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Pokalsieg von Leicester City:Heuler vor Zuschauern

FA Cup Final - Chelsea v Leicester City

Die Leicester-Profis Wes Morgan und Kasper Schmeichel haben den Pott. Thomas Tuchel verpasste ihn mit Chelsea.

(Foto: Matthew Childs/Reuters)

Thomas Tuchel erlebt im FA-Cup-Finale seine erste heftige Enttäuschung mit Chelsea. Beim Sieger Leicester City fließen Tränen - emotional gestaltet sich auch die Rückkehr der Fans in Wembley.

Von Jonas Beckenkamp

Für einen Abend war er also zurück, der vor-pandemische Fußball, das Spektakel mit echten Fans in der Arena. Die Geräuschkulisse, die Gesichter, die Emotionen, ja: die Normalität. Und es fühlte sich gut an für die meisten Anwesenden - nur nicht für Thomas Tuchel. Der Coach des FC Chelsea hätte auf die Besucher auf den Rängen sicher gerne verzichtet, wenn er dafür am Ende Pokalsieger geworden wäre. Aber so hatte es das Drehbuch dieses explosiven FA-Cup-Endspiels nicht vorgesehen.

Das 0:1 (0:0) gegen Leicester City in Wembley bedeutete für Tuchel seine erste heftige Enttäuschung als Trainer der "Blues". In der Liga ging es bis auf eine kürzliche Derby-Pleite gegen Arsenal stetig nach oben, in der Champions League coachte der Pragmatiker Tuchel seine Elf ins Finale - nun aber verpasste er vor 20 000 Zuschauern seinen ersten Titel auf der Insel.

Bei Leicester dagegen schlugen die Emotionen um sich, bei Fans und -Spielern kullerten nach dem ersten Pokaltriumph der Vereinsgeschichte die Tränen. Möglich gemacht hatte dies ein sogenannter "Screamer" des Belgiers Youri Tielemans, 24, nach einer guten Stunde. So nennen sie im Vereinigten Königreich einen punktgenauen Hammer ins Kreuzeck. Tatsächlich war Tielemans mit rechts ein Kunstwerk gelungen, an das sie sich in Leicester lange erinnern werden.

Tuchel erinnerte sich hinterher aber erst einmal an einen umstrittenen Entscheid des Videoschiedsrichters. Der hatte kurz vor Abpfiff den vermeintlichen Ausgleich wegen einer kniffligen Abseitsposition aberkannt, sich aber vorher bei einem Leicester-Handspiel nicht eingeschaltet. "Die Spieler haben sofort gesagt, das war Handspiel", ärgerte sich Tuchel. "Zum zweiten Mal in Serie gibt es Hand zu unseren Ungunsten, und der VAR greift nicht ein."

Ähnlich war es zuletzt auch in der Liga gelaufen, erinnerte sich der 47-Jährige mit einiger Empörung. "Gegen Arsenal war es auf der Linie, und heute wieder eine Hand-Entscheidung, die sind wirklich folgenreich." So blieb ihm nur der Frust über eine weitere Niederlage zu einem vermaledeiten Zeitpunkt. "Wir sind enttäuscht, aber nicht sauer über die Vorstellung der Jungs", erklärte Tuchel. Und irgendwie hatte er recht, als er meinte: "Ich glaube, die Leistung war gut genug, um zu gewinnen."

Tuchel hatte in Timo Werner und Antonio Rüdiger wieder zwei Profis aus dem DFB-Kosmos aufgeboten (Kai Havertz wurde eingewechselt), lange bestimmte sein Team so das Spiel, aber Leicester verteidigte emsig - und gewann dank der Führung an Sicherheit. In der Schlussphase hielt Leicester-Torwart Kasper Schmeichel schließlich stark gegen Chelseas Youngster Mason Mount. Danach folgte die Szene, die Tuchel so aufbrachte: ein Treffer von Ben Chilwell zählte nicht, weil der frühere Leicester-Profi bei der Ballannahme im Abseits gewesen sein soll - Millimeter eben.

Für Leicester waren es die entscheidenden zu einem sentimental aufgeladenen Sieg. Viele Beteiligte zeigten sich bewegt in Erinnerung an den ehemaligen Klubinhaber Vichai Srivaddhanaprabha. Der thailändische Mäzen hatte die "Foxes" im vergangenen Jahrzehnt überhaupt erst groß gemacht, ehe er 2018 bei einem Hubschrauberabsturz neben dem Stadion ums Leben kam.

Srivaddhanaprabhas Einstieg bei Leicester änderte 2010 das Schicksal des Vereins, dank seiner Investitionen entstieg City der jahrelangen Graumäusigkeit und bastelte sich 2016 ein modernes Fußballmärchen mit dem Titelgewinn in der Premier League. "Ich habe davon geträumt, seit ich ein Kind bin", stammelte Kapitän Schmeichel beim Sender BBC überwältigt nach dem Pokalgewinn.

Als er den Cup von FA-Präsident Prinz William übergeben bekam, schrien mehrere Tausend Fans ihre ganze Freude hinaus. Dass sie überhaupt dabei sein durften, hatten sie einem Testprogramm zur Rückkehr von Zuschauern bei Kultur- und Sportevents zu verdanken. Aber mit dem Abstandhalten wurde es emotionsbedingt dann etwas schwierig auf der Tribüne.

Thomas Tuchel konnte sich am Ende nur damit trösten, dass es für Chelsea schon in dieser Woche die Chance zur Revanche gegen Leicester gibt. Am vorletzten Liga-Spieltag begegnet man sich am Dienstag erneut, diesmal an der Stamford Bridge. Und mit einem Sieg könnte Tuchel seinen Klub immerhin der Champions-League-Qualifikation deutlich näher bringen. Er steht da mehr unter Druck als Leicester - die sind aktuell noch Dritter der Tabelle.

© SZ/schm
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