Schwedens Skilangläuferin KarlssonDie Unkaputtbare

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Favoritin in der olympischen Premiere des 50-km-Langlaufrennens der Frauen: Frida Karlsson.
Favoritin in der olympischen Premiere des 50-km-Langlaufrennens der Frauen: Frida Karlsson. Kai Pfaffenbach/Reuters
  • Die Schwedin Frida Karlsson hat bereits zwei Goldmedaillen bei den Winterspielen gewonnen und kann am Sonntag über 50 Kilometer ihre dritte holen.
  • Karlsson überwand in ihrer Karriere ein mentales Tief mit Untergewicht, einen schweren Autounfall Anfang 2023 und ein Stalking-Martyrium bis April 2025.
  • Am Sonntag findet zum ersten Mal bei Winterspielen ein 50-Kilometer-Rennen für Frauen statt, das als Gleichberechtigungsschritt gilt.
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Die Schwedin Frida Karlsson kann am Sonntag ihre dritte Goldmedaille gewinnen. Ehe sie zur besten Langläuferin dieser Spiele wurde, überstand sie ein mentales Tief, einen Autounfall – und ein Martyrium als Stalkingopfer.

Von Sebastian Winter, Val di Fiemme

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An diesem letzten Wochenende der Winterspiele steht die Königsdisziplin des Langlaufs bevor: 50 Kilometer, Massenstart, klassischer Stil. Ein Marathon, ultraanstrengend, auf der bergigen Strecke im Val di Fiemme. Am Samstag gehen die Männer auf die Loipe. Der Norweger Johannes Hosflot Klaebo, der erfolgreichste Wintersportler der Welt, plant dort seinen insgesamt elften Olympiasieg.

Doch eines ist neu: Zum ersten Mal bei Winterspielen starten auch die Frauen auf dieser längsten aller Strecken. Am Sonntag sind sie dran, es ist eine der letzten Entscheidungen vor der Schlussfeier in Verona. Es gab viele Debatten in den vergangenen Monaten, ob diese Distanz nicht zu hart sei für die Frauen. Aber genau darum geht es auch: um Gleichberechtigung. Und darum, die Mär vom fehlenden Durchhaltevermögen zu kontern, die es immer wieder gab. Frida Karlsson könnte jedenfalls gespannter nicht sein.

Die 26-jährige Schwedin ist die erfolgreichste Langläuferin in Tesero, das weibliche Pendant zu Klaebo, wenn auch nicht ganz so dominant. Sie hat über 10 Kilometer Freistil gewonnen, auch den 20 Kilometer Skiathlon, wo im Wechsel klassisch und Skating gelaufen wird. Und wäre nicht der bedauernswerten Ebba Andersson der Ski nach ihrem Saltosturz auf der Strecke abhandengekommen, hätte Karlsson auch mit der Staffel Gold gewonnen. So war es nur Silber.

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Doch am Sonntag hat Karlsson nur ein Ziel: den dritten Olympiasieg. Schwedens König Carl Gustaf, der in Tesero war, als sie ihr zweites Gold gewann, traut es ihr zu, auch das dritte und mit Abstand härteste Einzelrennen zu gewinnen. „Nichts ist unmöglich. Sie ist diesmal wirklich in Topform“, sagte er.

Es ist dieser Frau, die so viel Energie versprüht, aber keine Scheuklappen trägt, also alles zuzutrauen. Sie hat auch jeden Grund, es auch sich selbst nach vielen zweiten und dritten Plätzen zu beweisen. Und nach den Hindernissen, die sie überwinden musste.

Karlsson wuchs in der 7000-Einwohner-Gemeinde Solleftea auf, mit ihren Schwestern Fanny und Hannah in behüteter Umgebung. Ihre Mutter Ann-Marie Karlsson nahm 1992 an den Winterspielen von Albertville teil und ist längst ihre Managerin. Karlsson spielte Handball, Fußball, sie war eine ausdauernde Läuferin. Und sie durchschritt das so typische nordische Schulsystem, mit einer ganzheitlichen Ausbildung, das die Kinder auch im Sport vieles ausprobieren lässt und erst spät auf Spezialisierung setzt.

„Sie hat die Ausdauer, diesen starken Motor, den es in unserem Sport braucht“, sagt ihr Trainer

Früh trat sie in den Skiklub Solleftea SK ein, dort traf sie auch auf ihre Mitstreiterin Andersson. Am Hallstaberget trainierten sie mit Heimcoach Per Nilsson, der mit ihnen im selben Ort aufwuchs.

Das Besondere an Nilsson: Er ist inzwischen Langlauf-Disziplintrainer der Frauen beim Deutschen Skiverband. In Tesero betreut er die Athletinnen, und nebenbei, wenn es die Zeit zulässt, die zurzeit erfolgreichste Langläuferin der Welt.

Wenn man Nilsson fragt, was Karlsson ausmacht, dann zeichnet er das Bild einer Unkaputtbaren: „Sie hat die Ausdauer, diesen starken Motor, den es in unserem Sport braucht. Sie hat für diesen Motor lange trainiert. Das war die Basis.“ Nilsson betreut sie, seit sie 17 ist, momentan habe er wenig Zeit wegen seines Hauptjobs. Im Sommer habe sie ein paar Tage, um Weihnachten herum. Ansonsten telefonieren sie. „Sie weiß, was zu tun ist“, sagt Nilsson.

Wie sich Gold anfühlt, weiß Frida Karlsson bereits. Sie siegte über 10 Kilometer Freistil. Auch den 20 Kilometer Skiathlon, wo im Wechsel klassisch und Skating gelaufen wird, gewann sie danach.
Wie sich Gold anfühlt, weiß Frida Karlsson bereits. Sie siegte über 10 Kilometer Freistil. Auch den 20 Kilometer Skiathlon, wo im Wechsel klassisch und Skating gelaufen wird, gewann sie danach. Kirsty Wigglesworth/AP

Als sie 16 Jahre alt war, erzählt Nilsson, besuchte Karlsson für vier Jahre ein Skigymnasium, in dem sich acht Vollzeitcoaches um sie und den anderen Nachwuchs kümmerten. „Das Ziel ist dort, sie auszubilden, nicht zu Junioren-Stars zu machen“, sagt Nilsson.

Bei der Nordischen Ski-WM 2019 in Seefeld hatte sie ihren Durchbruch, gewann mit Schweden Staffelgold. Danach kam sie zwar sechs Jahre lang immer wieder aufs Podest, aber ganz oben standen meist andere. Karlsson stand zugleich unter Druck, gegen die große Norwegerin Therese Johaug anzukämpfen. Auch das trieb sie in eine gefährliche Spirale, sie aß zu wenig, bekam Untergewicht. Der schwedische Verband sperrte sie intern für mehrere Wochen. In einem Interview mit der norwegischen Tageszeitung Dagbladet sagte sie: „Ich war sehr müde. Alles wurde zum Hindernis. Das Aufwachen war anstrengend. Aufstehen war anstrengend. Es kam zu einem Punkt, an dem ich etwas tun musste.“

Trainer Nilsson berichtet davon, dass Karlsson nach der Pause im Jahr 2021 viel bewusster am Krafttraining, an der Ernährung, am Mentaltraining arbeite. Aber es gab weitere Rückschläge. Anfang 2023, wenige Wochen vor der WM in Planica, verursachte Karlsson einen schweren Autounfall, wie sie dem Radiosender P4 Extra berichtete. Sie wurde leicht verletzt, klagte über Nackenschmerzen und Schwindel. Frustriert sagte sie: „Verschweigen andere Menschen alles, was ihnen passiert, oder bin ich einfach nur extrem tollpatschig und immer an solchen Sachen beteiligt?“

Im Herbst 2023 dann der wohl schlimmste Einschnitt: Ein 64-jähriger Mann begann, ihr aufzulauern, sie anzurufen und ihr Nachrichten zu schicken. Karlsson wurde zum Stalking-Opfer. Ein Gericht verhängte dem Mann ein Kontaktverbot, trotzdem rief er mehr als 200 Mal auf Karlssons Handy an, schickte ihr mehr als 200 SMS, er hatte 7000 Bilder von ihr gespeichert, buchte gar ein Flugticket nach Teneriffa, wohin sie zum Trainingslager gereist war.

Ihr Peiniger wurde wegen Belästigung zu einer Bewährungsstrafe verurteilt

Das Martyrium dauerte bis April 2025, sie hatte Angst, kaufte nur noch in Begleitung ein, übernachtete bei einer Freundin statt Zuhause. Dem Expressen sagte Karlsson: „Ich bin behütet aufgewachsen, habe nie das Auto oder das Haus abgeschlossen. Jetzt aber ist meine kleine Schutzbarriere beschädigt.“ Ihr Peiniger wurde wegen Belästigung zu einer Bewährungsstrafe und einer Zahlung von 3650 Euro Schadenersatz verurteilt. Aber das Vertrauen ist weg, sie muss es sich Tag für Tag zurückerobern.

Karlsson versucht dabei auch, sich selbst nicht zu vergessen. Ihre Instagram-Bilder von langen Mittsommernächten in der Natur suggerieren Bullerbü-Romantik. Zugleich schreibt sie nachdenklich: „Sollten wir Sportler wirklich immer nach Perfektion streben?“ Sie hätten sich durch ständige Forschung und Optimierung mehr zu Maschinen entwickelt, „sie hören mehr auf ihren Puls, ihren Laktatmesser und ihren Schlafring als auf ihren eigenen Körper und ihr Bauchgefühl“. Karlsson schloss: „Sport sollte spielerisch und frei sein – wie ein Tanz ohne Choreografie.“

Sie achtet auf sich, mehr dann je. Und nun tanzt sie tatsächlich in Tesero durch die Loipe. In den Wochen zuvor hatte sie zusammen mit Klaebo trainiert, dem König der Langläufer, er erklärte ihr, wie sie sich die Rennen einteilen müsse.

Egal, was am Sonntag passiert: Vielleicht passt dieser wunderbar leichte Satz von Karlsson nach ihrem ersten Olympiasieg, als sie vor einer guten Woche mit Gold um den Hals auf dem Podium saß, am besten zu ihr: „Die Medaille fühlt sich magisch an“, sagte sie, „aber ich glaube, ich bekomme davon einen steifen Nacken.“

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