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Las Vegas:Goldene Ritter in schwierigen Zeiten

Arizona Coyotes v Vegas Golden Knights

Feierlicher Moment ohne viel Glitzer: Die Vegas Golden Knights gedenken bei ihrer Premiere in der Eishockey-Liga NHL auch der Opfer des Anschlags vom 1. Oktober.

(Foto: Ethan Miller/AFP)

Die Golden Knights tragen rund um ihr Debüt in der Eishockey-Liga NHL zumindest zur Trauerbewältigung nach dem Massaker bei.

"Viva Las Vegas", natürlich - welches Lied hätten sie sonst spielen sollen vor dem ersten Heimspiel der Vegas Golden Knights? Der kürzlich gegründete Eishockeyklub gehört von nun an zur sündigen Stadt in der Wüste von Nevada wie 1000 hübsche Frauen, Blackjack-Tische und Zahlungsunfähigkeit am Ende des Besuchs; das behauptet zumindest Elvis Presley in seiner Hommage an Las Vegas. Viele Beobachter haben erklärt, warum Profisport nicht funktionieren kann an einem Ort, an dem 1000 hübsche Frauen und Blackjack-Tische die Besucher locken und wegen der im Großteil der USA verbotenen Sportwetten stets die Zahlungsunfähigkeit droht. Am Ende dieser Woche und nach dem ersten Heimspiel ist zu sagen: Die Stadt hat nichts dringender gebraucht als die Ankunft der goldenen Ritter.

Vor "Viva Las Vegas" war es am Dienstagabend 58 Sekunden lang still gewesen in der Arena direkt neben der berühmten Glitzermeile. Die 18 191 Zuschauer gedachten der Opfer des Massakers vom 1. Oktober. Die Namen der 58 Todesopfer wurden während des Schweigens aufs Eis projiziert, auf den Videoleinwänden und den Banden war keine Werbung zu sehen, nur der Trost spendende Slogan "Vegas Strong". Nach dem Lied kamen Überlebende des Attentats aufs Eis, begleitet von Polizisten und Krankenschwestern; sie ließen zu Spielbeginn gemeinsam den Puck fallen.

"Wir wollten so stark sein wie die Bewohner der Stadt", sagt der Verteidiger Deryk Engelland

Die Golden Knights erzielten vier Treffer in den ersten zehn Minuten, sie gewannen 5:2 gegen die Phoenix Coyotes und sind auch nach drei Partien der gerade gestarteten Spielzeit in der nordamerikanischen Profiliga NHL unbesiegt. "Es gibt so viele Helden in dieser Stadt", sagt Verteidiger Deryk Engelland, der seit 14 Jahren in Las Vegas lebt: "Ein Sieg war das Mindeste, was wir tun konnten. Wir wollten so stark sein wie die Bewohner dieser Stadt."

Sportklubs nehmen in der jüngeren amerikanischen Geschichte eine bedeutende Rolle bei der Verarbeitung von Tragödien ein. Der 30. Oktober 2001, als der damalige US-Präsident George W. Bush den ersten Wurf bei einem Baseballspiel der New York Yankees ausführte, gilt vielen Bewohnern noch heute als der Tag der Rückkehr zur Normalität. Am 25. September 2006 gaben die Footballer der New Orleans Saints ein emotionales Comeback im renovierten Superdome, in dem viele Menschen beim Hurrikan Katrina im Jahr zuvor Zuflucht gefunden hatten. Fünf Tage nach dem Bombenanschlag auf den Boston-Marathon im April 2013 rief der Baseballprofi David Ortiz den Menschen im Fenway Park zu: "This is our fucking city!"

Viele Menschen stellen dem Kurznamen Vegas ein "fucking" voran und lassen danach ein "Baby" folgen. Das sind die Leute, die diese Stadt aus Büchern wie "Fear and Loathing in Las Vegas" oder Filmen wie " Ocean's Eleven" und " The Hangover" kennen, sich ein Wochenende lang von 1000 hübschen Frauen und Blackjack-Tischen verführen lassen und angesichts der Zahlungsunfähigkeit am Ende des Besuchs schwören, nie wieder zurückzukehren in diese verdammte Stadt - bis zum nächsten Mal ein paar Monate später. Kann ein Sportteam an so einem Ort existieren, kann es eine Identität entwickeln?

Der Milliardär Bill Foley möchte genau das herausfinden. Er hat 500 Millionen Dollar Aufnahmegebühr an die NHL bezahlt und die erst vor einem Jahr eröffnete Arena neben dem Las Vegas Boulevard für die Heimspiele gemietet. Beim sogenannten Expansion Draft durfte der neue Klub 40 Akteure von den anderen 30 Mannschaften wählen, allerdings nicht die besten. Die Golden Knights bekamen also eher mittelmäßige Profis, der 32 Jahre alte Torwart Marc-André Fleury ist als dreimaliger Stanley-Cup-Gewinner der einzig prominente. Die Playoff-Teilnahme wäre ein Erfolg für das zusammengewürfelte Team.

"Wir haben uns schnell gefunden", sagt der Flügelspieler James Neal: "Wir leben alle in der Nähe des Trainingsgeländes, wir treffen uns häufig zum Abendessen oder zum Spielen mit den Kindern." Es sei sofort eine Gemeinschaft unter den Spielern entstanden, die sich vielleicht auch auf die Leistungen auf dem Eis auswirke. "Es gibt hier nicht nur diese Glitzermeile mit Hotels und Casinos. Es gibt nicht nur Leute, die schnell mal kommen und nach der Party wieder abhauen", sagt Neal: "Es gibt Menschen, die hier leben." Polizisten, Krankenschwestern - aufgrund des Massakers haben die Leute außerhalb der Stadt bemerkt, dass es in und um Las Vegas mehr als zwei Millionen Menschen gibt, die dieses Gebilde in der Wüste am Laufen halten.

Die Profis sind keine Helden - aber sie waren da in einer Zeit, in der sie da sein mussten

Die Knights hatten für das erste Heimpsiel ein fantastisches Spektakel mit Feuerwerk, Tänzern und Zauberern geplant, was aufgrund des Attentats abgesagt wurde. Es gab eine Kurzdarbietung der Varietéshow Cirque du Soleil, ansonsten die erhabenen Schweigesekunden und ein packendes Eishockeyspiel, das genügte völlig. So zynisch das klingen mag: Die Golden Knights sind durch den Umgang mit dem Attentat zu einem Teil dieser Stadt geworden. Sie haben den Helfern viele Tickets für künftige Spiele geschenkt, haben Verwundete in Krankenhäusern besucht und Fotos mit den Menschen gemacht, die darauf warteten, Blut für die Opfer zu spenden. Das sind keine großen Gesten, die Akteure sind deshalb keine Helden. Aber sie waren da in einer Zeit, in der sie da sein mussten.

Vor ein paar Wochen lautete die Frage: Kann ein Sportklub existieren in einer Stadt, die so viel Ablenkung bietet? Die Antwort: Womöglich ist dieser Klub genau die richtige Ablenkung für diese Stadt. "Wir leben hier, wie viele andere", sagt Neal: "Wir Spieler gehören jetzt zu dieser Stadt." Die Golden Knights wissen nach dieser ersten Partie, nach diesem emotionalen Abend, dass sie nicht fremd sind in dieser Stadt. Sie werden gebraucht.