Er fühlte sich am Ende. Seine Sportart, die er so liebte, konnte ihm nichts mehr geben. Das Regenerieren nach dem Training zog sich immer länger hin. Kein Wunder, er war schon knapp über 30 Jahre alt, zudem war er kürzlich Vater geworden, was noch ganz andere Beanspruchungen ergab. Er dachte: „Ich kann nicht mehr.“
Aber wie es halt so ist: Auch Lucas Bögl aus Bad Tölz vermied eine zu schnelle Entscheidung, stattdessen kam er erst einmal zur Ruhe. Und weil er zu Hause war und im Winter in den nahen Loipen trainieren konnte, weil er den Winter liebte, wurde aus dem „Ich kann nicht mehr“ ein „Ich will’s noch mal wissen“. Die kleine Krise machte Bögl klar, dass sein Sport ein Geschenk ist. Langlauf kann auf der einen Seite eine höllische Qual werden, wenn die Tagesform oder das Wachs unter den Skiern nicht stimmen – und andererseits eine „wahnsinnig gute und gesunde Bewegung“, wie Bögl sagt: ,,Ich brauch' da ja nichts, nur Arme und Beine und einen stabilen Rumpf.“
Diese sportliche Phase könnte auch zu seiner Lebensphase passen. Ein Neustart, der noch anhält und ganz neue Perspektiven bringt. Denn das deutsche Langlaufteam hatte zwar bis in jüngster Vergangenheit nicht wirklich große Chancen gegen skandinavische Teams und Einzelkönner aus den Alpenländern. Jedoch verfügt es nun wieder über einige Athleten, die im Parallelstil zu einer Medaille laufen oder skaten können.

SZ Serie zur Zukunft des Wintersports:Schnee von morgen
Bald wird es in den Alpen an vielen Skiorten zu warm sein, um im Winter die Pisten zu beschneien. Und dann? Anderswo sind Alternativen Schnee schon im Einsatz: Bürsten, Wellen und Kunststoffspaghetti. Ein Blick in die Zukunft des Skifahrens.
Bundestrainer Peter Schlickenrieder und seine Stützpunktbetreuer haben schon länger nach Talenten gesucht und offensichtlich einige gefunden. Viele „emotionale Erfolge“ habe die Abteilung des deutschen Skiverbands verzeichnet, sagt Schlickenrieder, „der emotionalste war vielleicht der erste Einzel-Weltcupsieg von Viktoria Carl, der ist schon eine ganz große Nummer gewesen.“ Bei den Männern stach etwa Friedrich Moch, 24, hervor, der bei der Tour de Ski 2024 den zweiten Platz im Gesamtklassement erlaufen hat und Teil der Bronzestaffel 2023 war.
Jüngere sind also dabei, in den kraftraubenden Sprintkategorien oder den langen Distanzen, etwa den 50 Kilometern. Bögl war lange Zeit ein Teil der Erfolge, bei den jüngeren Medaillen befand er sich bereits in einer Phase, in der Langläufer ihr Programm reduzieren. Auf den großen Distanzen kann man als ambitionierter Läufer schnell die Kräfte verlieren – und im Ziel liegen dann viele erst einmal länger platt im Schnee. Auch die kurzen Rennen für die muskelbepackten Sprinter, sagt Bögl, seien nichts mehr für ihn. Bleibt die Mitte übrig, das sind die zehn Kilometer.
Eine Entfernung, in der doch einiges steckt. Beim Zehn-Kilometer-Lauf ist das Tempo schnell, aber nicht rasant. Es ist die Herausforderung, die auch jene meistern, deren Kunst sich aus der Erfahrung speist. Jene, die sich die Kraft einteilen können, die den entscheidenden Zwischensprint zum richtigen Zeitpunkt ansetzen. Es handelt sich um die Athleten, die hauptsächlich noch über diese Distanz in die Top Ten kommen und vielleicht noch eine späte Medaille erringen, wie Lucas Bögl, 34.
Dazu muss er aber nicht nur die richtige Distanz wählen, sondern auch seine Lauftechnik optimieren, ein Prozess, der lange dauert. Kaum ein Langläufer oder eine Langläuferin hat eine perfekte Technik – jedoch kann man in einem durchaus längeren Prozess die richtige Haltung finden. „Da geht’s um Funktionalität, also dass nicht die Energie an den falschen Stellen des Ablaufs verloren geht“, sagt Bögl.
Als älterer Langläufer kann man nicht mehr klotzen, man muss den Dingen auf den Grund gehen
Langlauf muss man lieben, vielleicht mehr als die meisten Sportler ihre Disziplinen. Man muss lange trainieren, vom Frühsommer an bis zum letzten Training im Spätwinter und dann noch weiter. Die Beine müssen in Bewegung bleiben, damit das Gleichgewicht von Kraft und Leichtigkeit erhalten bleibt. Wirklich gesund ist Langlauf als Leistungssport auch nicht. Man holt sich trotz Vorsorge häufiger mal eine Erkältung – und „trotzdem“, sagt Bögl, „versuchen wir doch immer zu trainieren“, denn in dieser oder jener Muskelgruppe, „da kann man ja vielleicht noch viel erreichen“.
Bögl, der schon fast resigniert hatte, fand nun also eine neue Herangehensweise. Und er fand Marco Kaufmann, einen Fitnesscoach, der ihm geholfen hat, seine Beine wieder ein bisschen zu verjüngen. Denn als älterer Langläufer kann man nicht mehr klotzen, jenseits der Dreißig muss man den Dingen auf den Grund gehen, im Wortsinne – nämlich hinunter zu seinen Beinen und Füßen. Bögl ließ sich darauf ein und entdeckte zusammen mit Kaufmann, woran es lag: Er, der als Top-Langläufer eigentlich eine brillante Lauftechnik hat, besitzt dennoch eine Art schräges Gestell: das rechte Bein ist etwas leicht verkürzt, was mit bloßem Auge so einfach nicht zu sehen ist. Aber: „Ich konnte nie mit gleicher Kraft in den Sprunggelenken laufen.“
Nun hat er mit viel Geduld, gezieltem Muskeltraining und der Lockerung des Sehnenapparats seine Symmetrie wieder hergestellt. Aber nicht nur das, sondern auch ein weiterer, der vielleicht wichtigste Effekt des neuen Formaufbaus hatte eingesetzt. Bögl konnte es kaum glauben, denn: „Die Schmerzen sind weg.“
Und der Ehrgeiz ist zurück. Seine Technik hat er gewissermaßen rundüberholt. Sein Team hat gute Arbeit geleistet. Nun ist sein Körper im Training und im Wettkampf, wenn es wieder ernst wird, auf das Wesentliche reduziert, auf die zehn Kilometer. Und Bögl sagt: „Wir sind noch lange nicht am Ende.“

