Süddeutsche Zeitung

Ski-Nordisch-WM:Die Zukunft ist silbern

Die Staffel der Langläuferinnen erobert in Planica erstmals seit zwölf Jahren wieder eine WM-Medaille. Damit beweist das Quartett, dass der Olympia-Erfolg von Peking kein einmaliges deutsches Wintermärchen war.

Von Volker Kreisl, Planica

Am Anfang war das Mahnen. Die deutschen Langläuferinnen vergaßen nicht, dass diese Strecke Tücken hat. Einen harten, lang gezogenen Anstieg bietet sie und dann auf dem Weg zum Ziel noch weitere Kurzanstiege, die schnell die Muskeln überlasten und den Erfolg gefährden. "Es ist wichtig, dass man sich die Strecke gut einteilt", trug sich Pia Fink vorab selber auf. Und: "Kraft sparen, Kräfte einteilen und sich in den Abfahrten erholen", nahm sich Laura Gimmler vor.

Denn die Aufgabe für die Staffel bei der Ski-Nordisch-Weltmeisterschaft in Planica erschien so schwer wie zuletzt stets üblich: Norwegen und Schweden mit ihren großartigen Läuferinnen würden sich um Gold streiten, der Rest der besseren Nationen würde um Bronze kämpfen, eine Art Gold für die Schwächeren.

Dann aber kam es anders. Als am frühen Nachmittag das Ergebnis feststand, erwies sich die gängige Prognose als falsch. Eine Mannschaft hatte sich nicht an die Hierarchie gehalten - die der Deutschen. Zunächst Gimmler, dann Katharina Hennig, schließlich Pia Fink und Victoria Carl grätschten dazwischen und gewannen wie schon bei den Olympischen Winterspielen in Peking vor einem Jahr Silber.

Hennig übergibt als Erste, dann folgt die Flucht nach vorn

Vorab trieb die Betreuer die Sorge um, dass dieses Team sich vor lauter Ehrgeiz doch übernehmen könnte, insbesondere vor dem Finish. "Wichtig wird es sein, dass die Vicky ruhig bleibt", sagte Teamchef Peter Schlickenrieder - denn Victoria Carl kann in der Loipe leicht mal die Geduld verlieren. Man spürte generell viel Energie im Team, es ging auch hier um die Last der Vergangenheit, besser gesagt, um einen Stachel, den man gerne entfernt hätte: Die letzte WM-Medaille der DSV-Läuferinnen lag zwölf Jahre zurück. Die Equipe aber war aktuell in Form, diese Medaille war nun fällig.

Viermal fünf Kilometer waren zu absolvieren, und wie häufig lief ein Pulk vorneweg, allerdings schon mit der ersten Überraschung: Die US-Läuferinnen fehlten, sie hielten von Beginn an nicht mit. Vier Teams also - Norwegen, Schweden, Deutschland und Finnland - betrieben das übliche Auftaktspiel, sie zogen an, bremsten wieder, probierten und reihten sich wieder im Windschatten ein; beim ersten Wechsel hatte Laura Gimmler ihre Aufgabe solide erledigt.

Ähnlich wurde es in Runde zwei, mit dem Unterschied, dass nun Katharina Hennig dabei war und die drei Gegnerinnen ärgerte, vor allem im letzten Teil ihres Auftritts. Hennig übergab als Erste, mit kaum Vorsprung zwar, aber mit der unausgesprochenen Ansage: Die deutschen Frauen sind immer noch so gut wie bei Olympia vor einem Jahr. Nicht nur Hennig, sondern auch ihre Gegnerinnen lagen pumpend im Schnee, danach wurde zur Offensive übergegangen.

Die zweite Hälfte dieser Staffel wurde zu einer Art allgemeiner Flucht nach vorne. Norwegen setzte sich ab, dahinter machte Pia Fink vielleicht das Rennen ihres bisherigen Lebens. Sie versuchte Ingvild Flugstad Östberg nicht aus den Augen zu verlieren und sich dennoch nicht zu früh zu verausgaben. Der Plan ging auf, ihr Vorsprung vor Frida Karlsson und Krista Parmakoski blieb solide.

Schlussläuferin Victoria Carl befolgt die Ansage

Die Schlussrunde entwickelte sich für die Zuschauer dann zu einem Rennen, dessen Spannung sich nicht mehr aus den Duellen ergab, sondern aus dem Blick auf die Uhr. Wer kommt als nächstes aus dem Wald? Wie stark schmelzen die Vorsprünge? Die Norwegerin Anne Kjersti Kalvaa, die Thüringerin Victoria Carl und die Schwedin Maja Dahlqvist - angefeuert, besser gesagt: vollgebrüllt von ihren Trainern - brachten so viel Bewegung in den Wettkampf, dass sich Fans und Mitarbeiter fragen mussten, wann die erste Läuferin einbrach. Am Ende blieb es bei der Reihenfolge: Carl hatte Coach Schlickenrieders Ansage befolgt und sich nicht verausgabt.

Silber hat nun verschiedene angenehme Folgen für das Team. Es war kein Gewalterfolg, stattdessen hatte man eine taktisch kluge Renneinteilung vorgeführt, was gut ist fürs Selbstbewusstsein und das allgemeine Teamvertrauen. Das 30-Kilometer-Rennen, in dem Hennig auch noch starten wird, ist nun Zugabe. Und, was Schlickenrieder dann noch besonders hervorhob: Der DSV, Abteilung Langlauf, hat nun endlich mal seinen Erfolg wiederholt.

Teamsprint-Gold und Staffel-Silber in Peking 2022, das war also kein einmaliges deutsches Langlaufmärchen. Es folgt diesmal auch keine Verabschiedung verdienter Olympiaheldinnen. Stattdessen, so hofft Schlickenrieder, ganz von Silber beglückt, geht es jetzt erst richtig los: "Wir haben bewiesen, dass wir den Erfolg vom letzten Jahr wiederholen können", sagte er. Und: "Silber glänzt wie Gold." Weiter erklärte er, "wenn man sieht, wie sich das Team Schritt für Schritt vorwärts arbeitet, dann ist das der Lohn für die ganze Arbeit, den Stress und den Aufwand." Dann bog der Teamchef rhetorisch selber auf die Zielgerade und adelte seine Läuferinnen: "Es ist noch mehr ein Team als in Peking", sagte er, fast jede Athletin habe jetzt eine Medaille, und die, die noch keine hat, so versprach er, die wird in den nächsten Jahren eine kriegen.

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