bedeckt München

Sprinter Christian Coleman:"Völlig nachlässig, sogar rücksichtslos"

Christian Coleman

Christian Coleman: Schnell auf der Bahn, aber nicht so zuverlässig bei Dopingkontrollen

(Foto: dpa)

100-Meter-Weltmeister Christian Coleman wird wegen verpasster Dopingkontrollen gesperrt, er will sich vor dem Cas gegen das Olympia-Aus wehren. Doch seine Erklärungen klingen abenteuerlich.

Von Johannes Knuth

Der bislang wichtigste Wettkampf in der Karriere des Leichtathleten Christian Coleman wird demnächst nicht in den Arenen seines Sports stattfinden: Weder bei den US-Meisterschaften, die im kommenden Juni im funkelnagelneuen Hayward Field in Oregon steigen sollen mit seinen lichtdurchlässigen Holzdächern und einem neunstöckigen Turm, der an eine olympische Fackel erinnert. Auch nicht im aufpolierten Olympiastadion von Tokio, wo einen Monat darauf das olympische Finale über 100 Meter terminiert ist. Colemans wichtigster Wettstreit läuft bereits seit diesem Mittwoch, in einem hellgrauen, zweistöckigen Flachbau in Westlake Village, nordwestlich von Los Angeles, eingebettet zwischen Fünf-Sterne-Hotels, einem Golfkurs und einer Autobahn.

Dort hat Colemans Anwalt Howard L. Jacobs sein Büro. Das Motto auf seiner Homepage kann man ungefähr so übersetzen: "Falls ihre Karriere auf dem Spiel steht, halten wir sie im Spiel". Tatsächlich hat sich Jacobs einen Namen damit gemacht, Profisportler aus prekären Fällen herauszupauken. "Falls Sie ein Dopingproblem haben", schrieb ein Reporter vor einem Jahr, sei der Anwalt wie ein Kammerjäger aus der Ghostbusters-Filmreihe: "Wen rufen Sie zur Hilfe? Howard Jacobs!"

Coleman wird die Künste seines juristischen Geisteraustreibers schwer benötigen. Das Disziplinartribunal des Leichtathletik-Weltverbandes erließ am Dienstagabend ein Urteil gegen den 24-Jährigen, das nicht wenige so erwartet hatten, das dennoch Schockwellen durch die Szene jagte. Coleman wird für zwei Jahre gesperrt, weil er wiederholt nicht für die Dopingfahnder auffindbar war. Das wird ähnlich schwer sanktioniert wie ein positiver Befund. Sollte das Verdikt halten, würde Coleman die Spiele 2021 in Tokio verpassen (nicht aber die auf 2022 verschobenen Weltmeisterschaften auf dem neuen Hayward-Field).

Coleman ist nicht irgendwer: Er wurde 2019 Weltmeister über 100 Meter in famosen 9,76 Sekunden, er ist Hallen-Weltrekordhalter über die 60 Meter, der neue Hauptdarsteller des Sprints, der schon immer am meisten Licht auf sich zog, weil dort all die Narzissten, Lautsprecher und Spaßsprinter wie Usain Bolt aufeinanderprallten. Nun steht Coleman fürs Erste in einer weitaus düsteren Reihe: von sanktionierten Sprintern, die sich ebenfalls in großer Zahl an der Spitze der Bestenlisten tummeln. Auch wenn Colemans Anwalt umgehend mitteilte, dass er gegen die Sperre ganz sicher vorgehen werde, vor dem Internationalen Sportgerichtshof Cas.

Die Chancen wirken nicht gerade rosig, zumindest auf den ersten Blick: Colemans Fall hat eine Vorgeschichte, die ihm nun wohl auch zum Verhängnis wurde. Bereits seit August 2019 ist bekannt, dass Coleman, grob gesagt, binnen zwölf Monaten dreimal nicht für Dopingkontrollen erreichbar gewesen war, zwischen Juni 2018 und April 2019. Macht ein Jahr Sperre, mindestens.

Die amerikanische Anti-Doping-Behörde (Usada) übersah damals nur, dass sie Colemans ersten Test hätte rückdatieren müssen - der Sprinter hatte seinen Aufenthaltsort, an dem er für die Tester erreichbar sein muss, in dem Meldesystem nicht aktualisiert. Das wird etwas anders behandelt als ein Test, bei dem man die Fahnder vor Ort verpasst. Der Tests fiel nun jedenfalls aus dem Ein-Jahres-Fenster, die Usada zog ihr Verfahren kleinlaut zurück, Coleman wurde im Oktober 2019 Weltmeister. Und Jacobs, sein Anwalt, der den Fehler der Usada erkannt hatte, rühmte sich: Wieder ein Athlet, den er aus den Fängen eines zweifelhaften Systems gerettet hatte. Oder etwa nicht?

Der Argwohn lastete schon damals schwer auf Coleman. Drei verpasste Tests sind ein grobes Versäumnis, so oder so. Das ist ja ein Grundpfeiler der Anti-Doping-Bemühungen: dass die Athleten ständig und unangekündigt für Kontrollen auffindbar sein müssen. Coleman fand sein Verhalten aber gar nicht schlimm: Er sei nun mal viel unterwegs, da denke er nicht immer daran, das Meldesystem zu befüllen. Er, der mit einem sechsstelligen Vertrag seines Sponsors Nike ausgestattet ist und sich prominente Sportrechtsanwälte leistet. Michael Johnson, der viermalige Leichtathletik-Olympiasieger aus den USA, sagte schon in Doha: "Ganz klar, die Usada hätte dieses Verfahren nie eröffnen dürfen. Aber so, wie Coleman sich vor der WM als Opfer inszeniert habe, "disqualifiziert er sich als neues Gesicht seines Sports".

Die schnellsten 100-Meter-Sprinter der Geschichte

9,58 Sekunden Usain Bolt (Jamaika)

9,69 Tyson Gay (USA) *

9,69 Yohan Blake (Jamaika) *

9,72 Asafa Powell (Jamaika) *

9,74 Justin Gatlin (USA) *

9,76 Christian Coleman (USA) **

9,78 Nesta Carter (Jamaika) *

9,79 Maurice Greene (USA) ***

9,80 Steve Mullings (Jamaika) *

9,82 Richard Thompson (Trinidad & Tobago)

* Mindestens einmal wegen Dopings gesperrt

** Wegen Verstößen gegen die Meldepflicht gesperrt

*** Mit Doping in Verbindung gebracht, aber weder überführt, noch verurteilt

Coleman sieht nur ein böses Komplott

Tatsächlich steckte Coleman nach der WM weiter in einer pikanten Lage: Er hatte noch immer zwei verpasste Tests in den Büchern stehen; ein dritter bis zum Januar 2020, und er würde definitiv in eine Sperre schlittern. Doch statt Vorsicht walten zu lassen, tat er das Gegenteil. So steht es zumindest im Urteil, das die Integritätskammer des Weltverbandes jetzt verfasst hat: Coleman hatte am 9. Dezember 2019 ein Zeitfenster angegeben, in dem ihn die Tester erreichen konnten, von 19:15 bis 20:15 Uhr. Er wartete aber nicht in seinem Haus in Kentucky, sondern ging im benachbarten Einkaufszentrum shoppen.

Laut seiner Belege hatte er um 19:53 Uhr einen Snack gekauft und um 20:22 Uhr 16 Weihnachtsbesorgungen in einem Supermarkt. Zwei Dopingtester gaben an, dass sie zwischen 19:15 und 20:15 Uhr mehrmals bei Coleman geklopft hatten - es habe aber niemand geantwortet, das Haus sei komplett verdunkelt gewesen. Um 20:21 Uhr seien sie gegangen, einer der Tester belegte das mit einem fotografischen Nachweis.

Alles ein böser Komplott, zürnte Coleman gegenüber den Ermittlern: Er habe sich um 19:53 Uhr den erwähnten Snack gekauft, sei kurz nach Hause gefahren, habe den Beginn eines Football-Matches im TV geschaut und sei dann flugs zurück ins Shoppingcenter gefahren. Tester habe er dabei keine vor seinem Haus erspäht. Das fanden die Ermittler wiederum absurd: "Es wäre schlicht unmöglich für Coleman gewesen", schrieben sie, "um 19:53 Uhr einen Snack zu kaufen, nach Hause zu fahren, das Auto zu parken, ins Haus zu gehen, den Snack zu essen, das Football-Match zu schauen, das erst um 20:15 anfing, dann zurück ins Geschäft zu fahren, das zwischen fünf bis neun Minuten Fahrzeit von seinem Haus entfernt liegt und 16 Dinge einzukaufen, für die er um 20:22 Uhr bezahlt hat."

Und Coleman? Anstatt den Fehler zuzugeben, bemängelten die Ermittler, habe er den Testern unterstellt, dass man ihm unbedingt ein weiteres Vergehen habe unterjubeln wollen. Coleman hatte diesen Vorwurf zuletzt sogar öffentlich vorgebracht, er hatte unter anderem beklagt, dass ihn die wartenden Tester nicht angerufen hatten - genau das sieht das Protokoll aber nicht verpflichtend vor, der Athlet wäre dann ja vor dem Test gewarnt. Raphael Roux, der bei der Integritätskommission des Weltverbandes die Dopingtests koordiniert, sagte vor den Ermittlern aus, dass er die Tester im Dezember 2019 sogar explizit gebeten habe, Coleman nicht anzurufen: Der Athlet hatte in der Vergangenheit rund um verpasste Tests oft besonders gute Leistungen erbracht. Roux hatte zudem den Eindruck verspürt, Coleman sei vor anderen Tests gewarnt worden.

Alles in allem, folgerten die Ermittler, habe Coleman nicht aus seinen Erfahrungen gelernt, sondern "völlig nachlässig, sogar rücksichtslos" gehandelt. Das dürfte auch ein Grund sein, warum ihn der Weltverband gleich für zwei Jahre sperrte, beginnend ab dem 14. Mai 2020, als Coleman bereits provisorisch sanktioniert worden war. Eine Ein-Jahres-Sperre, die bei derartigen Erstvergehen meist verhängt wird, hätte ihm eine Teilnahme an den Sommerspielen im kommenden Jahr ermöglicht.

Colemans Anwalt sagte jetzt noch, er gehe davon aus, dass der Sportgerichtshof den Fall noch vor dem kommenden Sommer klären werde. Viel Arbeit für "Mister Ghostbuster", so oder so. Die Karriere seines Klienten hängt - wieder einmal - davon ab.

© SZ vom 29.10.2020/ska
Fredericks

Frankie Fredericks
:Immer geschmeidig unterwegs

Frank "Frankie" Fredericks war Weltklassesprinter und machte danach rasant Karriere als Sportfunktionär und Geschäftsmann. Dann passierten fragwürdige Dinge, oder wie Fredericks sagt: Lauter dumme Zufälle.

Von Thomas Kistner und Johannes Knuth

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite