Leichtathletik:Sein Körper hatte andere Pläne

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Leichtathletik: Nicht nur in der Staffel hat Johannes Trefz - hier bei der WM in Yokohama - viele Erfolge gefeiert - zu Olympia brachte sie ihn am Ende nicht.

Nicht nur in der Staffel hat Johannes Trefz - hier bei der WM in Yokohama - viele Erfolge gefeiert - zu Olympia brachte sie ihn am Ende nicht.

(Foto: DRP/Beautiful Sports/Imago)

Der 400-Meter-Sprinter Johannes Trefz, 30, hat seine Karriere nach zahlreichen Verletzungen beendet. Seine letzten großen Ziele - die Olympischen Spiele in Tokio und die Heim-EM in München - blieben unerreicht. Verarbeitet hat der mehrfache deutsche Meister das noch nicht.

Von Andreas Liebmann, München

Puchheim also. Johannes Trefz' Stimme klingt jetzt wieder klarer. Eben hat sie einige Male versagt am Telefon, als ihn die Gefühle übermannten. In einem leeren Stadion in Puchheim, Kreis Fürstenfeldbruck, hat Johannes Trefz aufgehört, ein Leistungssportler zu sein. Er, den seine internationale Karriere zu Europameisterschaften nach Bydgoszcz und Cheboksary geführt hat, nach Lille und Amsterdam, zur Staffel-WM auf die Bahamas und nach Yokohama. In Puchheim realisierte er binnen Sekunden, was nun geschehen würde. Während sein Körper noch tat, was ein Leistungssportkörper eben tut am Ende eines Tempolaufs, der ihn humpelnd ins Ziel brachte - Puls senken, ausschwitzen, erste Informationen zur Schmerzquelle ans Gehirn leiten -, da wusste der Kopf bereits: "Das war's."

Es ging dann alles ganz schnell. Trainer und Verein informieren - für alle sei es ein Schock gewesen; dem Bundestrainer Bescheid geben; einen Post absetzen auf Instagram: "Es tut weh, ohne mein gewünschtes Happy End, nach fast 15 Jahren auf der Rundbahn, dem Leistungssport Good Bye zu sagen!", schrieb er. Der 30-Jährige wählte ein Foto, das ihn, den Zweimetermann, im Sportshirt vor dem olympischen Zeltdach in München zeigt. Auch dorthin, zu den European Championships im August, wird ihn seine Karriere nicht mehr führen. Dabei hätte dort das erwähnte Happy End stattfinden sollen. Alles habe er dafür getan, dort starten zu können. "Doch mein Körper hatte andere Pläne."

Johannes Trefz, geboren in Starnberg, dreimal deutscher 400-Meter-Meister, hat sich am Ende keine Zeit mehr gelassen damit, die Karriere zu beenden. Zeit, die nichts mehr verändert hätte, die er aber sicher noch gebraucht hätte, um selbst zu verstehen, was er da zu verkünden hat. Doch die deutschen Meisterschaften standen unmittelbar bevor, von denen er seit Puchheim wusste, dass er sie wegen einer Muskelverletzung verpassen würde, und mit ihr seine letzte Chance zur EM-Teilnahme. All den Fragen in Berlin, wo er denn stecke, wollte Trefz mit seinem Statement zuvorkommen. Seitdem ist also offiziell all das zu Ende, was mal seine Träume waren, was sein Leben bestimmt hat seit dem Kindesalter: "Das ist schwer zu akzeptieren."

Leichtathletik: Abschied mit Wehmut: Trefz beendet seine Laufbahn wegen einer neuerlichen Verletzung und muss die anvisierte EM im August in München absagen.

Abschied mit Wehmut: Trefz beendet seine Laufbahn wegen einer neuerlichen Verletzung und muss die anvisierte EM im August in München absagen.

(Foto: Franz Waelischmiller/Sven Simon/Imago)

Verletzungen zur falschen Zeit sind ihm nicht zum ersten Mal dazwischengekommen. Schon 2019, auf dem Weg zu den deutschen Meisterschaften, war das so. Dann kam die Pandemie mit ihren frustrierenden Lockdowns. Die Absage der Olympischen Spiele für 2020, auf die er alles akribisch ausgerichtet hatte. Eine Achillessehnenentzündung. Dazu die Angst, den Sportförderstatus bei der Bundeswehr zu verlieren. "Es war eine schreckliche Zeit", sagte er vor gut einem Jahr im Rückblick, doch damals war er schon wieder sehr optimistisch. Wollte Tokio 2021 über die Staffel-WM in Chorzow erreichen (was nicht klappte). Oder über eine Staffel-Bestzeit. Doch dann zwickte es beim Aufwärmen für die wichtige Regensburger Gala - er musste passen. Versuchte dann beim internationalen Meeting in Luzern nachzuweisen, dass er rechtzeitig fit geworden war, um noch aufzuspringen auf den Zug nach Tokio - stattdessen wurde er mit Schmerzen Letzter. "Es war eins der größten Rennen, bei denen ich je gelaufen bin, Topfeld, Topbedingungen - nur für mich war es eine große Niederlage", erinnert er sich.

Soviel zu Tokio. Als die Spiele dort liefen, sei er in Bestform gewesen, sagt er, aber eben nicht, als es um die Qualifikation ging. "Das war sehr hart für mich, ich bin in ein Loch gefallen."

Trefz flog aus der Sportfördergruppe.

Darin, dass sich die ganze Sache vor der Heim-EM in München auf tragische Art wiederholte, sieht er inzwischen mehr als Verletzungspech. "Es war ein schleichender Prozess, aber ich war nicht mehr mit Freude dabei. Ich habe immer eine Bringschuld gespürt. Und hatte das Gefühl: Ich hab es verdient, bei Olympia dabei zu sein! Ich war doch jahrelang der beste deutsche 400-Meter-Sprinter." Gut möglich, dass selbst dieser muskelbepackte Körper einfach nicht mitmachen wollte bei all dem Druck, dass eine Kniekehlenreizung eher "Ausdruck meiner Gestresstheit" war.

Die EM im Olympiastadion sollte alles zum Guten wenden. Und die Voraussetzungen waren nun andere: Der studierte Biologe arbeitet inzwischen Vollzeit bei einem Biotech-Unternehmen. "Das hat mir die Sicherheit gegeben, dass nicht wieder die ganze Welt zusammenbricht, wenn es im Sport nicht läuft oder ich nicht weiß, wie ich dann die Miete zahlen soll." Auch der Sponsor seines TSV Gräfelfing blieb ihm treu. Mit seinen langjährigen Trainern Peter Rabenseifner und Korbinian Mayr konnte Trefz nun alles frei gestalten, auch die Trainingslager. Zum Bundeskader zählte er nicht mehr. "Ich war in Topform, alles lief leicht. Bis Ostern war ich der festen Überzeugung, dass ich es schaffe."

Im Mai kam erneut eine Muskelverletzung.

Im Nachhinein war sie "der K.-o.-Schlag". Wieder die wichtigste Saisonphase verpasst. Wieder Ausheilen gegen die Uhr, Rantasten an den Schmerz. Dann ein erster Rückkehrversuch in der Schweiz - diesmal bei einem kleinen Meeting: "Sechs Wochen ohne Spikes, und ich war so froh, dass ich keine Schmerzen mehr hatte." Die mäßige Laufzeit war ihm egal. Doch sie wurde danach schlechter statt besser. Trefz lief noch in Schonhaltung. Die Läufe in Puchheim waren sein Versuch, das abzulegen, stattdessen verletzte er sich erneut. Als die EM-Chance dahin war, wusste Trefz: "Ich hab keine Ziele mehr." Keine, die es wert wären, weiterhin auf so vieles im Leben zu verzichten.

Während der EM wird er nicht in München sein: Der Schmerz wäre zu groß

Trefz' Gräfelfinger Trainingskollege Michael Adolf nutzte bei den deutschen Meisterschaften die Abwesenheit vieler Favoriten zum Titelgewinn. "Das freut mich riesig", versichert Trefz. Zugesehen hat er nicht. Nach "heftigen Jahren" brauche er Abstand, erklärt er. Eine dieser Stellen, an denen die Stimme brüchig wird. Auch während der EM werde er nicht in München sein. Auch dieser Schmerz wäre zu groß.

Trefz nimmt sich Zeit für Worte des Danks, an die Trainer und Konkurrenten, Ärzte und Physios, den Verein, dem er nach der erfolgreichen Zeit bei der LG Stadtwerke München und seinem Wechsel Ende 2018 nie das zurückgeben konnte, was er sich erhofft hatte. Bei Freundin und Familie, denn in all seinen Verletzungsphasen sei es sicher nie leicht mit ihm gewesen. Und bei so vielen, die nun auf seinen Abschied reagiert haben. "Alle Wünsche sind angekommen", lässt er sie wissen - und dass es ihn freue, dass er offenbar so viele hat mitnehmen können auf seine Reise.

Auf Johannes Trefz warten nun viele freie Wochenenden. Für dieses hat er alte Weggefährten zum Grillen eingeladen, Tobias Giehl, Laurin Walter, die ihre Langsprint-Karrieren schon früher wegen Verletzungen aufgeben mussten. "Jetzt hab ich es auch geschafft", sagt Trefz mit traurigem Lächeln. Die Freunde können ihm nun zeigen, wie das geht: Trotzdem stolz zu sein, auch wenn manche Träume unerfüllt blieben. Vielleicht wird es ein Happy End am Grill.

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