bedeckt München

Leichtathletik:Auf dem Sprung

Malaika Mihambo zählt zu den wenigen großen deutschen Hoffnungen. Dabei bleibt die 25-jährige Weitspringerin bis heute ihrer kleinen Kraftzelle im Badischen treu.

Von Johannes Knuth, Oftersheim

Der Tartan riecht noch kräftig; dieser süßlich-herbe Duft, der sofort Erinnerungen an Kreismeisterschaften und Sand in den Spikes beschwört. Sie haben den roten Kunststoff erst vor ein paar Monaten hier ausgerollt, auch der Rasen ist so frisch und eben gemäht, dass man darauf ein Tennisturnier abhalten könnte. Nur das monotone Spucken der beiden Rasensprenger stört die Nachmittagsruhe - und die Nachbarn, die offenbar davon animiert sind und eifrig ihre Vorgärten bewässern. Am Zaun vor dem Sportplatz hängen ein paar Plakate: "Der TSV Oftersheim gratuliert seiner Europameisterin", auf einem anderen Banner beglückwünschen sie Malaika Mihambo, die besagte Europameisterin im Weitsprung von 2018, zu Platz drei bei der EM 2016, Mihambo lächelt darauf in die Kamera. Dazwischen hängt noch ein Plakat mit den Athleten des TSV, die es zu deutschen Jugendmeisterschaften geschafft haben: Anna, Isabelle, Jonas, Anna, Yannik, Clara. Links und rechts davon ist noch Platz, für weitere Plakate.

Malaika Mihambo parkt ihr Auto vor einem der Banner, sie lächelt sich für einen Moment quasi selbst an. Sie trägt eine lange schwarze Sporthose, ein türkisfarbenes T-Shirt der LG Kurpfalz, zu der der TSV Oftersheim gehört, ihr Verein. "Hier hat meine Karriere begonnen", sagt sie, als sie unter den Haselnussbäumen sitzt, die an der Stirnseite der Tartanbahn Schatten spenden; sie schaut über den menschenleeren Platz. "Bis auf die neue Bahn, sagt Mihambo dann, "ist alles noch beim Alten."

Malaika Mihambo ist eine der besten deutschen Leichtathleten in dieser Saison, und es spricht viel dafür, dass die 25-Jährige bald auch eine der erfolgreichsten der jüngeren Historie sein könnte. 7,16 Meter ist sie Anfang August bei den deutschen Meisterschaften gesprungen, die sie zum dritten Mal gewann, weiter kam in diesem Jahr keine Frau, weltweit. Seit sie im Juni in Rom erstmals die sieben Meter übertraf (7,07), denen sie sich so lange genähert hatte, vergeht kaum ein Meeting, in dem sie nicht diese Sehnsuchtsmarke knackt; sie zählt bei der WM in Doha Ende September zu den wenigen deutschen Medaillenhoffnungen. Und wenn das alles so weitergeht bei der WM und bei den Sommerspielen 2020 in Tokio, dann wäre das weniger das Produkt von Leistungszentren, olympischer Planwirtschaft oder hochwissenschaftlicher Athletenvermessung, sondern noch immer die Geschichte von einer Studentin-Athletin, einem Hobbytrainer und einem kleinen Sportplatz im Badischen.

Mihambos Einheit an diesem Augusttag steht voll im Dienst des Feinschliffs, bis zum Istaf an diesem Sonntag in Berlin sind es noch zwei Wochen, drei bis zum Finale der Diamond League in Brüssel. Ralf Weber, ihr Trainer, lässt sie auf der Bahn dreimal aus vollem Anlauf sprinten, 40 Meter Vollgas; er will, dass sie noch gleichmäßiger anläuft, mit den kurzen, trommelnden Schritten einer Sprinterin. Dann geht es zur Sprunggrube. Sieben Schritte, Mihambo springt über ein knapp 50 Zentimeter hohes Hindernis, landet, springt sofort übers nächste, landet, springt, Sandgrube. Weber will, dass sie so noch kraftvoller abhebt - sie war in den vergangenen Jahren schon immer schnell angelaufen, bis zu 10,2 Meter pro Sekunde, aber flacher abgesprungen, als Spätfolge einer Gelenkverletzung, die sie 2017 bei einem Treppensturz erlitten hatte. Dem Fuß geht es längst wieder besser, aber Weber ist trotzdem vorsichtig. Diesmal ist nach drei Sprungserien Schluss. Wenn man etwas Gutes noch besser machen will, sagt er, "macht man damit zunächst einmal oft mehr kaputt".

Muller Anniversary Games - Day Two

Optische Täuschung: Nicht ganz, aber fast unterm Stadiondach bewegte sich Malaika Mihambo beim Meeting im Juli in London.

(Foto: Mike Hewitt/Getty Images)

Weber ist rund 1,90 Meter groß, Waden dick wie Backsteine, er war früher Mehrkämpfer und fährt gern Mountainbike, aber er hat auch eine sanft-federnde Stimme, mit der er die Abendnachrichten im TV vortragen könnte. So eine stille Autorität trainiert man sich wohl als Sport-, Mathematik- und Physiklehrer am Technischen Gymnasium an; nebenbei coacht er seit Jahren die Leichtathleten in Oftersheim: 12 000 Einwohner, bürgerliches Milieu, in den Nachwuchsgruppen haben sie zuletzt einen Aufnahmestopp verhängt. Weber hatte nach dem Sportstudium die Trainerlizenz gemacht, Mihambos Gruppe übernahm er, als sie elf war. Sie war schon immer die Beste bei den Schülern, Sprint, Sprung, Hürden, Mehrkampf, sagt Weber, "aber nicht so, dass man sagt: Das hat national seit 20 Jahren niemand geschafft". Nach und nach drifteten die Talente aus der Gruppe, Mihambo blieb. Es ist eine simple Formel für Weber, den Mathelehrer: "Bei fünf Athleten hast du für jeden nur ein Fünftel der Aufmerksamkeit."

Er habe sich immer an ein paar Prinzipien geklammert, sagt Weber: "Nie ehrgeiziger als die Athletin sein", was auch gelang, weil er nie einem Verband Ergebnisse präsentieren musste, um seine Karriere zu befeuern. Und: "Immer die Mittel an den Athleten anpassen." Erst drei Einheiten pro Woche, mit 15 Jahren fünf, heute sechs, zwei davon im Kraftraum. "Man ist schon viel auf Sicht gefahren", sagt Weber, Jahr für Jahr, er hatte das ja noch nie gemacht: eine Athletin in die Weltspitze führen. "Es war auch nicht immer klar, dass sie bei mir bleibt", sagt er. Der Dachverband intervenierte nie, es lief ja stets, aber Weber setzt sich mit Mihambo noch immer nach jeder Saison zusammen, er ist nicht nur Vollzeitlehrer, auch Vater von drei Kindern. Aber bislang, sagen beide, habe die Zweisamkeit noch immer gepasst. Klar, sagt Weber, wenn man Einzelsportler an einem Stützpunkt zusammenzieht, dann fordern sie sich. "Aber wir hören auch immer wieder", sagt er, "dass es auch mal nicht funktioniert, wenn jemand umgepflanzt wird."

Manchmal ist die beste Veränderung ja, nicht zu viel zu verändern. Mihambo war jedenfalls schon in der U20 und der U23 Europameisterin, und anders als viele Nachwuchskönner segelte sie fast mühelos zu den Erwachsenen rüber. Sie lernten beide aus ihrer zweiten WM 2015, als Mihambo Sechste wurde (6,76), aber Webers Kommandos im Gelärme des Pekinger Olympiastadions kaum zur Athletin drangen. Heute pflegen sie eine Art Zeichensprache. Aber Weber weiß oft auch schon so, wie es der Athletin geht - nach 14 Jahren, "da kann man gewisse Dinge eher nicht mehr verbergen", sagt er und schmunzelt. Er weiß, wann er sie im Training kitzeln muss, weil sie "sicher keine Trainingsweltmeisterin" ist, er weiß aber auch, wann genug ist. Und er weiß, dass er nicht allzu nervös werden muss, wenn sie sich vor ihrem EM-Titel 2018 in Berlin erst mal zwei Fehlversuche leistet, weil Mihambo diese Kunst beherrscht, auf der großen Bühne da zu sein, wenn es zählt. Auch wegen der Ruhe im Kleinen? "Hier mangelt es mir auf jeden Fall nicht an der Möglichkeit, mich aufs Wesentliche zu fokussieren", sagt Mihambo. Sie redet meist nicht in langen Sätzen, aber was sie sagt, das sitzt.

"Wenn man in der Heimat so verwurzelt ist", sagt sie, als sie unter den Haselnussbäumen hockt, "warum sollte man dann gehen, wenn alles da ist, was man braucht?" Familie, Freunde, Schule, die Olympia-Stützpunkte in Mannheim und Heidelberg, die ein paar Fahrminuten entfernt sind; das Masterstudium, Umweltwissenschaften an der Fernuni. Wobei man allmählich begreift, wenn man ihr so zuhört, dass der Clou nicht darin liegt, ständig im Gewohnten zu schmoren. Der Trick ist, sich immer mal wieder ins Neue zu wagen: zum Sprinten bei Verena Sailers Ex-Trainer Valerij Bauer in Mannheim etwa, oder beim Fotoshooting für die Vogue, oder drei Wochen Urlaub in Indien. Und dann kehrt man wieder in die Kraftzelle im Kleinen zurück, zur Hauptstraße mit den rosa getünchten Häusern, den Fleischereien, Bäckereien und drei Fahrschulen. "Heimat", sagt Mihambo, "haben für mich immer die menschlichen Beziehungen ausgemacht. Man kann immer wieder zurückkommen und ankommen", sagt sie. Das ist der Schlüssel.

Die historische Weltbestenliste im Weitsprung

7,52 Galina Tschistjakowa (UdSSR) 1988

7,49 Jackie Joyner-Kersee (USA) 1994

7,48 Heike Drechsler (Jena) 1988

7,43 Anisoara Stanciu (Rumänien) 1982

7,42 Tatjana Kotowa (Russland)* 2002

7,39 Jelena Belewskaja (UdSSR) 1987

7,37 Inessa Krawez (Ukraine)* 1992

7,33 Tatjana Lebedewa (Russland)* 2004

7,31 Olena Chlopotnowa (UdSSR) 1985

7,31 Marion Jones (USA)* 1998

Die nächsten Deutschen

7,21 Helga Radtke (Rostock) 1984

7,16 Sosthene Moguenara (Wattenscheid) 2016

7,16 Malaika Mihambo (Oftersheim) 2019

*später wegen Dopings gesperrt

Zwei Stunden springt und sprintet sie mittlerweile in der Nachmittagshitze, aber zwei knackige Einheiten hat sie noch vor sich. Sie springt auf einem Bein über fünf Hürden auf dem Rasen, Absprung, landen, sofort über die nächste Hürde. Zunächst mit einer Zwei-Kilo-Weste und barfuß, dann beidbeinig, ohne Weste. Kurz vor der letzten Serie liegt sie bäuchlings auf dem Rasen, Schweißperlen glitzern. Aufhören? Kitzeln? "Komm, einen noch", sagt Weber. Er schraubt die Hürden etwas höher. Mihambo fliegt mühelos drüber.

Noch kann sie in allen Bereichen besser werden, glaubt ihr Trainer. Sie hat nicht die dicksten Oberschenkel, sprintet nicht am allerschnellsten oder springt am kräftigsten ab; sie kann alles sehr gut, wie eine starke Mehrkämpferin. 7,16 Meter mit der vorletzten Ausbaustufe? "Das ist das, was ich glaube", sagt Weber. Von Mihambo kommt kein Widerspruch; sie hat ihre Ziele schon im Kopf, aber sie will sie erst erreichen und dann darüber reden, so hat sie es immer gehalten. Sie wird bei der Weltmeisterschaft in Doha auch nicht über 100 Meter starten - die Norm hätte sie gehabt, in 11,21 Sekunden. Stichwort: auch mal was Neues wagen - aber sie wird sich nun doch auf den Weitsprung konzentrieren. "Sonst hätten wir eine Woche länger vor Ort sein müssen", sagt Weber, und dann wären sie wegen der Hitze in Katar eine Woche länger im Hotel gesessen. Stichwort: Fokus aufs Wesentliche.

Eine Einheit noch, "vier Mal 120 Meter progressiv", sagt Weber. Erst mit 80 Prozent Schubkraft, am Ende mit 95, um Mihambos Ausdauer für sechs gute Anläufe im Wettkampf zu schulen. Sie lächelt kurz gequält, dann arbeitet sie alles so ruhig ab wie zuvor. Weber ruft ihr bei jedem Lauf ein knappes Kommando zu, beim dritten verlangt er "ein bisschen mehr Druck". Den letzten soll sie in 13,6 Sekunden laufen. Mihambo trommelt mit kurzen, kraftvollen Schritten über die Bahn, anschließend liegt sie ein paar Minuten unter den Haselnussbäumen auf dem Rücken.

13,6 Sekunden, sagt Weber. "Genau so, wie es sein sollte."

© SZ vom 01.09.2019

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite