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Langlauf:Weg von den Medaillenzielen

Peter SCHLICKENRIEDER DSV Trainer Skilanglauf Sprint Weltmeisterschaften Seefeld 2019 am 21 02

Der ehemalige Langläufer Peter Schlickenrieder gewann Silber im Sprint bei Olympia 2002 in Salt Lake City.

(Foto: Oryk Haist/imago)

Peter Schlickenrieder verfolgt mit den Deutschen einen ganzheitlichen Ansatz. Doch beim Thema Doping zeigt auch der Bundestrainer alte Reflexe.

Dies ist der Zeitpunkt, an dem die Nervosität eigentlich langsam ansteigen müsste. Die Ski-nordisch-Weltmeisterschaft in Seefeld hatte soeben Halbzeit, die Verbände ziehen Zwischenbilanz, feiern Medaillen oder rechtfertigen sich für Niederlagen. Der deutsche Verband DSV ist bestens gestartet. Allerdings haben die vier Goldmedaillen ganz oder zum Teil, nämlich in der Nordischen Kombination, mit Skispringen zu tun. Die Langlaufspezialisten hingegen: hängen hinterher. Sie werden sehr wahrscheinlich auch im zweiten WM-Teil keine Medaille erringen und müssten eigentlich ins Krisenmanagement umschalten, hätte Chefcoach Peter Schlickenrieder nicht schon lange vorher erklärt: "Was definitiv keiner erwarten braucht, ist eine Medaille."

Der Langlauf-Sport hat einen ziemlich ramponierten Ruf, nach diversen Dopingkrisen leidet seine Glaubwürdigkeit. Die russische Staatsdoping-Affäre, der Versuch der Norweger vor zwei Jahren, mit Asthmamitteln Grenzbereiche auszunutzen - sie wirken in Seefeld genauso nach wie das Blutdoping-Geständnis des Österreichers Johannes Dürr. Höchstleistungen werfen daher auch in Seefeld Fragen auf, und in diesem schwierigen Kontext versuchen Schlickenrieder und die Deutschen nun eine neue Langlaufgeneration aufzubauen. Irgendwann will man zwar wieder zu den Medaillenkandidaten gehören, zugleich will Schlickenrieder aber mehr, nämlich dass das Langlaufmilieu für Kinder wieder an Anziehungskraft gewinnt.

Weil Medaillen heute nicht mehr automatisch garantieren, dass eine Disziplin ihre Faszination erhält, versucht es das DSV-Team bei Männern wie Frauen nun mit einem ganzheitlichen Ansatz, der mit alten Vorstellungen aufräumt und ehemalige Cracks durchaus provoziert. Das beginnt bei einem sehr viel entspannteren Kindertraining und endet damit, dass Athleten nach der Karriere die neuen Ideen in ihre Milieus "weitertragen" sollen, wie Schlickenrieder sagt. Dazwischen soll das individuell Beste herausgeholt werden, jeder sich nach seinem Tempo steigern, für sein Training selber Verantwortung übernehmen und seine Bestleistung und Loipenhärte erst dann erreichen, wenn es ihm von Natur aus auch möglich ist - nämlich eher mit 28 als mit 21 Jahren.

Vorerst gelten Etappenziele, und diese haben die Deutschen bislang bei der WM einigermaßen erreicht, mit Platzierungen um Rang 20 und einem Ausreißer nach oben. Viktoria Carl aus Zella-Mehlis schaffte im Sprint zum Auftakt einen fünften Platz. Dabei blieb es aber auch. "Immer", sagte Schlickenrieder vor der WM, "ist es zuletzt vorab um Medaillenziele gegangen", auch dann, wenn diese unrealistisch waren. Damit müsse vorerst mal Schluss sein, wenn es ohnehin nur "Träumerei" ist.

Der Ansatz erscheint schlüssig - auch im Kampf darum, Manipulationen von vornherein den Nährboden zu entziehen. Allerdings zeigen Schlickenrieder und viele andere modern denkende Trainer auch immer noch alte Reflexe. Der Österreicher Dürr hatte geschildert, wie er mit normalem Training an Grenzen stieß und sich dann dazu gezwungen sah, die fehlenden Prozent zur Spitze durch Doping zu überwinden - auch, weil er durch jahrelange Beobachtungen zu dem Schluss gekommen war, dass der Betrug weit verbreitet ist (SZ vom 23.2.). Die Reaktion der Langlauf-Szene: Dürr sei halt ein Einzelfall. Auch Schlickenrieder sagte in der taz, Doping sei eine "Charakterfrage" des Einzelnen, womit er automatisch den zunehmenden Systemzwang negiert, der aus Leistungsdruck, Verbandsvorgaben, kommerziellen Erwartungen und allen möglichen anderen Faktoren entsteht.

Schlickenrieders Plan könnte wohl ein erster Schritt sein zu einer neuen Kultur im Hochleistungssport, aber es bleibt spannend, wie ernst er es meint - und inwieweit er seine Ideen auch durchsetzen kann. Medaillen waren noch immer der Maßstab für jeden Trainer, und der Druck wird automatisch steigen bis zu den nächsten Weltmeisterschaften, die 2021 in der Heimat, in Oberstdorf stattfinden, und schließlich zu den nächsten Olympischen Spielen 2022 in Peking.

Ein bisschen Gegenwind der alten Schule flattert schon jetzt auf. Jochen Behle, Langlauf-Bundestrainer bis 2012 und damit auch in den Hochzeiten der Disziplin hierzulande mit zahlreichen Weltcup- Erfolgen, äußerte in Münchner Merkur und tz Skepsis am neuen Weg. Schlickenrieder könne zwar gut motivieren, erklärte er, doch: "Ob er die Durchschlagskraft, die Härte und Konsequenz auch in der anderen Richtung hat, das muss sich zeigen. Da bin ich mir nicht so sicher."

Durchschlagskraft und Härte? In der anderen Richtung? Nach allem, was Schlickenrieder so erzählt, ist dies nicht, worauf er im Training setzt.