Tennisspieler Stefanos Tsitsipas:Lästern über den US-Open-Sieger

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Erst zwei Jahre alt und doch schon historisch: Von den sechs Männern, die 2019 in Genf vor dem Beginn des Laver Cups posierten (vorne von links: Rafael Nadal, Fabio Fognini, Alexander Zverev und Roger Federer; hinten: Stefanos Tsitsipas und Dominic Thiem) sind diesmal in Boston nur zwei dabei - der Grieche Tsitsipas und der Hamburger Zverev.

(Foto: Clive Brunskill/Getty)

Stefanos Tsitsipas hat sich in dieser Saison mit vielen der europäischen Kontrahenten angelegt - zuletzt mit Daniil Medwedew und Alexander Zverev. Mit denen will er nun den Laver Cup gewinnen, doch die Stimmung ist angespannt.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Und da ist sie schon, die erste Stichelei vor dem Laver Cup. Der Tennis-Kontinentalkampf, sportlich eher drittrangig, zieht seinen Reiz aus spannenden Einblicken in die Köpfe der Spieler, wenn sie etwa bei Seitenwechseln miteinander debattieren; und aus der (in Anlehnung an den Ryder Cup im Golf etwas konstruierten) Rivalität zwischen Akteuren aus Europa und dem Rest der Welt - ein wenig Zunder vor dem Beginn am Freitag in Boston kann also schon allein aus Vermarktungsgründen nicht schaden.

Nun, und das ist dann doch interessant: Es kabbeln sich nicht die alten Rivalen Björn Borg (Trainer Europa) und John McEnroe (Team Welt) und es pöbelt auch nicht der Australier Nick Kyrgios gegen einen möglichen Kontrahenten, sondern: Stefanos Tsitsipas (Griechenland) lästert über Mitspieler Daniil Medwedew (Russland).

Die Europäer sind hochhaushoch favorisiert, selbst ohne die großen Drei (Novak Djokovic, Roger Federer, Rafael Nadal) schicken sie die Weltranglistennummern zwei bis sechs (Medwedew, Tsitsipas, Alexander Zverev, Andrej Rublew und Matteo Berrettini) plus Casper Ruud (Rang zehn) ins Rennen. Die Weltauswahl ist mit Kyrgios (95), Denis Shapovalov (zwölf), Diego Schwartzman (15), Felix Auger-Alliassime (elf) sowie den Amerikanern Reilly Opelka (19) und John Isner (22) nur Außenseiter - auch wegen des Formats: Es gibt an den drei Turniertagen je drei Einzel und ein Doppel; am Freitag für einen, am Samstag für zwei und am Sonntag für je drei Punkte. Es heißt, dass sich Team Europa nur selbst schlagen könne, wenn es sich zum Beispiel selbst zerfleischt, weil sich ein paar der Protagonisten nun wirklich nicht leiden können.

Tsitsipas stichelt gegen seinen Mitspieler Medwedew: "Es überrascht mich, dass er mit dieser Spielweise so erfolgreich ist."

"Ich würde jetzt nicht sagen, dass sein Spiel langweilig ist - eher eindimensional", sagte Tsitsipas dem TV-Sender Ant1: "Es überrascht mich, dass er mit dieser Spielweise so erfolgreich ist." Zur Erinnerung: Medwedew hat gerade die US Open gewonnen und dabei nur einen Satz abgegeben, im Endspiel besiegte er den als unbesiegbar geltenden Novak Djokovic mit einer spielerisch-taktischen und auch mentalen Meisterleistung. Also: Ist Tsitsipas durchgedreht - oder versucht er gerade absichtlich, zum unbeliebtesten Profi auf der Männertour zu werden? Er befindet sich auf jeden Fall auf dem Weg zum Einsiedler gerade.

Laver Cup 2021 - Preview Day 3

Gegner aus dem eigenen Team: US-Open-Sieger Daniil Medwedew and Alexander Zverev hatten zuletzt nicht viel Nettes über Stefanos Tsitsipas zu sagen.

(Foto: Adam Glanzman/AFP)

Seine eigenen US Open nämlich verliefen desaströs: In der ersten Runde beschwerte sich Andy Murray über einen der ausgedehnten Toilettenbesuche von Tsitsipas. Es entstand eine Debatte über das Reglement, aber auch ums Fairplay von Tsitsipas: Braucht der einfach lange beim Umziehen? Will er den Gegner aus dem Rhythmus bringen, tauscht er sich gar per Handy mit Vater Apostolos aus, wie es zum Beispiel Zverev andeutete?

Interessant dabei: Der Grieche scherte sich nicht um die Vorwürfe der Gegner - über Murray sagte er: "Die Gefühle meines Gegners sind nicht wirklich meine Priorität da draußen auf dem Platz." Und über Zverev: "Das sagt jetzt schon was übers Niveau der Person aus."

Die Fehde mit Medwedew dauert schon drei Jahre - seit Tsitsipas ihn einen "bullshit russian" geschimpft hat

Defensiv wurde er erst, als er bemerkte, dass ihn die New Yorker nicht mehr als den coolen Hipster sahen, den er so gerne gibt, sondern als unsportlichen und unfreundlichen Typen, der Schiedsrichter beleidigt (bei den US Open 2019 nannte er Damien Dumusois einen "Spinner - weil du ein Franzose bist wahrscheinlich"), Ballkindern respektlos begegnet und sich mit den Gegnern streitet. Die Fehde mit Medwedew dauert schon drei Jahre, seit Tsitsipas ihn in Miami einen "bullshit russian" geschimpft hatte. Seitdem ist das Verhältnis unterkühlt, obwohl die Eltern gut befreundet sind (Tsitsipas' Mutter ist Russin) und Medwedew meist sarkastisch-gelassen reagiert, wenn er auf Tsitsipas angesprochen wird. Die Bilanz gegen den Griechen: 6:2.

Wahrscheinlich ist es genau das, was Tsitsipas so kolossal nervt: Technisch ist er, wie Kyrgios sagt, "polished", also ohne Makel, es ist Tennis aus dem Lehrbuch. Wie kann er gegen einen wie Medwedew verlieren, der seine Vorhand eingesprungen-rotierend peitscht? Gegen Berrettini mit diesem Rückhand-Slice? Gegen Zverev, der hin und wieder mit dem Aufschlag hadert? Gerade bei großen Turnieren? In Australien verlor er glatt gegen Medwedew, in Paris gab er im Finale eine 2:0-Führung gegen den körperlich wie mental stärkeren Djokovic her, in Wimbledon scheiterte er in Runde eins am wilden Amerikaner Frances Tiafoe und im Cincinnati-Endspiel an Zverev.

Bei den US Open kürzlich wirkte er nicht mehr wie dieser lockere Teenager mit langen Haaren und spannendem Instagram-Account, als der er vor ein paar Jahren bekannt wurde. Er wirkte: verbissen, genervt. "Die sind nicht besser als ich", sagte er nun über den fehlenden Grand-Slam-Titel, er ist 23 Jahre alt, der Triumph von Medwedew belastet ihn offenbar: "Die haben bei den Turnieren nur besser abgeliefert." In New York verlor er gegen den 18-jährigen Spanier Carlos Alcaraz, der unbeschwert aufspielte, während Tsitsipas, auch eingeschüchtert vom Publikum, völlig verkrampfte.

Blicke hinter die Kulissen sind erlaubt: Beim Laver Cup werden Interaktionen in den Katakomben und beim Seitenwechsel gezeigt

Tennis lebt davon, dass hochneurotische Rivalen den anderen Turniersiege klauen wollen - das Mano-à-Mano-Duell auf dem Platz wird durch Kabbeleien abseits davon nur noch interessanter. Nur: Tut sich Tsitsipas wirklich einen Gefallen, wenn er vor diesem spaßigen Teamevent gegen den US-Open-Sieger lästert? So was ist dann eher ein Zeichen von Schwäche, und einer wie Medwedew, für den Tennis mindestens so psychisch wie körperlich ist, dürfte derlei mit einem schelmisch-sarkastischen Grinsen registrieren.

Mindestens so packend wie die Partien selbst dürfte also der Umgang der europäischen Spieler untereinander sein - beim Laver Cup werden Interaktionen in den Katakomben und beim Seitenwechsel gezeigt. Was werden ihm Zverev und Medwedew einflüstern, und wird Tsitsipas so was als eindimensional abtun? Das Duell zwischen Europa und der Welt mag sportlich nicht unbedingt spannend werden, dramatisch dürfte es dennoch sein.

© SZ/mp/ska/and
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