Laura Dahlmeier Zurück ins Tal

Das war’s: Biathletin Laura Dahlmeier bei der WM in Östersund.

(Foto: Sven Hoppe/dpa)

"Platz für neue Abenteuer": Laura Dahlmeier, 25, hört wegen mangelnder Motivation mit dem Biathlon auf

Von Volker Kreisl

Ziele hätte es schon noch gegeben. Laura Dahlmeier hätte noch Rekordweltmeisterin werden können, sechs weitere Titel wären in den nächsten Jahren locker drin gewesen. Oder auch ein Weltcuprekord für alle Zeiten: Dahlmeier ist doch noch so jung. Ein Denkmal hätte sie sich setzen können. Eine Bestmarke wie die Siegsammlung ihres norwegischen Kollegen Ole Einar Björndalen, oder des schwedischen Alpinhelden Ingemar Stenmark! "Dahlmeier" - auch dieser Name wäre ein Synonym geworden für Erfolg, er wäre vielleicht noch Jahrzehnte lang im Wintersport gefallen.

Aber irgendwie hat sie auf so etwas keine Lust.

Laura Dahlmeier, die siebenmalige Biathlon-Weltmeisterin und zweimalige Olympiasiegerin, hat am Freitag das Ende ihrer Karriere bekanntgegeben. Jene Ziele, erklärte sie auf ihrer Facebook-Seite, "für die man alles in die Waagschale werfen würde", könne sie in ihrem Sport nicht mehr erkennen. Es sei Zeit, Platz zu schaffen "für neue Abenteuer".

Lob und Ruhm hat sie weniger gereizt - es war eher die Suche nach eigenen Grenzen

Die Nachricht überrascht zunächst alle Beobachter, denn Dahlmeier hat trotz ihrer heftigen Formkrise im vergangenen Herbst zuletzt zwei WM-Bronzemedaillen geholt. Ihr Körper war also auf dem Weg zu gewohnter Fitness. Ein weiterer Trainingsaufbau, und sie wäre wohl wieder ganz die Alte gewesen. Was ihr aber dauerhaft fehlen wird, das stellt Dahlmeier ja nun klar, ist die ungetrübte Motivation. Lob von außen, Ruhm und Pokale scheinen Dahlmeier weniger zu bedeuten, womit sich wiederum die Frage stellt, welche Art von Antrieb sie mit 25 Jahren so weit gebracht hat.

Bernhard Kröll, ihr Heimtrainer, hatte einmal erzählt, wie früh sie schon besonderen Ehrgeiz für ihren Sport entwickelt hatte. Wie gewissenhaft sie Trainingseinheiten absolvierte, Vorgaben befolgte und wohl auch früher als viele andere Talente ihr Training selbst gestaltete. Abends hatte sie als Biathlonschülerin Trockenschuss-Übungen im Kinderzimmer absolviert, wobei das metallische Hämmern des Schlagbolzens durch das Haus hallte, und die Nerven der Eltern an die Grenzen brachte.

Doch Dahlmeier schuf damit auch eine Grundlage, die äußerst selten ist im Biathlon. Meistens beherrschen Talente anfangs nur eine von beiden Disziplinen sehr gut. Dahlmeier war ab 2013 von Beginn an im Weltcup eine solide Läuferin und eine starke Schützin. Erstmals fiel sie auf, als sie bei der WM in Nove Mesto die kriselnde Staffel zwischenzeitlich an die Spitze führte, 2015 wurde sie dann erstmals Weltmeisterin, 2017 gewann sie in Hochfilzen/Österreich fünf von sechs WM-Titeln - bis auf den Sprint, da wurde sie um wenige Sekunden Zweite.

Damals zeigte Dahlmeier auch, dass sie sich bis zur vollkommenen Erschöpfung verausgaben kann. So sehr, wie man es wohl nur aus eigenem, übergroßem Ehrgeiz schafft, und nicht wegen äußerer Vorgaben. Dahlmeier ging in den Schlusssprints in den roten Bereich, einmal verlor sie im Ziel kurz das Bewusstsein, kam dann doch vor die Reporter, musste sich aber setzen. Die Ärzte gaben Entwarnung, Herz und Kreislauf waren in Ordnung, die Bilder von Dahlmeier, die nach großen Siegen gestützt werden musste, wiederholten sich aber.

Höchste Anstrengungen haben sie in ihren Biathlonjahren auch dann gelockt, wenn der Schnee geschmolzen war und der Sommer anbrach. Dahlmeier ist Bergsteigerin, eher der extremeren Art, wobei es aber weniger um den Vergleich mit anderen geht als um Natur, fremden Kulturen und wohl auch um Ehrgeiz, aber eher jenen, der die eigene Leistung auszuloten hilft. Dahlmeier nahm sich immer eine Auszeit, sie durchstieg die Wand des El Capitan in Kalifornien, sie war in Regionen über 5000 Metern an Höhe unterwegs, in den Anden und im Kaukasus.

So einen Gipfel stellen natürlich auch für Dahlmeier die Olympischen Spiele dar, sie waren immer eine Herausforderung, aber offensichtlich keine langfristige Faszination, die manche Sportler immer wieder in ihren Bann zieht. Schon ihre Trainingskollegin in Garmisch-Partenkirchen, die Rekordweltmeisterin Magdalena Neuner, hatte ein Jahr nach ihren ersten Spielen das Karriereende angekündigt, sie war ebenfalls 25 Jahre alt, sie empfand Olympia eher als Stress denn als Begegnung. Dahlmeier äußerte sich nicht in dieser Art, und trotzdem wirkte sie 2018 Pyeongchang eher konzentriert als fasziniert - wie auch, auf den Rängen saßen ja so gut wie keine Zuschauer.

Dennoch, im ersten Rennen, dem Sprint, gewann Dahlmeier damals Gold - mit jener Willensleistung, jener Konzentration, die sie immer wieder einstudiert hatte, im Kinderzimmer, im Wettkampf oder auch in der Felswand. Einer von zehn Treffern hatte ihr damals zur ersten olympischen Goldmedaille gefehlt, hätte Dahlmeier verfehlt, wäre der Titel verloren gewesen. Immer wieder setzte sie neu an, visierte die Scheibe an - und traf schließlich.

Ein Olympiasieg folgte noch, dazu eine Bronzemedaille, aber schon recht bald war klar, dass Dahlmeier nach den Spielen auf dem Weg vom Gipfel zurück ins Tal war. Sie wollte sich Zeit nehmen, fiel in ein Formtief und in Leistungssportzweifel, die sie nun doch nicht mehr los wurde. Nach allem, was man von Laura Dahlmeier weiß, steht der nächste Anstieg bald bevor. Nur eben nicht mehr im Spitzensport.