Wenn Borussia Dortmund im Endspiel der Champions League steht, dann spielt Lars Ricken jedes Mal eine relevante Rolle. Und jedes Mal eine andere. 1997 schoss er in München gegen Juventus Turin das 3:1-Siegtor, 2013 in London trug er vor dem Finale gegen Bayern München (1:2) als schwarz-gelb verkleidetes Musketier den Spielball ins Wembley-Stadion - und am 1. Juni, wenn der BVB erneut in Wembley diesmal auf Real Madrid trifft, dann wird Ricken, 47, als Dortmunds neuer Sportgeschäftsführer auf der Tribüne sitzen.
Er muss sich dann nicht mehr bunt verkleiden und auch nicht mehr über den Rasen laufen - es sei denn natürlich, es gibt nach dem Spiel dort unten etwas zu bejubeln. Das wäre der perfekte Einstieg für den gebürtigen Dortmunder nach 34 Jahren in diesem Klub und in seiner mittlerweile fünften Funktion: erst Jugendspieler, dann Bundesligaprofi, dann Nachwuchskoordinator, dann Leiter des Nachwuchsbereichs - und nun Fußballvorstand.
Ricken hatte niemand auf dem Zettel, als BVB-Boss Hans-Joachim Watzke kürzlich die Besetzung dieser neuen Geschäftsführer-Position verriet. Viele hatten damit gerechnet, dass der aktuelle Sportdirektor Sebastian Kehl dieses Amt erhalten würde, aber Watzke, 64, wählte Ricken. "Für den einen oder anderen mag das überraschend gewesen sein", hat Ricken am Mittwoch bei seiner Präsentation im Stadion erklärt, "aber für mich kam es nicht überraschend, weil Hans-Joachim Watzke mir vor vier oder fünf Jahren schon einmal gesagt hatte, dass er mich mittelfristig in der Geschäftsführung sieht. Vor ein paar Wochen hat er mich dann gefragt, ob ich bereit bin - und da habe ich keine Nacht mehr gebraucht, um noch einmal darüber zu schlafen."
Watzke stimmt Ricken auf "eine Mörderaufgabe" ein
Watzke sieht in Ricken den ihm langjährig bekannten, bestens vertrauten und "hoch ambitionierten" Fachmann, der im Nachwuchsbereich "Außergewöhnliches geleistet" hat. Dass Ricken gebürtiger Dortmunder sei, gewähre ihm bei den Fans und im Umfeld zudem einen "größeren Kreditrahmen". Ricken personifiziere demnach "ein stimmiges Gesamtpaket", so sagt es Watzke, der sich aber auch dessen bewusst ist, dass Ricken kurz vor einem weiteren Champions-League-Finale schon "auf hohem Niveau" in dieses Amt einsteige. Von hier aus alles noch weiter zu verbessern, das sei "eine Mörderaufgabe".
Ricken klingt nicht ängstlich, aber er sagt, dass es "herausfordernd" wird: Unter "moderner Führung" verstehe er, "andere stark zu machen". Dazu wird er hinreichend Gelegenheit bekommen, denn es tummeln sich jetzt erst einmal viele Persönlichkeiten in Leitungsfunktionen beim BVB. Über allen thront noch bis Ende 2025 als Vorstandsboss Watzke, ihm zur Seite stehen in der Geschäftsführung Thomas Treß für die Finanzen und Carsten Cramer fürs Marketing sowie nun eben Ricken als Geschäftsführer Sport. Unter ihm formieren sich als Zuständige für den Fußball: Sebastian Kehl als Direktor Sport, dazu seit dem 1. Mai der Rückkehrer Sven Mislintat als Technischer Direktor mit Schwerpunkt Kaderplanung samt der drei bewährten Scouts Eduard Graf, Sebastian Krug und Laurent Busser.
Und dann ist da ja auch noch als Berater Matthias Sammer sowie als künftiger Leiter des Nachwuchsleistungszentrums Thomas Broich. Eine stattliche Ansammlung mächtiger oder zumindest machtbewusster Persönlichkeiten. Das könnte spannend werden.
"Jeder, der über Qualität verfügt, hat auch ein gewisses Ego", sagte Watzke
"Die Zeiten der One-Man-Shows" seien allerdings ohnehin vorbei, meinte Watzke am Mittwoch und ging damit auch ein wenig der Frage aus dem Weg, warum er Ricken für diesen Job eigentlich für besser geeignet hält als Kehl. Watzke sagte, er habe sich für Ricken entschieden, weil er glaube, dass dieser der "Aufgabe vollumfänglich gewachsen ist"; er hoffe, dass Ricken, Kehl und Mislintat "es hinkriegen, unter Lars' Führung konstruktiv und vertrauensvoll zusammenzuarbeiten". Es könne zwar auch passieren, dass das nicht funktioniere - "weil jeder, der über Qualität verfügt, auch ein gewisses Ego hat" -, aber das glaube er nicht: "In dieser Konstellation sind wir theoretisch sehr gut aufgestellt."
Mit Aussagen zum Kader der kommenden Saison, zur Zukunft des Trainers Edin Terzic und zur Diskrepanz der Leistungen in der Bundesliga und der Champions League hielt sich Ricken derweil ein bisschen zurück. Auf diesbezügliche Fragen verwies er auf das Champions-League-Endspiel in zweieinhalb Wochen als beherrschendes Thema. Wer wüsste besser als Ricken, welche Strahlkraft so ein Spiel - und mehr noch: so ein Erfolg - für einen Verein haben kann.
Seine Arbeit wird sich am Tag nach dem Spiel in Wembley beschleunigen. Insofern hat sich Lars Ricken einen klugen Satz über seinen Amtsantritt in einer ereignisreichen Phase zurechtgelegt: "Die Zukunft", sagt er, "hat schon begonnen".


