Süddeutsche Zeitung

Leichtathletik:Als die Klassenfeinde auf dem Havel-Dampfer tanzten

Das Berliner Stadionfest feiert sein 100-jähriges Jubiläum - das größte deutsche Leichtathletik-Meeting strahlt noch immer kräftig, aber auch in eine zunehmend düstere Landschaft hinein.

Von Johannes Knuth, Berlin/München

Gerhard Janetzky hatte schon damals ein Auge für das Besondere, bei jenem Leichtathletik-Meeting, das er später einmal aus dem Konkurs heben und rund ein Jahrzehnt lang lenken sollte. Anfang der Siebzigerjahre also, damals ging man in Westberlin zum Fußball, zur Tasmania natürlich, und natürlich ging man auch zum Istaf, dem Internationalen Stadionfest der großen Berliner Vereine. Es war die funkelnde Zeit der Münchner Olympiafiguren, aber der junge Janetzky fand auch die Geschichten wie jene von Bodo Tümmler spannend, dem Mittelstreckenläufer vom Sportclub Charlottenburg, Berliner Schnauze, Europameister 1966 über 1500 Meter, zwei Jahre später sogar Olympia-Dritter. Keiner, der die Medaillen im Akkord heranschaffte, dafür einer, der sich in Szene setzte. Tümmler klemmte sich in Berlin die ersten Runden meist vor die Favoriten, so blieb dem Stadionsprecher gar nichts anders übrig, als immer wieder seinen Namen auszurufen. Da war es auch nicht so wild, dass er am Ende Achter oder Elfter wurde.

"Unter Marketing-Gesichtspunkten", erinnert sich Gerhard Janetzky, war das "ganz nett gemacht".

Am Sonntag feiern sie beim Istaf ihr 100-jähriges Bestehen, was unter Marketing-Gesichtspunkten übrigens auch ganz nett orchestriert ist. Denn das erste urkundlich erwähnte Istaf trugen der Berliner SC und der SCC noch mit den Schwimmern des SC Poseidon aus, im Juli 1921 im Grunewaldstadion mit seiner 600 Meter langen Rundbahn. Das erste reine Leichtathletik-Fest stieg erst 1937, weshalb der Meeting-Direktor Janetzky im Jahr 2007 auch bloß das 70-jährige Jubiläum ausrief. Aber auch das: Halb so wild, beide Jubiläen hätten ihre Berechtigung, findet er. Und es ist ja auch ein guter Anlass, zu beleuchten, wie es gerade eigentlich um die Geschichtenerzähler des olympischen Traditionssports steht, nicht nur beim Istaf, dem "Leuchtturm der deutschen Leichtathletik", wie Janetzky ihn nennt. Der 71-Jährige ist da ein potenter Ansprechpartner; als Studenten-Gast, langjähriger Meeting-Chef und Beobachter sitzt er quasi am Scharnier zwischen Damals und Jetzt. Ein kräftiger Mann mit kräftiger Stimme, mit der er wohl auch problemlos eine Zirkusmanege unterhalten könnte.

Das "älteste eintägige Einladungs-Meeting der Welt", so hat der Leichtathletik-Weltverband das Istaf einmal getauft. Und der Berliner Standort garantierte dabei stets, dass immer auch ein Schwall an Nachkriegsgeschichte in die Geschichte des Sportfests floss: Die bescheidenen Neu-Anfänge nach dem Zweiten Weltkrieg etwa, schon mit internationalen Athleten, als Zeichen des Miteinanders. Der Kalte Krieg, das sportliche (und chemische) Wettrüsten der Systeme. Die Cottbuser Studentin Rosemarie Ackermann, die sich 1977 als erste Frau im Straddle über 2,00 Meter im Hochsprung wand, einer von 15 Weltrekorden des Istaf. Später tanzte sie mit dem US-Hochspringer Dwight Stones auf einem Havel-Dampfer, die Besten aus Ost und West, was für eine Geschichte. Rudi Thiel war damals schon Meeting-Direktor, der langjährige Sportchef verstand es später prächtig auf der Welle zu surfen, die die globale Sportindustrie losgetreten hatte. Als Carl Lewis, der neunmalige Olympiasieger, 1997 sein letztes Rennen bestritt, stellte er sich eine Staffel zusammen: beim Berliner Istaf.

Schon damals lenkten solche Geschichten vom verdorrten finanziellen Fundament des Meetings ab. Als sich Berlin 2002 um die Leichtathletik-WM bemühte, mit dem heutigen Hertha-Präsidenten Werner Gegenbauer, fanden die Delegierten in ihren Hotelzimmern in Nairobi ein Schreiben vor ihren Türen: "Das Istaf geht Konkurs!"

Gegenbauer holte damals seinen Geschäftsfreund Janetzky dazu, um das Istaf zu retten - und mit ihm die Berliner WM-Ambitionen. Heldenglanz, realisierten sie rasch, war nicht mehr genug. Sie rafften das Hauptprogramm von knapp vier Stunden auf 90 Minuten, ein Titelsponsor karrte Zuschauer mit Bussen aus ganz Deutschland heran. 2007, beim 70-Jährigen, saßen mehr als 70 000 Menschen im Olympiastadion. "Wir haben immer versucht, Duelle zu schaffen, die Wettkämpfe zu personalisieren", sagt Janetzky. Für einen Profiverkäufer wie ihn ("Die echten Stars haben immer Haken und Ösen") war es jedenfalls eine tolle Zeit: Der Diskuswerfer Robert Harting zerriss seine Trikots, der Stabhochspringer Tim Lobinger rannte mit nacktem Popo vor der monegassischen Fürstenfamilie durchs Stadion, die deutsche Leichtathletik hob sich aus ihrer Schaffenskrise.

Johannes Vetter und Christin Hussong kommen als Diamond-League-Gesamtsieger zum Jubiläumsmeeting

Darum herum ließ Janetzy in Berlin schon mal goldene Luftballons aufsteigen und mit Gold bemalte Halbnackte auftreten; zuweilen ging es fast zu wie bei den Ringling Brothers und ihren Zirkusmanegen. Wobei es zu einfach wäre, nur auf die Show zu schauen. Bis heute halten sich viele Schulstaffel-Wettbewerbe im Vorprogramm; Janetzky, lange Jahre Beauftragter für Inklusion im Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV), ließ auch mal die 4x100-Meter-Staffel der Frauen gegen die 4x100-Meter der sehbehinderten Männer antreten, die beide etwa gleich schnell sind. Solch inklusive Themen würde er sich heute etwas häufiger wünschen, sagt er, als zarte Kritik. Man kann ihnen jedenfalls nicht vorwerfen, dass sie sich in Berlin vor dringenden Themen verschließen. Janetzky lud irgendwann auch keine Athleten mehr ein, bei denen allein Indizien für mögliche Dopingvergehen vorlagen, auch wenn er in den Jahren zuvor davon noch wenig gehalten hatte. Alles hat seine Zeit.

Und heute? Statt 70 000 kommen noch rund 40 000 Zuschauer, in pandemiefreien Zeiten zumindest. Statt als Station der Golden Four oder Diamond League zu dienen, schneidern sie sich lieber ihren eigenen Saisonausklang. Und auch der Hallen-Ableger im Winter hat sich etabliert, als Bühne für die deutschen Aushängeschilder. Der Leuchtturm leuchtet also schon noch ordentlich, aber er strahlt auch in eine zunehmend düstere Landschaft hinein. Wenn Janetzky darauf angesprochen wird, seufzt er tief, dann redet er über schwindenden Nachwuchs, abgewanderte Sponsoren, schlechte Trainingssteuerung im DLV und die bescheidenen Tokio-Spiele, wo sich die Geschichtenerzähler nicht gerade aufdrängten, ehe er wieder bei seinem Kerngeschäft landet. "Man bräuchte eigentlich eine deutsche Meeting-Serie", sagt er, mit vier, fünf der gar nicht mehr so zahlreichen Meetings in Deutschland, von Rehlingen bis Regensburg. Die müsste man zu "einer Art deutschen Golden League aufbauen. Da ist auch der Dachverband gefordert", findet Janetzky, um noch bessere Schaufenster zu schaffen.

Aber jetzt steht erst mal das Jubiläum an, mit Prominenz wie Hürdenläufer Karsten Warholm, Hochspringerin Marija Lassizkene, den Para-Athleten Johannes Floors und Niko Kappel - und übrigens zwei deutschen Diamond-League-Gesamtsiegern: Sowohl Johannes Vetter (89,11 Meter) als auch Christin Hussong (65,25) gewannen am Donnerstagabend in Zürich ihre Finals, jenes Speerwurf-Favoritenduo, das in Tokio noch krachend gescheitert war. Unter Marketing-Gesichtspunkten: auch ganz nett.

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