Leichtathletik:Spannungen statt Spannung

210704 Malaika Mihambo of Germany competes in women s long jump during the athletics gala Bauhaus-galan, Diamond League; Malaika Mihambo

Malaika Mihambo: Landete Anfang Juli in Stockholm mit Rückenwind bei 7,02 Metern - der weiteste Satz des Abends. Trotzdem gewann Ivana Spanovic aus Serbien, ihr gelang der letzte Sprung besser als der Deutschen.

(Foto: imago images/Bildbyran)

Die Leichtathletik will ihre Wettkämpfe mit neuen Ideen aufpeppen - ein Format, in dem nur der letzte Versuch für den Tagessieg entscheidend ist, sorgt für Ärger. Da hilft nur Galgenhumor.

Glosse von Johannes Knuth

Danke der Nachfrage, werte Leser, Sie haben die Ergebnisspalten der vergangenen Tage schon richtig studiert. Neulich erst wieder, bei der Diamond League der Leichtathleten in Monaco: Beste Speerwerferin des Tages war die Tschechin Barbora Špotáková, die es auf 63,08 Meter brachte, Zweite die Polin Maria Andrejczyk mit, ja doch, 63,63. Auch nicht schlecht der Dreisprung der Frauen: Auf Platz eins die Jamaikanerin Shanieka Ricketts, 14,75 Meter, Zweite Yulimar Rojas, Venezuela, 15,12. Malaika Mihambo, die deutsche Weitsprung-Weltmeisterin, war in der Diamantenliga zuletzt sogar zwei Mal Zweite geworden, obwohl sie die beste Tagesweite eingereicht hatte.

In Gateshead, am Dienstagabend, lag sie nun erneut auf Rang zwei, mit 6,65 Metern, diesmal freilich, obwohl die Dritte Fátima Diame zwei Zentimeter besser war. Schuld ist ein neues Format, "Final Three" getauft, das bislang nur in dieser Wettkampfserie greift. Nur den besten drei in den Wurf- und in manchen Sprungdisziplinen wird dabei ein sechster Versuch gewährt, der allein richtet dann über die Platzierung - ganz gleich, ob ein Athlet davor einen Weltrekord erschaffen hat.

Eigentlich wollten die Macher damit ihre manchmal etwas langatmigen Wettkämpfe aufpeppen, statt Spannung hat das Format bisher allerdings vor allem Spannungen provoziert: Speerwerfer Johannes Vetter schimpfte nach seinem Sieg in Gateshead (85,25) über die Wartezeit vor dem letzten Versuch, "nur um das TV-Publikum zu befriedigen". Die Weitspringerin Brittney Reese hat zuletzt sogar versprochen, der Serie fernzubleiben, bis das Format getilgt wird. Viele Mitstreiter können sich das freilich kaum leisten, ein Tagessieg verspricht 10 000 Dollar, für viele Leichtathleten ist das viel Geld. Und jetzt?

Warum sollte beim Fußball nicht einfach das letzte Tor über Sieg und Niederlage entscheiden?

Wortmeldungen wie jene von Frau Reese entspringen natürlich nur verirrten Seelen, die unfähig sind, die Größe und Innovationskraft des Weltverbands und seines Lenkers Lord Sebastian Coe zu erkennen. Andere Branchen wollen längst nachziehen, der SZ liegen entsprechende Pläne vor. In den K.-o.-Runden der großen Fußballturniere wird künftig nur noch das letzte Tor zählen - da gewinnt auch Brasiliens 1:7 bei der WM 2014 gegen Deutschland an neuem Glanz, hatten die Gastgeber in der 90. Minute doch eigentlich das siegbringende Tor erzielt. Bei der Tour de France trägt künftig auch nur derjenige den Gesamtsieg davon, der nach drei Wochen und 3500 Kilometern Schinderei die schnellste letzte Runde auf den Champs-Élysées dreht, beim Skifahren gewinnt der Schnellste auf den letzten zehn Slalomtoren. Auch die Sportpolitik ist angetan, bei Spiele-Vergaben sollen künftig nur noch die letzten drei Schmiergeldüberweisungen berücksichtigt werden, um die Chancen aller Bewerber zu erhöhen.

Sogar das eine oder andere Gewerbe hat schon Interesse angemeldet: Die Gastronomen überlegen, künftig nur noch das letzte Getränk in Rechnung zu stellen; bei der Bundestagswahl könnte künftig die Partei gewinnen, die die meisten zwischen 17 und 18 Uhr abgegebenen Stimmen auf sich vereint, was der SPD aber vermutlich auch nicht helfen würde. Und beim CSU-Minister Andreas Scheuer fließen, aus Gründen der Fairness und Übersichtlichkeit, nur noch die letzten drei verbockten Großprojekte in die öffentliche Bewertung ein.

Gut, in dem Fall macht das neue Format auch keinen Unterschied.

© SZ/cca/cch/ska
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