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Fußball-Ermittlungen:Befangen in Bern

Der Mann, der alles im Griff hat - sogar die Schweizer Justiz: Fifa-Präsident Infantino.

(Foto: AFP)

Der Sommermärchen-Prozess ist nur eines von vielen geplatzten Fußball-Verfahren in der Schweiz. Hat das Scheitern System?

Anfang der Woche ist im kleinen Städtchen Bellinzona ein Prozess geplatzt, der Aufsehen erregt hatte über die Grenzen der ja auch nicht so großen Schweiz hinaus: der "Sommermärchen"-Prozess. Franz Beckenbauer, die Fußball-WM 2006 in Deutschland, ein mysteriöser Kredit und verschobene Millionen - darum war es gegangen. Auch für die Bundesanwaltschaft in Bern war das kein alltägliches Verfahren. Die BA, die oberste Ermittlungsbehörde der Schweiz, sitzt an rund zwei Dutzend Ermittlungen zu den Untiefen des internationalen Fußballs - aber das "Sommermärchen" war ihr mit Abstand prestigeträchtigster Fall.

Mehr als vier Jahre lang wurde ermittelt. Nun ist alles verjährt. Blöd gelaufen - oder hat das Scheitern System?

Das Echo für die Schweizer Justiz ist jedenfalls verheerend. Die Aufsichtsbehörde über die Bundesanwaltschaft, kurz: AB-BA, zeichnet in einem Disziplinarreport auf gleich 48 Seiten ein vernichtendes Bild der Zustände in der Behörde des Bundesanwalts Michael Lauber, 54. Und an einem der wenigen, kurz vor der Verjährung eilig zusammengestöpselten Verhandlungstage im März wurde auch das Bundesstrafgericht in Bellinzona deutlich: In den Ermittlungen seien "Umstände zutage" getreten, die "umfassende Beweisverwertungsverbote zur Folge haben könnten".

Staatsanwalt Pahud leitet die Ermittlungen. Seine Ehefrau arbeitet bei der Uefa

Der Eindruck, der sich aufdrängt: dass das geplatzte Sommermärchen bald nur ein Eintrag von vielen sein wird auf der langen Liste der versandeten oder vermasselten Fußball-Ermittlungen in der Schweiz.

Kürzlich erst implodierte ein weiteres Bestechungsverfahren, das einen Hauptdarsteller im Weltfußball tangierte: das Emirat Katar - und dessen einflussreichen Multifunktionär Nasser Al-Khelaifi. Auch bei diesem Verfahren lohnt es sich, die Umstände genauer zu beleuchten. Denn auch bei diesem Verfahren schwingt all das mit, was den Chefermittler Lauber inzwischen ins Zentrum eines Justizskandals gerückt hat: die (viel zu) engen Verbindungen Laubers zu Gianni Infantino, dem Präsidenten des Fußball-Weltverbands Fifa - festzumachen an mehreren Geheimtreffen der beiden, von denen sie eines angeblich vergessen haben. Die fatalen Auswirkungen dieser Kungeleien auf die Fußball-Verfahren. Und die insgesamt fragwürdige Ermittlungsarbeit der Bundesanwaltschaft, die nur mit Schlamperei und Unfähigkeit kaum zu erklären sein dürfte.

Nasser Al-Khelaifi also, 46 Jahre. Präsident eines katarischen Staatsfonds, CEO von BeIn Sports, des führenden Sportsenders der Region, sowie Präsident des millionenschweren französischen Meisterklubs Paris Saint-Germain. Lange musste Al-Khelaifi eine Anklage fürchten: Er soll den früheren Fifa-Generalsekretär Jérôme Valcke vor dessen Rauswurf 2015 im Zusammenhang mit der Vergabe von TV-Rechten bestochen haben. Von einer Villa auf Sardinien, der "Villa Bianca", wird noch die Rede sein, ein vorzügliches Objekt, wenn man jemanden bestechen will.

Die „Villa Bianca“ auf Sardinien, die der ehemalige Fifa-General Valcke nutzen durfte, während der Katarer Al-Khelaifi bezahlte.

(Foto: HO/AFP)

Aber nun, Überraschung, bleibt gegen Al-Khelaifi nur der Verdacht auf "Anstiftung zu ungetreuer Geschäftsbesorgung" übrig. Eine Lappalie im Vergleich. Zerschossen hat das Verfahren ausgerechnet der Weltfußballverband Fifa selbst - dabei ist die Fifa eigentlich ja die Geschädigte, wenn ihre TV-Rechte den Besitzer wechseln, Teile des Erlöses aber vielleicht ganz woanders landen. Doch im Januar, kurz vor der Anklageerhebung, schlossen die Fifa-Juristen plötzlich eine gütliche Einigung mit Al-Khelaifi ab. Damit konnte die BA den Bestechungsvorwurf nicht weiter verfolgen, aus formalen Gründen.

An diesem Dienstag gab die BA bekannt: Im September geht auch die Causa Al-Khelaifi/Valcke nach Bellinzona vors Bundesstrafgericht. Als abgespeckte Variante, die den Katarer nicht mehr groß sorgen muss. Und auch dieser Prozess führt nun zu neuen Irritationen rund um die BA. Im Zentrum steht - wie schon beim Sommermärchen - unter anderem die Frage, wen die Chefs der Behörde mit der Leitung dieses wichtigen Verfahrens betrauten.

Das Verfahren basierte auf einer Anzeige der Fifa Ende 2016. Eröffnet wurde es in der BA im März 2017 von Staatsanwalt Cédric Remund. Aber im September 2017 übernahm die Leitung nach SZ-Informationen sein Kollege Joël Pahud - das erscheint nun problematisch. Pahuds Ehefrau arbeitet seit 2014 in der Rechtsabteilung der europäischen Fußball-Union Uefa. Diese familiäre Konstellation birgt vielfältige Interessenskonflikte. Und zwar just in Pahuds Al-Khelaifi-Verfahren: Der Katarer ist seit Februar 2019 Vorstandsmitglied in jener Uefa, die Frau Pahud in der Rechtsabteilung beschäftigt.

Nasser Al-Khelaifi

PSG-Chef Nasser Al-Khelaifi.

(Foto: Claude Paris/dpa)

Lässt die BA ihren Staatsanwalt Joël Pahud also seit über einem Jahr das Verfahren gegen einen der Chefs seiner Frau führen? Eine ziemlich drängende Frage, die die BA aber nicht beantworten mag. "Mit Anklageeinreichung" sei "die Hoheit (...) auch über die Kommunikation zum Verfahren an das zuständige Gericht übergegangen", teilt sie auf SZ-Anfrage nur mit. Als sei es Sache des Gerichtes, sich zu konkreten BA-Ermittlungen zu äußern.

Seltsam verlief Pahuds Verfahren gegen Valcke, Al-Khelaifi sowie einen dritten, namentlich bisher nicht genannten Geschäftsmann in jedem Fall. Laut Mitteilung der BA ergaben die Nachforschungen eigentlich durchaus, dass der damalige Fifa-Spitzenmann Valcke von den Mitbeschuldigten "nicht gebührende Vorteile" erhalten haben soll. Al-Khelaifi jedenfalls habe Valcke 18 Monate lang das alleinige Nutzungsrecht für die Villa auf Sardinien überlassen: die schmucke "Villa Bianca" in Porto Cervo. Mietfrei. Geschätzter Wert des Entgegenkommens: bis zu 1,8 Millionen Euro. Von dem unbekannten Dritten erhielt Valcke insgesamt 1,25 Millionen Euro. Alle diese Nettigkeiten sollen im Kontext der Vergabe von TV-Rechten stehen.

Die Beschuldigten bestritten jedes Fehlverhalten, im Dezember 2019 kam es zu ihrer Schlusseinvernahme. Und dann das: Wochen später einigte sich die Fifa außergerichtlich mit Al-Khelaifi - weitere Details sind unbekannt. Und die BA musste ihre Bestechungsvorwürfe gegen den Katarer einstampfen. Sie gelten nur noch für die Beziehung zwischen Valcke und dem dritten Geschäftsmann. Bei Al-Khelaifi bleibt nur Anstiftung zu ungetreuer Geschäftsbesorgung, da Valcke seine Vorteile nicht der Fifa gemeldet habe.

Ex-Fifa-General Jérôme Valcke.

(Foto: Fabrice Coffrini/AFP)

Erleichterung allenthalben im Umfeld von Al-Khelaifi - und womöglich auch in der Uefa-Rechtsabteilung?

Nachfrage: Hat die BA unter dem Ermittlungsführer Pahud die befremdliche Einigung der Fifa mit Al-Khelaifi je begutachtet? Immerhin ist dies ja kein Privatstreit: Die Fifa hat in den diversen BA-Fußball-Verfahren eine Stellung als Privatkläger und "Opfer" inne - muss sie da nicht alles zur Aufklärung beitragen? Oder darf sie im stillen Kämmerlein dealen und so de facto die Aufklärung jener Vorgänge verhindern, die sie angeblich beklagt? Die BA schweigt auch dazu, wie zu der drängenden Frage, ob sie die Fifa überhaupt noch als "Opfer" behandeln kann.

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