (ihr Anwalt will gegen die Sperre vorgehen). Im Lichte von fünf Substanzen, die die Nada in einem Zeitraum von rund fünf Monaten in drei Proben feststellte, müsse man davon ausgehen, dass die 22-Jährige über einen "bestimmten Zeitraum" dopte (Benfares macht eine "diffuse Knochenerkrankung" samt Behandlung verantwortlich). Die Anklage der Staatsanwaltschaft Saarbrücken steht bald zu erwarten. Und von Sofia Benfares, der Schwester, ist zudem eine positive Epo-Probe verbrieft.

Die Schwestern hätten nicht mit dem Verein trainiert, betont man beim LC Rehlingen

Beim LC Rehlingen hatten sie Sara, Sofia und auch die ältere Schwester Selma schon Anfang März aus dem Verein ausgeschlossen. Man wolle konsequent und transparent sein, sagte der Vereinsvorsitzende Thomas Klein damals der Neuen Zürcher Zeitung : "Die Benfares-Schwestern haben zu keiner Zeit an einem Vereinstraining teilgenommen, nicht in Rehlingen trainiert und sind ausschließlich von ihrem Vater trainiert worden."

Das mag mit Blick auf die Rehlinger stimmen. Und dass Vater Samir Benfares seine Töchter eng betreute, vor allem in Trainingslagern in Frankreich und Kenia, haben nicht zuletzt Athletinnen oft betont. Zugleich kam bislang kaum zur Sprache, wie viel schwarz-rot-goldenen Anstrich eigentlich dieses Familienprojekt hatte, in dem eine Athletin nach Stand der Dinge über einen bestimmten Zeitraum leistungssteigernde Substanzen nahm und die Schwester Epo-positiv getestet wurde. Die zuständigen Verbände geben da zumindest kein transparentes Bild ab.

Ende Dezember 2021 publizierte der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) einen Artikel über die Schwestern, "die für Deutschland den Erfolgen des Vaters nacheifern". Neben einem Abriss der Familiengeschichte - die Karriere des früheren Mittelstreckenläufers Samir Benfares, die frühen Ambitionen der Töchter, Unstimmigkeiten mit Frankreichs Verband, der Transfer nach Deutschland - sticht vor allem eine Passage heraus: Sara und Selma, die älteste aus dem Trio, weilten demnach häufiger in Saarbrücken. Sofia ging noch in Frankreich zur Schule, besuchte die Schwestern aber immer wieder, wenn die in Saarbrücken trainierten. Auch Vater Samir schaute dann "samstags regelmäßig im Training vorbei".

Unter der Woche aber, so der Artikel, "begleitet DLV-Stützpunkttrainer und Team-Manager Lauf Adi Zaar mit seiner Frau Aline das Training. Um alles optimal abzusprechen, durchzuführen und zu erfassen, haben sie mit den Eltern die Whatsapp-Gruppe ,Team 2024-2028' gegründet." Man hatte offenbar große Ambitionen, auch für Los Angeles 2028. "Zu den Trainingspartnern von Selma und Sara", so der Artikel, "gehören die Athleten aus der Trainingsgruppe von Aline Zaar, die als Landestrainerin im Saarland für den Bereich Lauf zuständig ist."

Alte DLV-Berichte klingen nicht so, als habe alles nur der Vater gesteuert

Whatsapp-Gruppe, optimale Erfassung, Nachwuchsläufer als Trainingspartner: Das klingt nicht so, als habe der Vater alles allein gesteuert. Was spannend klingt, da die NZZ jüngst berichtete, aus Adi Zaars Umfeld sei verlautet, "er habe die Benfares-Schwestern in den vergangenen vier Jahren nie trainiert".

Begleitet hatte er sie laut DLV aber mindestens bis Ende 2021. Wie sah diese "Begleitung" dann konkret aus? Das Training mit der Landestrainerin, den Nachwuchssportlern, die offenkundig von den schnellen Schwestern lernen sollten? Wie lange währte die Betreuung, gab es einen Wechsel, wenn ja, weshalb? Auf all diese Fragen richtet der DLV aus: "Die Trainingssteuerung der Benfares-Schwestern lag ausschließlich in den Händen von Samir Benfares." Und: "Adi Zaar hat uns versichert, dass die Begleitung überwiegend im organisatorisch-koordinativen Bereich lag." Also nicht ausschließlich.

Der DLV beteuert jedenfalls: "Zu keinem Zeitpunkt" lagen dem Stützpunkttrainer oder dem DLV "Hinweise zum absichtlichen Gebrauch von leistungssteigernden Substanzen vor", man verfechte eine "strikte Anti-Doping-Politik" und war 2015 "maßgeblich an der Einführung des Anti-Doping-Gesetzes beteiligt". Fragen zum gemeinsamen Training mit den Athleten aus dem Landeskader beantworten weder Aline Zaar noch der DLV noch der Saarländische Leichtathletik-Bund.

Im Januar gab es noch den Nachwuchspreis für Sofia Benfares

Bis Ende Januar war der Kontakt aus dem DLV zu den Benfares-Schwestern aber offenbar noch intakt. Da nahm Adi Zaar einen Nachwuchspreis des Landessportverbandes für das Saarland (LSVS) entgegen, stellvertretend für Sofia Benfares, die im Sommer 2023 Bronze über 3000 Meter bei der U20-EM gewonnen hatte. Der Saarländische Leichtathletik-Bund habe ihn darum gebeten, da Sofia bei der Ehrung abwesend war, teilte Zaar auf Anfrage mit.

Johannes Kopkow, Vorstand im LSVS, sagte am Mittwoch der Saarbrücker Zeitung, er hätte sich vom DLV in der Causa eine offenere Positionierung gewünscht: "Es gab ja Verbindungen zu Personen, auch hier im Saarland", sagte Kopkow. "Und das sind nicht nur Angestellte, sondern auch Menschen, die betroffen sind."

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.6569136
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.